Der Andrang auf die kosmopolitischen Krabbelgruppen ist groß, nicht nur bei den Little Giants gibt es Wartelisten. Auch bei der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, in der Kleinkinder Mandarin lernen, gibt es mehr Anfragen als Plätze. In der Potsdamer Edelkita "Villa Ritz" kann der Nachwuchs ebenso Chinesisch lernen; Ballettsaal, Musikraum und Wellness-Abteilung gehören zur Ausstattung.

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Kosten pro Kind und Monat: bis zu 1000 Euro. Die britische Franchise-Firma Helen Doron bietet Englischkurse und Mathematik für Kinder im Vorschulalter an, etwa 80 dieser kommerziellen Schulen gibt es bereits in Deutschland. Auch die japanische Privatschulkette Kumon wächst stark, in mittlerweile 180 Lerncentern pauken Vorschulkinder hierzulande Mathe.

Gefährlicher Drill oder wertvolle Chance?

Ist so eine Erziehung gefährlicher Drill oder eine wertvolle Chance, die Eltern auf keinen Fall verpassen sollten? Seit die privaten Bildungseinrichtungen für Babys in Mode gekommen sind, ist in der Öffentlichkeit ein Streit über den Sinn der Frühförderung entbrannt. Wolfgang Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover, hält "Elitekindergärten vom Konzept Little Giants" für einen "Skandal". Die Kinder lernten in solchen Einrichtungen vor allem das Rivalisieren. Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Bozen, ist zurückhaltender. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Frühförderung und verteufelt sie nicht generell, warnt aber davor, Kinder zu überfordern: "Nicht die Vermittlung von Wissen steht im Vordergrund, sondern die Stärkung kindlicher Entwicklung und Kompetenzen."

Manche Frühförderfirmen werben dennoch aggressiv mit der Optimierung der Karrierechancen schon im Windelalter. "Einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung für die gesamte spätere Schullaufbahn" verspricht Fastrackids, eine US-Kette, die weltweit Kleinkinderschulen betreibt.

Lebensstrategie für Babys

Zwei- bis Neunjährige absolvieren bei den Fastrackids einen beeindruckenden Stundenplan, der an die Oberstufe des Gymnasiums erinnert: Astronomie, Ökonomie, Literatur, außerdem das Fach "Lebensstrategien". In Experimenten simulieren die Kinder zum Beispiel einen Vulkanausbruch. Bei den Kleinkindern sollen, so heißt es in den Zielvorgaben der Firma, "versteckte Potentiale aktiviert" und das Gehirn des Kindes "zur maximalen Kapazität angeregt" werden. Klassische Musik im Hintergrund soll zusätzlich für einen "Mozart-Effekt" sorgen.

Anbieter wie Fastrackids verweisen gern auf die Hirnforschung, sprechen von "kinesiologischen Aktivitäten", Synapsenvernetzung und Zeitfenstern, die sich bei Kindern schließen und genutzt werden sollten. Viele Eltern glauben daran. "Alles Quatsch", sagt dagegen der Hirnforscher Manfred Spitzer aus Ulm.

Genau das Gegenteil sei der Fall: Werden die Babys mit Lernprogrammen und elektronischen Medien überflutet, behindere das ihre geistige Entwicklung. Babys lernen ganzheitlich, das wird durch neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung bestätigt.Eine US-Studie mit 1000 Familien hat ergeben, dass Kinder, denen viel vorgelesen wird, acht Prozent mehr Wörter kennen als der Durchschnitt. Kinder, die regelmäßig Baby-TV oder Baby-DVDs schauen, dagegen 20 Prozent weniger.

Besuch beim Metzger

Einig sind sich die Erziehungswissenschaftler darin, dass man Kleinkindern kein Wissen per Frontalunterricht eintrichtern kann, da sie spielerisch und intuitiv lernen. "Unser Programm soll nicht so hochtrabend sein", sagt denn auch Jelena Wahler von den Little Giants in Stuttgart, "wir finden es wichtiger, dass die Kinder im Park spazieren gehen oder beim Metzger sehen, wie man Maultaschen macht und dies auch selbst ausprobieren, als dass sie mit drei einen Vortrag über Astronomie hören." Englisch lernen schon die Wickelkinder in der Krippe, allerdings eher nebenbei. Kinder erwerben eine zweite Sprache nur dann gut, bestätigt Henning Scheich, Professor für Neurobiologie am Leibniz-Institut in Magdeburg, wenn sie in der Familie gesprochen wird oder von muttersprachlichen Erziehern in der Kindertagesstätte.

Erzieherin Helen Broom spricht bei den Little Giants deshalb nur englisch. Wenn ein Kind auf Deutsch antwortet, tut sie so, als hätte sie Englisch gehört. Beim Kürbis-Aushöhlen ist das kein Problem. "Use your hands!" sagt sie, und ein mit Kürbismus besudelter Junge antwortet: "Nö, mit'm Löffel." Finn sagt nichts, er muss nun dringend seinen Stoffhund in Sicherheit bringen vor dem Kürbismatsch, den die kleinen Riesen herumspritzen. Finn und sein bester Kumpel, der Hund, kommen prima zurecht mit der Zweisprachigkeit. Sie verstehen sich ohne Worte.

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(SZ vom 31.10.2009/pfau)