Essay Mein halbes digitales Leben

Illustration: Niklas Jansson

Unser Autor ist jetzt seit 17 Jahren aktiv im Netz unterwegs. Er findet, es wird langsam Zeit für eine elementare Frage: Wäre er analog ein anderer Mensch geworden?

Von Max Scharnigg

Wo soll man anfangen, über das Netz zu schreiben? Wie würde man über Wasser, Luft, Asphalt schreiben? Vielleicht so: Ich bin 35 Jahre alt, und mein Leben ist jetzt halb analog und halb digital verlaufen. Hallo, Hybrid. Das erste Modem mit 17, das erste Handy mit 18, bei Ebay angemeldet auch mit 18, weil ich Geld brauchte und vom Vater alte Pirelli-Kalender rumlagen. Düdeldü hat das Modem damals gemacht, aber es hat funktioniert, meine erste Bewertung lautete: So macht Ebay Spaß! Yeah, dachte ich.

Seitdem bin ich drin, drauf, eingeloggt, sende und empfange, klicke, fave, like, scrolle, scanne, searche, werfe mich jeden Tag ins Netz, quatsch, bin längst dauerdort. Denn auch im Schlaf, dem letzten großen Reservat des anlogen Lebens, stellvertreten und schaufenstern die Avatare weiter, werden Alerts, Mails und News für mich gesammelt, Sterne, Herzen und Daumen gedrückt. Also: dauer-on. Alle anderen auch: dauer-on. Nicht alle begeistert, nicht überall, aber jeder irgendwie dabei. Die Welt ist drei Wifi-Balken, ist Bluetooth an, ist Ortungsdienst an, ist Vibration an.

Es ist ein Steg, der zufällig auf den Schultern unserer Generation gebaut wurde. Er führt vom alten Analogland, in dem wir geboren wurden, in die virtuelle Welt, in der wir sterben werden. Ich und alle, die plus minus zehn Jahre um 1980 geboren sind, wir diffundieren darauf als Teilchen, denen beide Seiten annähernd gleich geläufig sind. Wir kennen noch: am Fernseher umschalten, Autofenster kurbeln, Telefonkabel vertüddeln lassen, Überweisungsvordrucke holen, Auskunft anrufen, Kettenbriefe, Billignummer vorwählen, Kassette überspielen, etc. Nichts davon eignet sich zur Verklärung. Das ist alles heute besser, schöner, schneller. Danke, Digital.

Das Netz feiert das Individuum. Jeder darf sein Leben beschreiben. Lauter kleine Ego-Altäre

Trotzdem ist es vielleicht für die Brückengeneration wie für Menschen, die gerade noch in der DDR groß geworden sind: Man trägt eine kleine Welt in sich, die es nicht mehr gibt. Aber verklären und wegbleiben, das dürfen gerade mal die Elterngeneration und der letzte "Sieben Euro sind ja 14 Mark!"-Sager. All jene eben, die den Steg nicht täglich überqueren müssen, die noch genug nicht-digitalisierte Erinnerungsmasse haben. Brauch' ich nicht, sagen sie, und es stimmt. Mach' das Ding halt aus, sagen sie, und es stimmt nicht.

Denn ausschalten, das können und wollen wir Halblinge natürlich nicht. Im Gegenteil: Als Gründungsmitglieder der Netzgesellschaft sind wir eher ihre übereifrigen Apostel. Es sind ja auch unsere Altersgenossen, die in dieser Welt gerade das Zepter führen. Nur, dass eben die wenigsten wie Zuckerberg und Co. digitale Innovatoren, sondern nur das geworden sind, was das Apple-Marketing Early Majority nennt: Jubelperser für technische Hypes, dankbare Abnehmer von Push-Mitteilungen aller Art. Das Marketing weiß, gerade unsere Generation muss zwanghaft alles ausprobieren, sieht sich selbst in dauernder Informationspflicht. Stets in Sorge, das Neue zu verpassen und vom Zeitgeist entfolgt zu sein: wir.

Wann war der letzte Morgen, an dem ich nicht als Erstes nach dem Smartphone tastete?

Diese ewige Unruhe ist es wohl, was uns von den wahren Digital Natives unterscheidet. Das und eine Frage, die mich seit einiger Zeit verfolgt: Bin ich eigentlich der Gleiche, der ich analog gewesen wäre?

Anlass ist ein kleines Unwohlsein. Über das, was das halbe Leben mit Netz aus mir gemacht hat und aus all den herrlich normalen Menschen, die da am U-Bahngleis stehen, jeder für sich kalt besonnt vom Displaylicht. Die Topografie des Unwohlseins verzeichnet folgende Punkte:

1. Einsamkeit

Ich inszeniere mich im Netz, wundere mich über andere, werbe für mich, unterstütze, merke an, witzele - alles in Maßen und obwohl mir die meisten dieser Tätigkeiten wesensfremd sind. Aber ich habe mich daran gewöhnt, so wie sich Tante Lissi und die halbe Welt daran gewöhnt haben, dass es im Internet keine Schüchternheit geben darf und senden muss, wer empfangen will. Und ja, ich will empfangen, will da gemocht werden. Alles ist schließlich darauf angelegt, der ganze kalifornische Positivismus, der nur Sterne, Herzen, Freunde und Daumenhoch kennt. Die Netz-Aufmerksamkeit ist ein Gefühl, an das man sich schnell verliert und das die Haut dünner werden lässt. Wenn man die Maschinen in den Ruhezustand versetzt und nach dem Zähneputzen sich selbst, bleibt Neo-Einsamkeit. Sie hat nichts mit wahrer Einsamkeit zu tun, ist nichts als ein paar Stunden keine Nachricht, kein Instagram-Herz. Lächerliche und doch irritierende Existenzunsicherheit. Und die Stille eines echten Schreibtischs, das Alleinsein auf der Berghütte im Funkloch wirken auf einmal wie feindselige Überbleibsel der alten Welt.

2. Abhängigkeit

Rauchen, Computerspiele, Star Wars, Stickeralbum - ich war nie suchtanfällig. Aber jetzt: Wann war der letzte Morgen, an dem ich nicht nach dem Smartphone tastete? Halb wach erst alles sehen musste, was sich vielleicht ereignet hatte (meistens: nix)? Woher kommt das Amputationsgefühl, nach einer Stunde am Strand oder im Kino? Ich kann ihm widerstehen, sicher. Aber ich muss mir dafür schon streng einreden, dass das Gerätchen jetzt nichts bereithält, nicht selbst erfüllend wichtig ist. Kurios: Abstinent sein fühlt sich genauso mies an wie das sinnlose Öffnen und Schließen der Programmfenster, der fliegende Blick auf die Zähler, das Nesteln am Fixerbesteck des sozial Vernetzten. Würdelos, wie jede Sucht. Beruhigend ist, dass es allen ähnlich geht. Dass befreundete Paare, strunzklug, abends vor dem Fernseher sitzen, aber gleichzeitig vor iPad und Laptop, ohne dass sie sich erklären könnten, wie es dazu kam. Dass alle im Flughafenbus die Anzeichen von erst unstillbarer Neugier und dann angeödeter Erkenntnis zeigen, wenn sie die Computer zücken. Beunruhigend allerdings, dass keiner brüllt: Was ist los mit uns - und geht das jetzt immer so weiter?

3. Konsens

Das Netz feiert das Individuum. Jeder darf sein Leben beschreiben, sein Essen vorzeigen - lauter kleine Ego-Altäre. Eine Stufe dahinter aber ist die neue Welt seltsam gleichförmig. Alle schauen in das gleiche Gerät, alle suchen bei Google, kommunizieren auf den gleichen Plattformen, haben die gleiche Art von Humor, liken und teilen die gleichen Hashtags. Es gibt im Digitalland einen Distinktionsabbau, eine öde Übereinstimmung bei der Wahl der Mittel, eine Massen- und Gefallsucht - schließlich zählt, wer viele auf sich vereinen kann. Und Endgeräte, Programme, Prozesse sind so komplex, dass man kaum mehr ausscheren kann. Die Punks des Netzes sind Hacker oder Trolle, für erstere fehlt den meisten die Akribie, für letztere der Welthass. Aber was kennzeichnet alternative Lebensentwürfe in der digitalen Welt? Wie entkommt man den Konzernen, ohne als paranoider Outlaw durch Randgebiete zu tingeln? Wertfrei festgestellt: Das User-Prinzip ist auch ein Untertanenprinzip.

Mich nervt die gekünstelte Sanftheit der Touch-Bewegungen, nerven die Töne, der kurze Schreck der Vibration, das Sprechen im Gehen, die ewige Sorge um den Akku, die Emojis, die Abkürzungen und Ein-Wort-Botschaften. Aber ich nehme es als neu-notwendig hin, und schon dieser Text kommt mir ungehörig vor. Die Gesellschaft ist techniksediert und die Masse der anderen Benutzer immer zu groß. Die rebellischste Geste wäre der Ausschaltknopf. Nur was, wenn es sich anfühlt, als würde man damit nicht das Gerät, sondern sich selbst ausschalten?

4. Überforderung

Abgesehen von Naturbeobachtungen, weiß ich ungefähr alles, was ich heute weiß, aus dem Netz. Die ständige Verfügbarkeit von allem Wissen ist die größte Errungenschaft überhaupt, ein Menschheitsgeschenk, Orakel von Delphi to go. Toll!

Das Wissen blättert einem jeden Morgen auf den Gerätchen entgegen, nächste Fütterung ist: immer jetzt. Es wird so viel gedacht und geschrieben, jede Idee findet Google schon, jede Assoziation hat ein Algorithmus bereits hergestellt - schwer, überhaupt mental aus dem Bett zu kommen. Permanent wird ein Hunger gestillt, den man eigentlich nie hatte. Ich kann, ehrlich gesagt, längst nicht mehr souverän sortieren, was mich erreicht. Das neue Netz sind tausend auf mich gerichtete Informationskatapulte mit breiter Streuung. Kollateralschäden dieses Sperrfeuers sind Zeit und Urteilsvermögen. Ich stehe mit dauerhaft schlechtem Gewissen am Rand des Informationsflusses. Ach schau, da treibt die Liste der Bücher, die sich Lenin 1914 in der Berner Nationalbibliothek ausgeliehen hat. Keine Ahnung, ob man sich so neues Wissen aneignet oder nur einen irren Komposthaufen. Es fühlt sich jedenfalls oft an, wie das mühsame Moderieren endloser Ablenkung. Kopfträgheit ist die Folge der Über-Ergiebigkeit. Weil wir wissen, dass alles gleichzeitig läuft und abrufbar ist, ist alles auch irgendwie beliebig, jede Meinung zu jedem Thema probeweise einnehmbar, jede Auseinandersetzung schiebbar. Früher trug man Fragen aus der anlogen Welt in das Netz, erhielt Antwort und ging, damit in echt zu denken. Das ist vorbei. Seit das Netz die Einheit von Ort, Zeit und Handlung hergestellt hat, regieren Überforderung, Aufschieben und Halblesen.

Seit das Netz die Einheit von Ort, Zeit und Handlung hergestellt hat, regiert Überforderung

Soweit mein Unwohlsein. Obwohl es in dieser Häufung anders wirkt, sind das alles nur Mückenstiche auf der digitalen Gegenwart. Nicht systemrelevant, kein Kulturpessimismus. Man lese es als Beichte eines Netz-Normalos oder Midlife-Müdigkeit. Nichts davon schmälert den Glanz der neuen Welt. Eine Großstadt wirkt aufs Landei vielleicht genauso ein wie die letzten 17 Jahre Netzwelt auf mich, wer weiß.

Wahrscheinlich ist schon die nachrückende Generation, die Post-Millennials und Selfie-Erfinder von dieser Liste irritiert. Ihr Netzempfinden ist ein anderes, ihre virtuellen Sinnesorgane sind vermutlich schon viel robuster als meine. Sie kennen die Digitalität als alles, was der Fall ist. Als Überflussort, dem man nicht hinterherläuft, sondern der zu einem kommt. Sie müssen nichts überbrücken, waren schon immer da. Benutzen die Geräte anders als wir, nicht als Dingfetisch und stolze Qualifikation, sondern als schnöde Endgeräte - huch, Display kaputt, na ja.

Unsere krampfige Unterscheidung zwischen dem Echten und dem Gespiegelten, zwischen Unterhaltung und Message, Facebookfreund und Freund ist ihnen egal und zwar zu Recht. Ihre Aufgabe wird es sein, über die Emanzipation des Netzmenschen nachzudenken. Wir Hybride sind dafür wohl immer zu voreingenommen. Dafür aber dürfen wir uns gelegentlich an die Zeit vor dem Düdeldü erinnern.