Fitness-Studios Unwort "Bodybuilding"

In der heutigen Fitness-Welt ist "Bodybuilding" ein Unwort. Zu Unrecht, wie Erich Janner, 68, deutsches Kraftmaschinen-Urgestein, betont. "Schließlich beschreibt der Begriff heute wie gestern ein System von Übungen zur Entwicklung der Gesamtmuskulatur", darauf legt Janner Wert. Gemeinsam mit Arnold Schwarzenegger und anderen Muskelmännern gründete Janner 1966 den "Deutschen Kraftsportverband" - angeregt einerseits von den amerikanischen "Herkules"-Filmen mit Mister Universum Steve Reeves, andererseits fasziniert vom Deutsch-Amerikaner Harry Gelbfarb, der Mitte der Fünfziger in Schweinfurt das erste Fitness-Studio Deutschlands eröffnete.

Eigentlich wollten die Deutschen vom "Heranzüchten kerngesunder Körper", wie es Nazi-Ideologen genannt hatten, nichts mehr wissen. Der leicht umnebelte Sportlehrer und Nudist Hans Surén hatte das Thema Leibeszucht in seinem Buch "Mensch und Sonne" rassenwahnsinnig aufgeblasen. Anschließend schmiss ihn sogar die NSDAP raus - allerdings wegen öffentlichen Onanierens. Bis 1945 durfte er nur noch durch den Gefängnishof joggen.

In der Münchner Isabellastraße erzählt ein Schild mit dem fast verblichenem Schriftzug "Fitness-Center Smolana" von den Tagen, in der körperliche Ertüchtigung in Deutschland - gewissermaßen aus Nachkriegs-Scham - nur noch in schimmligen Hinterhöfen stattfand. Eine Zeit, in der die Fitness-Maschinen fast ausschließlich von Männern und keineswegs durchgängig von 6 bis 23 Uhr benutzt wurden. Klaus Beer, der Autolackierer von nebenan, erinnert sich noch gut an das Quietschen der Geräte beim Smolana.

Schwarzenegger habe hier in den sechziger Jahren regelmäßig trainiert, bevor er in ein Studio in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs gewechselt sei. Aber auch diese Muskel-Bude in der Schillerstraße konnte im Wettbewerb um Ergometer und Crosstrainer langfristig nicht bestehen. Heute befindet sich hier das Hotel "Brunnenhof" - und der Inhaber Florian Voigt berichtet an der Rezeption, dass einige amerikanische Touristen gezielt sein Haus ansteuerten - gewissermaßen auf der Suche nach einer echten Terminator-Hantel. Eigentlich müsse er, sagt Voigt, dem ehemaligen Gouverneur von Kalifornien endlich mal eine Gedenktafel spendieren.

Seit Schwarzenegger hat die Fitness-Branche eine Art Wettrüsten erfasst. Gewichte und Rudermaschinen reichen schon lange nicht mehr. Heute müssen Lounge-Sofas her, ein Wellness-Bereich, Yoga-Kurse, individuelle Musikprogramme sowie Kinderbetreuung. Die Kraftmaschinen werden immer größer und anspruchsvoller. Wer zum Beispiel in der Fitness-Kathedrale von München-Brunnthal seinen Transponder in Laufband, Ergometer oder Stepper steckt, wird via Flachbildschirm namentlich begrüßt. Sofort stellt sich das Gerät auf die individuellen Wünsche des Kunden ein: Mehr Oberschenkel? Weniger Po? Alles kein Problem.

Auf dem Flatscreen des Laufbands startet ein kurzer Film, damit der Sportler bei der Übung ja nichts falsch macht. Wie wäre es anschließend mit etwas Adventure Cycling nebenan? Oder Functional Training an den Handzügen? Hier empfiehlt der Computer die Übung "Holzhacken". Zumindest dieses Wort kommt dem Laien noch bekannt vor. Der Rest heißt: Bodyart, Stretch Pur Bodystyling, Hatha Workout, Kundalini Yoga, Kids-Capoeira. Muss dieser Schnickschnack wirklich sein?

"Nun, es gibt im Leben immer die Möglichkeit, sich zwischen Currywurst und Feinkost zu entscheiden", betont "Body + Soul"-Chef Michael Pribil. Mit sechs Saunen, individuellem Multimedia-Programm und 125 Kursen pro Woche biete er eben Feinkost. Und Pribil ist sein bester Werbeträger: Seine Muskeln drücken beeindruckend olympionikisch gegen das schwarze T-Shirt.

Dass Fitness einmal zum lukrativen Berufsmodell für Viele werden könnte, galt in den achtziger Jahren, als Jane Fonda noch in rosa Monsterstulpen über den Bildschirm hüpfte, als eher unwahrscheinlich. "In Anzing, wo ich aufgewachsen bin", erzählt Martin Seiz, 41, Chef des 24 Jahre alten Centers "Leo's" an der Münchner Leopoldstraße, "waren klassische Berufe wie Bäcker, Metzger oder Mechaniker anerkannt.

Mit meinem Berufsziel als Fitnesstrainer konnte man nicht viel anfangen. Das wurde für eine Notlösung gehalten." Heute beschäftigt Seiz 100 Mitarbeiter, in seinen Räumen trainieren 3000 Jahreskartenbesitzer. Obwohl es hier weder Schwimmbad noch Kletterwand gibt. Fast ein Unding, im so genannten Premiumbereich.

Fitness muss heute entweder günstig sein, zum Beispiel in den oft dunklen, eng mit Geräten vollgepackten Studios der Billig-Kette "McFit" (Motto: "Einfach gut aussehen", 975000 Mitglieder). Und Fitness muss schnell gehen, da es dem gehetzten Menschen generell an Zeit mangelt. Darauf setzt beispielsweise die Kette "Body Street", die für "das zeitsparendste Training, das Sie jemals kennengelernt haben" wirbt. Hier wird im Schaufenster mit Reizstrom-Westen um die Wette gehopst.

Sophia, 32, bevorzugt einen herkömmlichen Center für "meine Endorphine". Die blonde Reisekauffrau sitzt dreimal pro Woche an der Kraftmaschine. Schließlich sei gutes Aussehen gerade in ihrer Branche wichtig. Im Fotoladen hat sie kürzlich Bewerbungsfotos von sich anfertigen lassen. "Inklusive Computer-Beauty-Retusche." Fotos mit Computer-Beauty-Retusche? Womöglich eine ganz neue Idee für den Wettbewerb in der Fitness-Branche.

"Dank dem Transponder wissen wir genau, was wann von welcher Zielgruppe benutzt wird", erklärt Geschäftsführer Pribil in München-Brunnthal. "Wir wissen, dass Frauen eher die ruhige Ecke bevorzugen und sich Männer auch mal an ein Gerät setzen, wo öfter jemand vorbeikommt." Und was ist mit den Leuten, die nur aus schlechtem Gewissen ihren Jahresbeitrag zahlen, dann aber nie vorbeischauen?

Bei ihm gebe es keine Karteileichen, versichert der Geschäftsführer. "Stellen wir nämlich über den Transponder fest, dass einer unserer Gäste schon lange nicht mehr da war, so wird er von uns angerufen." Zur Sicherheit: Das ist keine Sekte! "Wir sind eine Community." Eine Community mit dem unbedingten Willen, das Holzhacken völlig neu zu erfinden.