Zum Tode von Maximilian Schell Rastloser Wanderer

"Ich bin nichts geworden", sagte Maximilian Schell einmal über sich.

(Foto: Getty Images)

Er zählte zu den größten deutschsprachigen Schauspielern: Für seine Rolle in "Das Urteil von Nürnberg" erhielt Maximilian Schell einen Oscar, Marlene Dietrich überredete er zu einem einzigartigen Filmprojekt. Bis ins hohe Alter blieb der Österreicher rebellisch und neugierig.

Ein Nachruf von Carolin Gasteiger

"Ich habe eigentlich gar keinen Beruf. Ich wandere durch das Leben und durch alle Bereiche der Kunst", hatte Maximilian Schell einmal gesagt.

Vom großen Schell ist die Rede, mit seinem exzentrischen Blick unter den buschigen Augenbrauen, einer der größten deutschsprachigen Schauspieler weltweit. Seinen größten Erfolg feierte er als Verteidiger in Stanley Kramers "Das Urteil von Nürnberg". Für diese Rolle erhielt er 1962 einen Oscar als bester Hauptdarsteller (hier sehen Sie einen Filmausschnitt).

Im Laufe der Jahre wurde der gebürtige Wiener für weitere Oscars nominiert, als bester Haupt- und Nebendarsteller, für den besten ausländischen Film und die beste Dokumentation - aber es blieb bei einer Auszeichnung. Bis Christoph Waltz einen Oscar erhielt, war Maximilian Schell fast 49 Jahre lang der einzige lebende deutschsprachige Oscarpreisträger. Aber der stets Schal tragende Schauspieler hörte nie auf, sich künstlerisch zu verwirklichen.

Er kam vom Theater. Als Sohn eines Schweizer Schriftstellers und einer österreichischen Schauspielerin 1930 in Wien geboren, studierte Schell nach dem Krieg Philosophie und Kunstgeschichte in Zürich und entdeckte seine Begeisterung fürs Theater. Mit 23 Jahren stand er in Basel auf der Bühne.

Von dort holte ihn Gustav Gründgens für den "Hamlet" nach Hamburg, auch an den Münchner Kammerspielen war Schell engagiert. Von 1978 bis 1982 gab er bei den Salzburger Festspielen den Jedermann. In seinen späteren Kinofilmen spielte er mit namhaften Kollegen: Schon in seiner ersten Rolle als Soldat in ""Kinder, Mütter und ein General" musst er sich gegen Klaus Kinski als seinen Vorgesetzten behaupten (vergeblich). In "Das Urteil von Nürnberg" war er bereits neben Spencer Tracy und Marlene Dietrich zu sehen, in "Topkapi" (1964) neben Peter Ustinov. 1967 drehte er "The Deadly Affair" (Anruf für einen Toten) und "Counterpoint" (Der Befehl). 1998 stand er für den Hollywoodstreifen "Deep Impact" mit Robert Duvall und Morgan Freeman vor der Kamera.

Auch als Regisseur, Produzent, Bühnenautor und Maler versuchte sich der Künstler. Er führte Regie in "Erste Liebe" (1970), "Der Fußgänger" (1973) und verfilmte 1976 Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker". Mitte der Achtziger drehte Schell mit der damals schon sehr zurückgezogen lebenden Marlene Dietrich die Dokumentation "Marlene". Der Film über die Diva ist ein 17-stündiges Tonbandprotokoll, in dem sie, die sich als "zu Tode fotografiert" nannte, nicht zu sehen ist. "Wir führten Gespräche, die teilweise sehr persönlich waren und teilweise sehr verschlossen", erzählte Schell später. Viele sahen in dem Oscar-nominierten Film das beeindruckendste Werk des Österreichers, der auch einen Schweizer Pass besaß.

Auch in der Oper verwirklichte Schell sich und inszenierte auf Einladung von Placido Domingo 2001 Wagners "Lohengrin" in Los Angeles, vier Jahre später Strauss' "Rosenkavalier".

Als Einzelgänger schilderte Fritz Göttler den Schauspieler zu seinem 80. Geburtstag in der SZ. Lange stand er im Schatten seiner älteren Schwester Maria, ein Star der fünziger und sechziger Jahre. Als er den Oscar bekam, titelten die Zeitungen: "Maria Schells kleiner Bruder kriegt Oscar!" Die Versöhnung kam im Alter: Auf der Kärntner Alm pflegte Schell seine Schwester bis zu ihrem Tod 2005, über sie drehte er die Dokumentation "Meine Schwester Maria".

Aus der Öffentlichkeit zog sich Schell immer mehr zurück. Zu seiner Patentochter Angelina Jolie hatte er keinen Kontakt mehr: "Sie weiß wahrscheinlich gar nicht, wer ich bin." Auf der Alm seiner verstorbenen Schwester, seinem "Ankerpunkt", fand er Ruhe. Das Reisen war ihm in den vergangenen Jahren immer schwerer gefallen. Bis zuletzt war Schells zweite Ehefrau, die 48 Jahre jüngere Sopranistin Iva Mihanovic, an seiner Seite. In einem Talkshow-Auftritt vor zwei Jahren hatte Schell klargestellt, dass "das mit den Frauen" nie aufgehört habe. Mit Soraya, der Gattin des letzten Schahs von Persien, war Schell einst liiert, aus der Ehe mit der russischen Schauspielerin Natalja Andreitschenko hatte er eine Tochter.

Seinen Erfolg kommentierte Schell gelassen: "Ich bin nichts geworden", hatte er einmal in der Frankfurter Allgemeinen gesagt. In der Nacht auf Samstag ist Maximilian Schell im Alter von 83 Jahren gestorben.

Mit Material von dpa