München Zum Tode von Rudolf Wessely: Potz, Augenblitz

Rudolf Wessely

(Foto: dpa)

Ein wunderbarer Narr und überlegener Spielmacher: Rudolf Wessely, einer der letzten Schauspieler des Dieter-Dorn-Theaters, ist mit 91 Jahren gestorben.

Nachruf von Egbert Tholl

Als Letztes sang Rudolf Wessely ein Lied. Das war im Juli 2011; damals verabschiedeten sich Dieter Dorn und sein Ensemble vom Münchner Publikum, und Wessely trat noch einmal auf die Bühne des Residenztheaters und sang eines seiner geliebten Wienerlieder: "Wenn der Herrgott net will". Vermutlich ohne dass er dies im Sinn hatte, sagte Rudolf Wessely damit ungemein viel über sich selbst aus. "Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix, schrei net rum, bleib schön stumm, sag es war nix." Den Text kann man als Lebensmotto dieses wunderbaren Schauspielers verstehen, der sich nie wichtig nahm, aber gewichtig spielte, der stets bescheiden war und es bis an sein Ende blieb.

Vor 91 Jahren, am 19. Januar 1925, wurde Rudolf Wessely in Wien geboren, nun ist er, am Vormittag des 25. April, in München gestorben. Der Herrgott wollte nicht mehr. Und nun ist einer der letzten großen alten Dorn-Schauspieler, eines dieser wundersamen Bühnenechsentiere, tot. Vielleicht, so mag man sich gern vorstellen, hat er an diesem Vormittag noch einmal das Lied gesummt, ganz leise, verschmitzt vielleicht, so hoffen wir es, friedlich und weise.

Stets war da dieses Knarzen in seiner Stimme, umgeben vom Leuchten feiner Töne

Rudolf Wessely lernte in seiner Geburtsstadt die Schauspielerei, am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, lernte ein gutes Jahr lang und begann dann auch gleich zu spielen, erst am Wiener Künstlertheater, wo er auch als Dramaturg tätig war - das war ein Jahr nach dem Krieg. Es folgte das Theater Die Insel, ebenfalls in Wien, und dann ging Wessely nach Berlin. In den Fünfzigerjahren war er noch möglich, der schnelle Wechsel zwischen den politischen Systemen: Wessely spielte und inszenierte am Deutschen Theater, acht Jahre lang, war Lehrer an der Staatlichen Schauspielschule der DDR in Berlin, bevor er ein wenig unstet wurde. Düsseldorf, Wuppertal, Bern, wo er das Atelier-Theater leitete, zwei Jahre Bayerisches Staatsschauspiel in München, drei Jahre Direktor der Kammerspiele Düsseldorf. Und Zürich, all dies in einem Zeitraum von einem Dutzend Jahren, was sich in der Rückschau wie ein winziger Ausschnitt aus einem sehr langen Künstlerleben ausnimmt.

Schließlich wurde Rudolf Wessely wieder sesshaft, künstlerisch und auch im Leben. Von 1972 bis 1987 gehörte er dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an, von 1975 an begann er, an den Münchner Kammerspielen zu spielen, wo er dann nach der Burg, also von 1987 an, fest engagiert war. Danach wechselte er mit Dieter Dorn 2001 ans Bayerische Staatsschauspiel, um bis zu Dorns Abschied zu bleiben - 24 Jahre lang hat er das Dorn-Theater mitgeprägt. Eine Biografie der künstlerischen Treue, die heute wie eine reine Utopie wirkt.

Erinnerungen: Wessely in einer seiner wenigen Filmrollen, als jüdischer Kaufmann in Joseph Vilsmaiers "Comedian Harmonists"-Erfindung; Wessely als Teiresias in Heiner Müllers "Ödipus", als Hamm in Becketts "Endspiel" neben Claus Eberth. Und Wessely als Thomas Bernhards Weltverbesserer: Im Jahr 2000 war das, die Kammerspiele wurden gerade renoviert, man spielte in einem Ausweichquartier im Münchner Norden, wo normalerweise Rock-Konzerte stattfinden. Wessely saß in einem monströsen Friseurstuhl, im Nachthemd, das an ihm so wirkte, als trüge er nie etwas anderes. Ihm war wohlig zumute, und so war sein Weltverbesserer auch ein sehr freundlicher Zyniker, ein netter Querulant, ein bisschen Becketts Willie, Molières eingebildeter Kranker und Tartuffe, kein Weltverneiner, nein, nur einer, dem die Umwelt, in dem Fall die ihn umsorgende Frau, gespielt von Heide von Strombeck, widerwärtig werden kann.

Mit 80 spielte er dann doch noch Molières eingebildeten Kranken, spielte den Nathan in Elmar Goerdens glitzernder Lessing-Inszenierung. Da war er - sehr mutig - ein Trickser und Spieler, kein Untergeher oder "Wiedergutmachungsjude", wie damals C. Bernd Sucher voll Freude feststellte. Er war ein Wirtschaftsboss und Hedonist, und am Ende der Aufführung gab es eine Party mit viel Lametta.

Und immer war da dieses Knarzen in der Stimme, das ihm Preise für Hörbücher eintrug, das umgeben war vom Leuchten vieler feiner Töne, von diesem Wiener Singsang eben, den er nie ausstellte, der einfach da war. Immer blitzten die blauen Augen, immer war da dieser Schalk, der ihn ungebrochen jung wirken ließ, auch wenn er oft wie ein lustig-bucklig Männlein daherkam, dabei auch gefährlich werden konnte. Das Großväterchen mit Zipperlein war auch immer eine Täuschung, ein Trick, ein Theatertrick halt.

Gerne spielte Rudolf Wessely Shakespeares Narren wie den im "Lear" oder deren Artverwandte, erschaffen dann von Achternbusch, O'Casey oder Beckett. Und einmal spielte er einen Narren, der Shakespeare hieß. Das war in Turrinis "Die Minderleister", mit denen Anselm Weber 1989 sein Regiedebüt an den Kammerspielen gab. Darin gibt es Shakespeare, den Werksbibliothekar, aus dem Wessely eine so grandiose Figur machte, dass jedem, der ihn damals sah, dies nie mehr aus dem Gedächtnis weichen wird. Wessely spielte den Shakespeare als angesoffenen Clown, als in Würde verrückt gewordenen Entertainer, völlig in Poesie vernarrt und verliebt. Ein Heimkehrer, auch ein Beckmann, aber erfüllt mit der Komik der Verzweiflung. Dieser Shakespeare hatte einen unheimlichen Durst, er leerte Flasche auf Flasche, und immer, wenn er eine leer hatte, haute er sie sich auf dem Kopf kaputt. Dazu guckte Wessely keck ins Publikum und sagte: "Mir geht es glänzend. Wie geht es Ihnen?"