Zum Tod von Christopher Hitchens Anwalt des Teufels

Im Vatikan gegen Mutter Teresa argumentieren, als Linker für den Irak-Krieg sein, als Atheist Amerika lieben? Nichts leichter als das! Christopher Hitchens war immer dagegen und hatte meistens recht. Das betrunkene, wütende und aufregende Leben des britisch-amerikanischen Intellektuellen ist zu Ende.

Von Jannis Brühl

Über die Toten nur Gutes? Nicht, wenn sie Schweinepriester sind, das war Christopher Hitchens' Überzeugung. Er beleidigte den "Reverend" Jerry Falwell live im Fernsehen, als dessen Leiche noch nicht einmal unter der Erde war: "Wir sind einen extrem gefährlichen Demagogen losgeworden, der sein Geld mit Hass und Vorurteilen gegen andere verdient hat."

Falwell war ein Liebling von Amerikas Konservativen, die gerne ein Auge zudrückten, wenn der mal wieder antisemitische Ausfälle hatte oder den 11. September als gerechte Strafe Gottes für das Land bezeichnete. Hitchens drückte kein Auge zu. Der britische Journalist und Literaturkritiker war ein Aktivist, der mit harten Mitteln für die Aufklärung stritt. Jetzt ist Hitchens selbst tot. Er hätte für sich keine Nachsicht verlangt.

In der angelsächsischen Welt gehörte er zum öffentlichen Diskurs, weil ihm die Regeln der Mediendemokratie egal waren - und er trotzdem ihre Ideale verkörperte. Er war immer für das gut, was "kontrovers" genannt wird und Einschaltquote bringt.

Fernsehkommentatoren wie Blogger hyperventilierten bei seinen Statements. Im puritanischen Amerika trat er angetrunken vor die Kamera. Er verstieß gegen das ungeschriebene Gebot, christliche Führer wie Falwell mit Samthandschuhen anzufassen. Er griff die israelische Besatzungspolitik an, was die Konservativen ärgerte. Dann erklärte er den Palästinserpräsidenten und Liebling der Linken, Jassir Arafat, zum opportunistischen Killer.

Im Oxforder Debattierclub entdeckte der Student aus Portsmouth in den sechziger Jahren seine scharfe Zunge - und seine Eitelkeit. Damals stellte der junge Christopher laut seiner Autobiographie fest: "Wenn du auf einem Podium eine gute Figur machst, musst du niemals allein abendessen oder allein schlafen."

Wer nicht alleine schlafen will, muss sich also Gegner suchen. Hitchens suchte sich die ganz Großen: Pinochet, Clinton, Saddam, Gott. Dabei machte er eine Verwandlung durch, wegen der ihn schließlich auch viele alte Weggefährten verstießen.

In Oxford und London wurde der Sohn eines britischen Marineoffiziers zum Literaturkritiker und Sozialisten. Er mischte mit Lust an der gesellschaftlichen Revolte sowie den Flügelkämpfen und Debatten innerhalb der Linken mit. In seinem letzten Lebensjahrzehnt jubelte er schließlich dem konservativen Präsidenten Bush bei seinem Angriff auf den Irak zu und wurde eine Art professioneller Gotteslästerer.

Mit dem britischen Biologen Richard Dawkins und dem US-Autor Sam Harris stand Hitchens an der Spitze der Bewegung der "neuen Atheisten". Sie wandten sich gegen das Comeback, das die Religion seit den achtziger Jahren erlebt - nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch im Westen. Für jeden von ihnen schlossen sich Religion und persönliche Freiheit gegenseitig aus, war Blasphemie ein Verbrechen ohne Opfer. Doch nur Hitchens schaffte es, dabei nicht ähnlich verbissen und geifernd zu wirken wie die Kreuzzügler und Dschihadisten, die er eigentlich bekämpfte.

Er hatte nicht nur literarische und historische Referenzen zu praktisch jedem Thema parat, wie sich Zeitgenossen in den ersten Nachrufen erinnern. Aus England hatte er Understatement und Humor mitgebracht, nicht nur, wenn es um Politik ging: "Es ist der Gipfel der Unhöflichkeit, mit jemandem seltener als dreimal zu schlafen." Deshalb liest sich sein Buch Der Herr ist kein Hirte im Gegensatz zu den anderen Büchern der "neuen Atheisten" am wenigsten wie Indoktrination.

In den siebziger Jahren trieb er sich mit seinem besten Freund, dem Schriftsteller Martin Amis, in Londoner Literaturzirkeln herum - was vor allem gemeinsame Barbesuche bedeutete. Später berichtete er als Korrespondent aus dem geteilten Zypern, aus Kuba und dem Irak. In seinen letzten Jahren schrieb er von Washington aus für den Atlantic Monthly, das Online-Magazin Slate und für Vanity Fair. Für Letztere testete er nicht nur die Foltermethode Waterboarding am eigenen Leib. Er schickte auch bis zum Ende mit der Regelmäßigkeit, die ihm seine schwere Krankheit erlaubte, Depeschen aus der Schattenwelt ständiger Untersuchungen und Chemotherapien, in der Krebskranke leben. Er nannte diese Welt Tumortown.