Zum Tod von Udo Jürgens Größer als die Wahrheit

Er sang über unsere Sorgen und Hoffnungen, weil er sie teilte. Udo Jürgens ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Seine Lieder waren, sind und bleiben: wahr.

Ein Nachruf von Gerhard Matzig

Um Udo Jürgens und die Noblesse zu begreifen, die auch noch in seinem simpelsten Tralala liegt, welches sich zum Beispiel auf "Siebzehn Jahr, blondes Haar" reimt, muss man vielleicht auch einmal im Garten der Bockelmanns gewesen sein. Und wenn man den Schmerz, der in der Nachricht seines schattenhaft unerwarteten Todes liegt, bekämpfen will, dann erinnert man sich vielleicht auch nicht zuerst an den Plexiglas-Flügel und den weißen Bademantel, den sich Udo Jürgens, der am 30. September 1934 in Klagenfurt geboren wurde, gegen Ende seiner Konzerte immer wie einen flauschigen Schutzschild gegen die allzu große Liebe und Zuneigung seines Publikums umhängen ließ, erschöpft und glücklich, sondern man mag sich an den Geruch der Obstbäume im Bockelmann'schen Garten erinnern. An krumme Bäume. Hohes Gras. Ein Geruch wie die Hoffnungsfarbe Grün.

Die Bankiersfamilie Bockelmann, geflüchtet in kriegswirren Zeiten, lebte dort, in Ottmanach bei Klagenfurt, auf dem Gut des Großvaters. Der war Bankier, der Vater wurde rasch zum Bürgermeister ernannt - und die Mutter Käthe war eine geborene Arp. Der Garten war ein Garten Eden großbürgerlicher Weltanschauung. Ein Hort von Kunstsinn und Bildung. Von Musik, Malerei und Literatur. Und um nun auf das tralalablonde Haar zurückzukommen: Udo Jürgens war deshalb eher ein Chansonnier als ein Schlagersänger und noch viel eher ein Künstler denn einer dieser Schlagermarketender, wie sie sich heute auf ihn berufen, weil in seinen Liedern das Große dem Kleinen so kunstvoll nahe kommt.

Weil er etwas tun konnte, was selten geworden ist: Er konnte seine Lieder - mehr als 1000 hat er komponiert, und zwar tatsächlich: komponiert, als komplexes Ganzes -, er konnte seine Lieder also uns nah und für uns doch seltsam erhaben wirken lassen. Ja, auch pathetisch. Sie waren, sie sind, denn sie bleiben: wahr. Auch dann, wenn sie natürlich gelogen waren - wie jede große Kunst nicht allein der Wahrheit verpflichtet ist, sondern dem, was größer ist: der Gewissheit, dass etwas so sein könnte, wie es klingt, unabhängig von der Realität.

Abschied vom Gentleman-Schlagersänger

mehr... Bilder

Was Udo Jürgens auszeichnet

"Ich war noch niemals in New York": Das ist natürlich nicht die Wahrheit. Udo Jürgens war immer dann, wenn er dieses Lied sang, doch schon überall auf der Welt gewesen, und er war doch überall in der Welt zu Hause, aber man glaubt ihm einfach dieses Gefühl. Wenn man dieses Lied hört, jetzt zum Beispiel, da die Radio-Nachrichten voll von seinem Tod sind, während dieses vitale, starke Lied vom Sehnsuchts-New-York doch nie und nimmer aufhören möchte zu schlagen, dann weiß man einfach, was gemeint ist. Was sich hinter den Worten verbirgt, hinter den Klängen auch. Und das weiß jeder: Der, der jeden Donnerstag zum Meeting nach JFK einschwebt - wie auch der, der zu Hause das Poster von den Bauarbeitern auf einem New-York-Stahlskelett aufgehängt hat in der sicheren Annahme, dass er tatsächlich New York niemals sehen wird.

Welche Erinnerungen an Udo Jürgens werden bleiben?

Im Alter von 80 Jahren ist Udo Jürgens gestorben. Was bleibt, sind seine Songs und die Erinnerungen an einen großen Musiker. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Glaubhaftigkeit und ein tiefes Verständnis vom Leben, dazu ein Kunstkönnen: Das ist es, was Udo Jürgens auszeichnet.