Christa Ritter "Ich bin eine Haremsdame von Rainer Langhans"

Rainer Langhans und drei seiner Partnerinnen - von links nach rechts: Christa Ritter, Jutta Winkelmann und Brigitte Streubel (hier auf einem Bild vom Münchner Filmfest von 2014 mit dem Regisseur Severin Winzenburg)

(Foto: picture alliance / dpa)

Christa Ritter lebt mit drei Frauen und Rainer Langhans zusammen. Weil eine der Frauen Krebs hat, fuhr die Gruppe nach Indien. Eine Reise, auf der alle vor allem eines taten: streiten.

Interview von Anja Perkuhn

Als Christa Ritter sich zum ersten Mal meldet, sagt sie: "Hallo, ich bin eine Haremsdame von Rainer Langhans." Sonst würden wohl nur die wenigsten wissen, wer sie ist. Ritter ist eine der Frauen, mit denen Kommune-1-Gründer Langhans in München in einer Gemeinschaft lebt. Aber, und da gehen die Probleme schon los: Eigentlich will sie das gar nicht sein, eine Frau, die sich über einen Mann definiert.

Die Sache mit der Haremsdame ist genauso kompliziert, wie sie klingt: Christa Ritter, Brigitte Streubel und die Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty leben seit 35 Jahren mit Langhans zusammen. Zwar als Harem, weil niemand bisher ein sinnvolleres Wort gefunden hat, um das zu beschreiben, was sie sind. Aber ohne Sex, sagt Ritter. Und sie wohnen auch in unterschiedlichen Wohnungen. "Wir sind Menschen, die einander verbunden sind, und wir haben uns lieb", sagt Christa Ritter. "Überwiegend. Auch wenn das keiner so richtig sagen will."

Ritter, 73 Jahre alt, ist eine kleine, weißhaarige Frau mit wachen blauen Augen. Zum Treffen in einem Münchner Café erscheint sie im Wollpullover und trägt Ringe aus Plastik, die aussehen wie aus Jade, Jaspis oder einem anderen dieser New-Age-Heil-Halbedelsteine. "Habe ich in Indien gekauft", sagt sie. Eine Erinnerung an eine Reise der Gruppe, auf der alle vor allem eines getan haben: gestritten.

Weil Jutta Winkelmann an Krebs erkrankt ist, hat sich der Harem im vergangenen Jahr auf den Weg nach Indien gemacht. Um für Jutta einen Weg zu finden, mit der Erkrankung umzugehen. Was dabei herauskam, ist eine sehr liebevolle, gnädige Dokumentation von Jutta Winkelmanns Sohn ("Good Luck Finding Yourself", heute um 22:45 Uhr im BR) - und ein schonungsloses Buch von Christa Ritter ("Styx").

SZ.de: Jutta Winkelmann war der Grund für die Reise. In Ihren Erzählungen wirkt es allerdings so, als würde Rainer Langhans es genießen, dass alle um seine Aufmerksamkeit ringen.

Christa Ritter: Ach, Rainer hat sich sehr zurückgenommen in Indien. Wir haben das ganze Geschehen bestimmt, er saß eher da und hat sich von allem zurückgezogen.

Das hört sich an, als würden alle Mädels um den einen Jungen streiten?

Ja, es ist schon absurd, dass wir nach so langer Zeit und in unserem Alter - ich bin ja die Älteste, die anderen sind so Mitte 60 - immer noch diesen Besitzanspruch haben, dieses Eva-Prinzip. Und dass manchmal solche absurden Streitigkeiten daraus werden. Aber ich sehe uns trotzdem auch als eine Art Avantgarde der Freiheit, die Frauen sich nehmen können. Oder sollten. Es dauert eben sehr lange, aus diesem Gefängnis der Projektionen auszubrechen.

Manchmal wirkt es so, als wüssten Sie gar nicht, was Sie auf der Reise eigentlich sollen.

Die Reise war ja vor allem die Suche von Jutta wegen ihrer Krebserkrankung. Sie wollte sich die Sinnfrage noch einmal stellen: Wer bin ich? Rainer hat ja schon vor Jahrzehnten in Indien einen Meister gefunden. Der ist inzwischen gestorben, aber Jutta wollte gucken, ob der vielleicht einen Nachfolger hat. Wir alle haben uns schließlich, auch ohne Krankheit, die Frage gestellt: Wie kann ich näher an mein Inneres kommen?

Und, waren Sie erfolgreich?

In Indien hat sich herausgestellt, dass wir noch gar nicht in der Lage sind, einen Meister zu suchen. Weil die Höllen in uns selbst noch unheimlich wabern, obwohl wir das seit 35 Jahren miteinander diskutieren und die Schmerzen bearbeiten.

Der Streit ist eines der Grundprinzipien der Gruppe. In Münchens Parks sieht man hin und wieder eine oder mehrere der Frauen mit dem traditionell in helle Klamotten gewandeten Langhans durch die Grünanlagen wandeln und diskutieren. Oder streiten. Wie auch immer man das nennen mag. "Mir ist klar, dass das schwer zu verstehen ist", sagt Ritter. "Aber wenn du mit Menschen diese schwierigen Seiten von dir zulassen kannst, diese schwachen Seiten von dir offenlegen, dann ist das ein ungeheures Liebesangebot. Im Grunde bedeutet es: Du kannst deine elementaren Gefühle zeigen."

Klingt das nicht etwas beschönigend? Christa Ritter denkt lange nach. Zwischendurch kommt die Bedienung vorbei, um die Standardfrage zu stellen: Hat's geschmeckt? Ritter gibt eine Unstandard-Ritter-Antwort: Ja, hat es. "Aber ich hätte ein paar Kräuter ans Rührei gemacht. Wissen Sie? Petersilie, Rosmarin, so was. Ich mache immer so viele Kräuter rein wie möglich." Die Bedienung lächelt höflich und geht wortlos.

Also, beschönigend?

Christa Ritter: Ja, vielleicht klingt das sogar kitschig. Aber wenn wir das nicht alle so sehen würden, hätten wir das nicht bis heute so weitergemacht. Für uns ist das die ehrliche, die einzige Art, zu leben. Denn dieses normale Leben, dieser spießige Kleingeist, das mag für den Einzelnen gut sein. Aber das ist nichts für uns.

Aber Sie haben es ja mal ausprobiert, Ihr Leben war mal so ein "normales".

Als ich Rainer traf, so mit Mitte 30, da war ich Regieassistentin beim deutschen Film, wollte auch in die Regie gehen. Und ich war todunglücklich. Mein Unglück mit mir selbst, mit den Beziehungen, mit der Welt, der Karriere, das hatte sich alles nie ausdrücken können, weil ich glaubte, dass von mir immer erwartet würde, zu strahlen. Immer positiv zu sein, weil ich eine Frau war. Das hatte ich so gelernt. Mit Rainer konnte ich endlich auch die anderen Gefühle zulassen und dann lernen, damit umzugehen.

Sind Sie denn jetzt glücklich? Auf dem Weg dahin? Ist das überhaupt das Ziel?

Nee, bin ich nicht, aber das ist auch schwer. Ich lerne ja immer noch, das ist ein langer Prozess. Mir geht es jetzt besser als früher, das auf jeden Fall. Tatsächlich auch wegen der Indienreise. Obwohl dieses Trauma noch nicht gelöst ist, empfinde ich mich auf einem guten Weg. Ich weiß keinen besseren, also gehe ich den weiter.

Man kann Bauchschmerzen bekommen, wenn man dieses Buch liest. All der Frust, die ewig wiederkehrenden Streitigkeiten, die Verbohrtheit von allen Beteiligten.

Aber danach fängst du an, zu sehen, dass das eigentlich doch alles Liebe ist, auch diese furchtbare Reise.

Wollten Sie währenddessen nicht trotzdem hinschmeißen?

Fluchtgedanken hatte ich natürlich, die ganze Zeit. Immer, wenn es besonders unangenehm wird, will man weg. Aber jede von uns hat sich sehr viel umgesehen, wir sind alle viel gereist. Und wir haben nichts Besseres gefunden. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich noch gucken soll.

Das Interview gibt sie vor der Freigabe noch allen anderen aus dem Harem zum Lesen. So hat sie es auch mit ihrem Buch gemacht. "Ich war auch überrascht, dass sie das abgezeichnet haben. Ich hatte mit Jutta auch heftige Auseinandersetzungen, weil sie manches nicht wollte. Sie hat wohl schon einen Schrecken bekommen, was da alles drinsteht. Aber dann hat sie gesagt: 'Ich bin immer für Offenheit. Du hast recht - das soll öffentlich sein.'"