Beten als letzte Instanz   Wunderglaube

Gott entdecken, wenn einem niemand mehr helfen kann? Das klingt für viele lächerlich. Die Geschichte eines todgeweihten Mannes, dem der Glaube Heilung brachte.

Von Michaela Haas

Alain Beauregards Geschichte verblüfft seine Ärzte, seine Familie und am meisten ihn selbst. "Ich bin das Opfer eines Wunders geworden", sagt er stolz, "ein sehr williges Opfer."

Der kanadische Wirtschaftsberater mit dem charmanten französischen Akzent hat eine ausgesprochen erfolgreiche Karriere hinter sich. Auf seinem "Lebens-Rezept", wie er seine Ziele halb im Scherz nannte, konnte er die meisten Zutaten schnell abhaken. Mit Mitte 20 eine erfolgreiche Tech-Firma aufbauen? Abgehakt. Einige Jahre später die Firma für einige Millionen Dollar verkaufen? Abgehakt. Mit seiner Schulliebe zusammenziehen? Zwei wunderbare Kinder zeugen? Eine riesige Villa am Saint-Lawrence-Fluss in Montreal erwerben? Luxusreisen in die Karibik? Alles abgehakt.

Bis das Leben ihn abhakte.

Als Beauregard mit 45 Jahren Blut im Urin entdeckte, schob er die Untersuchung auf die lange Bank. Was sollte ihm, einem fitten Mann, der sich gesund ernährte und regelmäßig joggte, schon fehlen? Der Physiker hat sich darauf spezialisiert, dreidimensionale Laser-Augen für Roboter zu bauen, und ihm entgeht nicht die Ironie, dass er gleichzeitig mit seinem eigenen Schicksal so kurzsichtig umging. Eineinhalb Jahre lang redete er sich ein, er habe sich einen Muskel gezerrt und linderte die Rückenschmerzen mit Heißpackungen aus der Mikrowelle. Bis ihn seine Ex-Frau schließlich unter seinem Protest in die Notaufnahme fuhr. Die Ärzte fanden einen massiven Blasentumor: acht Zentimeter, so groß wie eine Riesen-Grapefruit, und er blockierte die Nieren. "Mein Blut wurde mit Giften überschwemmt, und die Ärzte sagten mir, ich hätte nur noch 48 Stunden zu leben."

"Ich fühlte den Tod näherkommen. Zuvor hatte ich ihn nicht so ernst genommen."

Es gibt nur wenige Chirurgen in Montreal, die eine spezielle Nieren-Notoperation durchführen, und sie waren alle überbucht. Plötzlich wurde das Sterben real. "Ich fühlte den Tod näherkommen. Zuvor hatte ich ihn ehrlich gesagt nicht so ernst genommen. Der Tod war etwas, was anderen Leuten passierte oder mir vielleicht in 30 Jahren. Aber in dieser Nacht fühlte ich, wie mir mein Körper entglitt. Er wurde von meinem eigenen Blut vergiftet, und ich hatte Todesangst."

Zehn Jahre zuvor hatte Alain einen tibetischen Lehrer getroffen, doch die buddhistischen Lehren über die Vergänglichkeit nicht sehr zu Herzen genommen. Nun, da ihn der Tod am Wickel hatte, faltete Alain Beauregard die Hände und betete. "Was sonst? Ich betete, wie ich nie zuvor gebetet hatte. Alle Zellen in meinem Körper schrien: Hilfe!"

Und Hilfe kam. Ein Chirurg hatte im letzten Moment eine Stornierung. Mit Blaulicht schickten die Ärzte Alain quer durch die Stadt, gerade rechtzeitig für die Not-OP. Alains Leben war vorerst gerettet.

80 bis 90 Prozent von uns beten, wenn wir oder ein geliebter Mensch in einer existenziellen Krise stecken, so bestätigt eine neue Studie der amerikanischen Baylor Universität. Wir glauben nicht nur, dass der Glaube hilft, er hilft zum Beispiel bei Krankheit tatsächlich: So zeigte etwa eine vierjährige Studie mit HIV-Patienten, dass 45 Prozent nach ihrer Diagnose intensiver glaubten. Die Studie kommt zu dem frappierenden Schluss, dass eine intensivere Spiritualität einen messbar langsameren Krankheitsverlauf zur Folge hat. Die religiösen Patienten hatten wesentlich mehr gesunde Blutzellen. Wenn wir Zuflucht in einer mitfühlenden Kraft finden können, die größer ist als wir selbst, haben wir damit einen mächtigen Bündnispartner. "Der Glaube versetzt Berge", sagt Beauregard.

Ausweglose Situation - die Kernfrage lautet nun nicht: Gott, wie konntest du das geschehen lassen? Sondern: Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?

(Foto: Jean Marmeisse/plainpicture)

Aber natürlich können wir eine solche Verbindung weder vortäuschen noch forcieren, und umgekehrt wird ein Nachteil daraus: Nicht jeder findet in einer Krise zu Gott. 13 Prozent der HIV-Patienten aus derselben Studie verloren ihren Glauben. Die Patienten, die ihren Gott als strafend empfanden, boykottierten ihre Heilung und hatten deutlich weniger gesunde Blutzellen. Unser Glaube kann also einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben, im Positiven wie im Negativen.

Zum Beispiel fanden etwa die Hälfte von 111 Frauen, die sexuell missbraucht wurden und an einer israelischen Studie teilnahmen, dass ihr religiöser Glaube nach dem Missbrauch schwächer wurde. Nur acht Prozent sagten, ihr Glaube sei dadurch gestärkt worden.

Ob der Glaube bei der Bewältigung eines Traumas hilft, hängt von einem entscheidenden Faktor ab, nämlich "ob Menschen genügend Spielraum in ihrem Glaubenssystem haben, um das Ereignis darin einbetten zu können", sagt Trauma-Psychologe Richard Tedeschi von der University of North Carolina: "Wenn der Glaube flexibel genug ist, mag der Gläubige vielleicht traurig, aufgebracht oder orientierungslos sein, aber sein gesamtes Glaubensgefüge gerät nicht ins Wanken, und das ist ein Riesenunterschied."

Sonst kommt zusätzlich zum Schmerz und zur Trauer noch eine massive Glaubenskrise. Entscheidend ist dabei nicht, ob jemand einen christlichen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen oder muslimischen Glauben hat, so hat Tedeschi in 30 Jahren Trauma-Therapie herausgefunden, "sondern ob das Glaubenssystem flexibel genug ist, um das traumatische Ereignis innerhalb dieses Systems einzuordnen. Wenn das Glaubensgefüge umfassend genug ist, mag sich jemand traurig, verloren oder wütend fühlen, aber ihre Kernüberzeugungen brechen nicht zusammen, und das ist ein enorm wichtiger Unterschied."

Die Kernfrage ist also nicht: Gott, wie konntest du das geschehen lassen? Sondern: Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?

Eine Zeile von dem Gebet schoss ihm durch den Kopf: "Möge dein Wille geschehen."

Für Alain Beauregard kam die eigentliche Glaubensprüfung erst nach der Notoperation: Die Onkologen entdeckten, dass sich sein Sarkom bereits in die Knochen ausgebreitet hatte, in die Rippen, die linke Lunge, die Hüfte und das Rückgrat. Einer jungen Onkologin fiel die Aufgabe zu, dem Patienten das Verdikt der Krebsexperten zu übermitteln: Krebs im Endstadium, nicht operierbar und nicht zu heilen. Das war's. Die Augen der Ärztin füllten sich mit Tränen, als sie ihm sagte, Chemotherapie könne sein Leben im besten Fall ein, zwei Monate verlängern, aber: "Es gibt keine Hoffnung. Wir können nichts mehr für Sie tun. Sie haben höchstens noch sechs Monate zu leben."

Alain Beauregard entschied sich für die Chemo und wurde zur Hospizpflege nach Hause geschickt. Er war nie besonders religiös. Er war katholisch aufgewachsen und spürte als Kind eine Verbindung mit Jesus, die er mit den Jahren verlor. Er nannte sich "Hobby-Buddhist". Einige der eher mystischen Aspekte des tibetischen Buddhismus, die nicht zu seinem wissenschaftlichen Weltbild passten, hatte er sogar recht kritisch betrachtet. Aber dann bekam er Krebs, "und es stellte sich heraus, dass ich einen sehr starken Glauben hatte. Ich wusste es nur nicht, bis er geprüft wurde."

War schon todgeweiht: Alain Beauregard.

(Foto: Michaela Haas)

Er begann, in jeder wachen Minute zu beten und zu meditieren. Achtsamkeitsmeditation kann nachweislich körperlichen Schmerz, Ängstlichkeit, Stress und andere Symptome von posttraumatischer Belastung mildern.

Beauregard glaubt, dass die Kraft von Gebeten universal ist. Er teilte seine Heilmeditation mit einer guten Freundin, einer marokkanischen Muslimin, die ebenfalls Krebs hatte, und sie praktizierte die Meditationen mit ihrem Glauben. "Denn das Schlimmste ist, gar keinen Glauben zu haben", findet Beauregard. "Klar, Ärzte und Behandlungen können helfen, aber hat man keinen Glauben an etwas, das größer ist als man selbst, haben Gebete keine Kraft."

Von der Chemo geschwächt, konnte Alain "kaum 20 Meter gehen. Der Weg zum Badezimmer erschien so anstrengend wie eine Nordpolüberquerung. Ich war zu nichts zu gebrauchen." Alain musste "alles loslassen: mein Zuhause, mein Auto, meine Kleidung. Ich bin ja nur rumgelegen. Am Anfang konnte ich nicht loslassen. Nach und nach hatte ich keine andere Wahl: Ich musste loslassen."

Alain definiert loslassen als "sehr aktiv. Es heißt nicht, dass ich aufgab oder resignierte. Ich habe um mein Leben gekämpft, aber ich musste all die Dinge loslassen, an die ich mich klammerte."

Eine Zeile aus einem Gebet schoss ihm durch den Kopf: "Möge dein Wille geschehen!" Er war sich nicht ganz sicher, an wen genau er das Gebet richtete, aber er wiederholte es wieder und wieder.

Das Gebet bedeutete für Beauregard, dass er ein Gleichgewicht gefunden hatte: "Ich wusste, dass ich keine Kontrolle hatte und mich der Situation ergeben musste, aber ich bin immer noch verantwortlich; das ist der Schlüssel. Ich lernte diese Lektion gleich am Anfang meiner Krankheit: Ich betete und bat um Hilfe, aber gleichzeitig war ich auch fest entschlossen, alles mir Mögliche zu tun."

Alain Beauregard bekam sein Wunder: Nach drei Monaten Chemo hatte er zwölf Kilo verloren, und seine Muskeln waren durch die Bettlägerigkeit so atrophiert, dass er nur mit Mühe gehen konnte, aber der letzte PET-Scan barg eine Überraschung. Dieselbe Onkologin, die ihm Monate zuvor das Todesurteil überbrachte, sagte nun: "Ich habe keine Erklärung dafür, aber der Krebs ist weg. Wir finden keine Spur mehr, weder in der Blase noch in den Knochen." Normalerweise hinterlässt ein massiver Tumor selbst in den extrem seltenen Fällen einer Spontanheilung zumindest eine Narbe - doch sein Urologe, Dr. Simon Tanguay, fand nicht einmal das. "Wenn ich den Tumor nicht mit eigenen Augen gesehen hätte", sagt Tanguay, "würde ich nicht glauben, dass da jemals einer war. Dies ist höchst ungewöhnlich."

Beauregard ist krebsfrei. Das Leben erscheint ihm seit dieser Krise flüchtig und enorm kostbar. Er spricht nun öfters auf Workshops, und versteht, dass es für andere Krebskranke schwierig sein kann, von seiner Wunderheilung zu hören: "Mein Rezept bestand aus Loslassen, Gebeten und Liebe", erzählt er dann, "aber ich habe kein Rezept für Sie. Wenn ich Ihnen mein Rezept gebe, wird es wahrscheinlich für Sie nicht funktionieren. Sie müssen Ihr eigenes Rezept finden."