Bertelsmann-Studie "Zusammenhalt ist Glück"

Es geht ihnen zweitens darum, wie sehr die Menschen sich als Teil der Gesellschaft identifizieren, wie sehr sie Staat, Politikern, Richtern, Polizisten oder Ärzten vertrauen und für wie gerecht sie ihre Gesellschaft halten. Und drittens darum, in welchem Maße die Menschen den anderen Hilfe leisten, wie gut sie Gesetze und Regeln einhalten und wie sehr sie sich in der Gemeinschaft engagieren.

Das haben die Wissenschaftler an 58 Einzelfaktoren festzumachen versucht - von der Frage, ob jemand gerne Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn hätte, bis zu dem Punkt, inwieweit die Leute Verkehrsregeln befolgen. Aus zwölf internationalen Umfragen, Erhebungen und anderen Datensätzen haben sie dazu die Ergebnisse seit 1989 zusammengesucht und schließlich schrittweise zusammengefasst und daraus ihren Index errechnet.

Reichtum stärkt Zusammenhalt

Gibt es erst eine solche Maßzahl, können Sozialwissenschaftler nicht nur vergleichen, wie stark oder schwach der Zusammenhalt im Volk oder in bestimmten Bevölkerungsgruppen ist und wie er sich entwickelt. Sie gewinnen auch Daten, die erkennen lassen, welche Faktoren den Zusammenhalt in einem Land stärken und welche ihn schwächen. Der Ländervergleich soll darum nur ein erster Schritt sein. Künftig wollen die Forscher das Maß des Zusammenhalts auch innerdeutsch nach Bundesländern, Ost und West, Nord und Süd, Stadt und Land wichten.

Bereits die jetzt vorgelegten Zahlen liefern Ergebnisse, von denen einige zunächst wenig überraschend erscheinen, andere dafür umso mehr. Dass Reichtum und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Einkommen den Zusammenhalt stärken, geht etwa aus der Studie ganz klar hervor. Reichere Staaten liegen in der Tabelle tendenziell auf vorderen Plätzen, ärmere hinten. Wo die Einkommen stark auseinanderklaffen wie etwa in Griechenland oder Polen, ist es auch mit dem Zusammenhalt nicht so weit her.

Allerdings ist es keineswegs so, dass allein voll ausgebaute Wohlfahrtsstaaten nach skandinavischem Modell den Zusammenhalt garantieren. Der ist nämlich nach den Zahlen der Bertelsmann-Studie auch in Staaten wie den USA, in denen große Löcher im staatlichen Sozialnetz klaffen, überdurchschnittlich stark.

Überraschend deutlich widerlegt die Studie Befürchtungen, dass starke Zuwanderung das innere Gefüge einer Gesellschaft gefährdet. So leben etwa in Ländern wie Kanada, Australien oder der Schweiz besonders viele Einwanderer, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist trotzdem hoch - ganz anders als in Rumänien oder Bulgarien, wohin es kaum Migranten zieht. Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass ein höherer oder niedrigerer Migrantenanteil keinerlei bemerkenswerten Einfluss auf den Zusammenhalt in einem Land hat. Vielmehr kommt es darauf an, wie bereitwillig eine Gesellschaft die Vielfalt ihrer Mitglieder und Kulturen akzeptiert.

Mehr Zusammenhalt, positivere Lebenseinstellung

Daran aber hapert es in Deutschland. Bei der Akzeptanz von Vielfalt stehen die Deutschen nur im Mittelfeld. Schlimmer noch: Die Toleranz hat laut den Ergebnissen der Studie im Ländervergleich der vergangenen 25 Jahren abgenommen. Das ist für die Macher der Erhebung das Ergebnis, das die Deutschen am dringendsten korrigieren müssen: "Vielfalt ist der Schlüssel für die Welt von morgen", sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Das Land brauche qualifizierte Zuwanderer, "auch deshalb müssen wir die Akzeptanz und Wertschätzung von Vielfalt fördern, damit Menschen anderer Herkunft, Kultur oder Religion sich bei uns wohlfühlen können."

Überhaupt: Die Vermutung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem auf einem intakten Gerüst kultureller und moralischer Werte beruht, bestätigen die Ergebnisse der Untersuchung eben nicht. Sie weisen vielmehr in die entgegengesetzte Richtung: Nicht in allen, aber eben doch in signifikant vielen Ländern, in denen Religion im Alltag eine wichtige Rolle spielt, etwa in Rumänien, Griechenland, Polen oder Italien, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt eher gering. In allen sechs Ländern, in denen der Zusammenhalt am stärksten ausgeprägt ist, spielt Religion dagegen im täglichen Leben der Bewohner eine vergleichsweise geringe Rolle.

Und noch eines zeigen die Zahlen des Radars eindeutig: In Ländern, in denen der Zusammenhalt stark ist, bewerten die Menschen ihr eigenes Leben viel positiver als andernorts - woraus die Autoren der Studie den nicht ganz wissenschaftlich formulierten Schluss ziehen: "Zusammenhalt ist Glück."