Familie und Partnerschaft Wohl geboren

Wenn Kreißsäle schließen, schreien alle auf. Zu Unrecht. Mit weniger Kliniken ginge es Kind und Mutter vielleicht sogar besser, sagt unsere Autorin.

Von Nina von Hardenberg

Das Krankenhaus, in dem eine Frau ihr Kind bekommt, bleibt ihr in der Regel ein Leben lang lieb und teuer. Das ist gut für die Krankenhäuser: Gelungene Geburten sind lang anhaltende Imagefaktoren. Wo ich mich mit meinem Baby gut aufgehoben gefühlt habe, da lasse ich mir später auch den grauen Star operieren, und da schicke ich noch den Opa mit seiner Hüfte hin. Klinikmanager wissen das. Viele bieten die Geburtshilfe darum gerne an, selbst wenn dieser Zweig der Medizin mitunter ein Zuschussgeschäft ist.

Die starken Gefühle helfen den Kliniken, der Diskussion um die Geburtshilfe helfen sie nicht. Wann immer Kreißsäle schließen, sammeln sich die Bürger zum Protest. Als im Sommer mehrere Stationen in Bayern wegen Hebammenmangels aufgaben, machten wütende Eltern bei Facebook unter "Auf den Tisch hauen für Hebammen" ihrem Ärger Luft. So verständlich solche Emotionen sind, sie verstellen den Blick auf die Fakten. Etwa darauf, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch sehr viele Geburtsstationen hat. Und - wichtiger noch - darauf, dass "mehr" in der Gesundheitsversorgung noch lange nicht "besser" heißt.

Deutschland gibt mit 11,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Geld für sein Gesundheitssystem aus als der Schnitt der EU-Staaten, dort sind es 9,9 Prozent. Deutschland hat im westeuropäischen Vergleich auch viel mehr Kliniken, nämlich knapp 2000, und innerhalb der EU die meisten Klinikbetten, nämlich 8,2 pro 1000 Einwohner, in der EU sind es durchschnittlich 5,2 Betten. Deutschland hat trotz aller Schließungen auch noch ein dichtes Netz von zuletzt mehr als 700 Geburtsstationen, das nächste Krankenhaus ist nie weit. Schweden hat 42, obwohl es weitaus größer ist. Doch Masse macht eben nicht automatisch Klasse.

Beispiel Frühchen: Trotz des engmaschigen Kliniknetzes in Deutschland kommen hierzulande seit Jahren im Verhältnis deutlich mehr Kinder vor ihrer Zeit auf die Welt als etwa in Schweden, dabei kann jede Woche zu früh die neurologische Entwicklung der Kinder beeinträchtigen. Beispiel Säuglingssterblichkeit: Zwar sterben auch bei uns nur noch sehr wenige Babys, 2015 waren es 3,3 Promille der Neugeborenen. Doch zeigen auch hier die nordeuropäischen Nachbarn, dass es noch besser geht: In Schweden waren es 2,5 Promille, in Finnland 1,7. Ein kleiner Unterschied? Bei mehr als 700 000 Neugeborenen bedeutet er rein rechnerisch, dass pro Jahr mehr als 1000 weitere Säuglinge in Deutschland überleben würden, wenn man zu Finnland aufschließen könnte. Natürlich spielen bei diesen Kennziffern viele Faktoren eine Rolle. Aber die Krankenhäuser sind ein wichtiger.

Genau darum sollte es gehen in der Diskussion, ob einzelne Geburtsstationen schließen müssen oder nicht. Es ist nicht das Wichtigste, ob man in einem Krankenhaus ein schönes Geburtserlebnis hatte. Es ist zunächst einmal auch nicht am wichtigsten, ob man für die Geburt eine weite Anreise hatte. Wichtig ist, dass Mutter und Kind nach der Geburt wohlauf sind.

In Schweden fliegt man die Schwangeren notfalls im Helikopter in die Klinik

Schweden hat mit vergleichsweise wenigen Häusern proportional weniger Kaiserschnitte, die ein zusätzliches Risiko darstellen können, und eine geringere Müttersterblichkeit. Was, sollte jetzt jeder Politiker fragen, kann ich tun, um da aufzuholen? Sie fragen aber nicht. Und das ist der eigentliche Skandal. Zwar hat das Bundesgesundheitsministerium die Probleme erkannt. Im Nationalen Gesundheitsziel zur Geburt, einer von etwa 140 Gesundheitsorganisationen getragenen Absichtserklärung, steht seit 2016 das Ziel, die Frühgeburtenrate zu senken. Aber wenn es konkret wird, wissen Politiker, dass man mit der Schließung von Kliniken Wahlen nur verlieren kann. Also sagen sie gern Sätze wie: "Die wohnortnahe Versorgung muss sichergestellt werden."

Aber muss sie das wirklich? Klar ist es auf den ersten Blick empörend, dass Sylt und Föhr ihre Geburtsstationen schließen mussten und dass die Insulaner jetzt zum Teil Wochen vor der Geburt aufs Festland übersiedeln müssen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass schon vorher keine Frau gut beraten war, ihr Kind in einem solchen Minikrankenhaus zu bekommen. Föhr etwa verfügte nicht einmal über die für einen Notfall nötige Menge an Blutkonserven. Unkontrollierte Blutungen, die es bei Geburten geben kann, können da lebensgefährlich werden.

Auch in Schweden gibt es weite Landstriche ohne einen einzigen Kreißsaal. Die schwangeren Frauen werden im Zweifel mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht - sie landen dann aber garantiert in einem großen, gut ausgestatteten Haus. Der Berliner Neonatologe Rainer Rossi, der seit Langem zum Thema Geburt forscht, sagt deshalb, die Versorgung in Schweden sei nicht trotz, sondern gerade wegen der wenigen Häuser besser.

Denn wo es viele Krankenhäuser gibt, sind auch die Ärzte, Hebammen und Kinderkrankenschwestern auf viele Häuser verteilt. Man könnte sagen, die geballte Expertise verliert sich in den vielen kleinen Einheiten: Weil wir so viele, nämlich etwa 700 Geburtsstationen haben, aber nur gut 350 Kinderkliniken, findet in der Hälfte der Häuser eine Geburt statt, ohne dass automatisch ein Kinderarzt in der Nähe ist. Darum müssen Kinder - und, wo die Intensivstation fehlt, auch Frauen - im Notfall verlegt werden. Und weil es 180 Kliniken mit weniger als 500 Geburten pro Jahr gibt, haben Ärzte und Hebammen bei kritischen Verläufen weniger Routine.

Das führt dazu, dass Deutschland trotz hoher Kosten schlechter ist, als es sein könnte. Dieser Zusammenhang ist auch für andere Bereiche der Medizin, etwa für die Überlebenschancen von Patienten nach einem Herzinfarkt, so eindeutig belegt, dass sich im Oktober 2016 eine Gruppe führender Mediziner der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle, mit einem viel beachteten Appell an die Öffentlichkeit wandte. Deutschland habe zu viele schlechte Krankenhäuser, warnten die Wissenschaftler. Sie forderten eine Reform, forderten weniger, aber dafür besser ausgestattete Häuser. Dies sei kein Weg, um Geld zu sparen, betonen sie, sondern um mit dem gleichen Geld bessere Medizin zu machen.

Genügend Hebammen sind wichtig für eine gute Geburt - Anwärterinnen üben sich 1927 in der Frauenklinik in Neukölln im richtigen Umgang mit dem Neugeborenen.

(Foto: SZ-Photo/Scherl)

Weniger Häuser sind - und das sagen inzwischen sogar Hebammen - auch ein gangbarer Weg, um die Mitarbeiter zufriedener zu machen und so die Hebammennot zu lindern. Denn wenn Kliniken in Bayern keine Hebammen mehr finden, liegt das nicht daran, dass es heute weniger Hebammen gibt. Es liegt daran, dass die vorhandenen Hebammen - genauso übrigens wie Pfleger und Ärzte - heute nicht mehr bereit sind, drei Wochenenden hintereinander Dienst zu schieben. Zeit für Familie und Freizeit ist wichtiger als früher, und so konzentriert sich manche Hebamme auf die Vor- und Nachbetreuung der Frauen, und immer mehr arbeiten nur noch Teilzeit in der Klinik. In großen Teams aber können Dienste gerechter verteilt werden, auch der Krankheitsfall der Kollegin wird besser abgefedert. Neben der Qualität ist damit die Personalnot zu einem Argument für größere Geburtskliniken geworden.

Große, gut ausgelastete und damit profitable Stationen sollten dann auch verpflichtet werden, mehr Personal einzustellen, damit nicht eine Hebamme zwischen mehreren Geburten hin- und herflitzen muss. Die Hetze vermiest den Hebammen den Beruf und gefährdet Mutter und Kind. Länder wie Norwegen zeigen, was wir brauchen: Seit 2010 soll dort eine Hebamme nur nicht mehr mehrere Geburten gleichzeitig verantworten. Auch wenn das nicht immer klappt: Die Richtung stimmt. Insofern ist auch der kürzlich ergangene, viel kritisierte Schiedsspruch zu den freiberuflichen Hebammen, die in Bayern den größten Teil der Geburtshelfer in Kliniken stellen, zunächst einmal richtig. Er legt fest, dass diese nur noch zwei Geburten gleichzeitig betreuen dürfen. Auch wenn das die Freiberuflerinnen in finanzielle und die Kliniken in organisatorische Nöte stürzt und sich darum kaum umsetzen lassen wird: Im Grunde erfüllt der Spruch, was sich alle wünschen: mehr Zeit für die Frauen.

Ist es also schlimm, wenn morgen das Krankenhaus vor meiner Haustür verschwindet? Im Einzelfall vielleicht schon: München traf es zuletzt hart, als im Umland mehrere Kreißsäle schlossen, während die Stadt gleichzeitig einen Babyboom erlebte. In Zeiten steigender Geburtenzahlen muss für jeden Kreißsaal, der wegfällt, ein anderer erweitert werden. In Berlin, wo einer Erhebung zufolge im vergangenen Jahr so viele Kinder geboren wurden wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, wollen nun fünf Kliniken ihre Kreißsäle ausbauen. Das ist gut, dieser Prozess darf aber nicht den Kliniken allein überlassen werden.

Hebammen wünschen sich mehr Zeit für jede einzelne Gebärende

Es braucht mutige Politiker, die kluge Vorgaben machen, welche Geburtsstationen wir künftig brauchen und wo. Und wie viele Hebammen und Ärzte dort arbeiten sollen. Damit künftig kein Frühchen mehr ohne Kinderarzt auskommen muss, damit kein Arzt sich am frühen Abend quasi prophylaktisch für einen Kaiserschnitt entscheidet, weil die Kollegin später allein im Dienst ist. Damit keine Gebärende stark blutend verlegt werden muss.

Es stimmt ja, die allermeisten Geburten laufen nicht so ab. Die allermeisten bleiben als schönes Erlebnis in Erinnerung. Aber das nutzt den zwei von 100 Frauen nichts, bei denen alles anders kam. Und deren Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn sie zur richtigen Zeit in den richtigen Händen gewesen wären. In Händen, die es in Deutschland ja gibt, nur nicht immer gerade dort, wo sie gebraucht werden.