Zum Tod von Avicii Zerbrochen am Leben des Rave-Stars

Der Schwede Tim Bergling, genannt Avicii, war ein begnadeter Songwriter, ein Superstar der Electronic Dance Music. Doch das Leben auf Tour machte sein Körper nicht mit. Nun ist er mit 28 Jahren gestorben.

Nachruf von Jan Kedves

Natürlich stellt sich nun die Frage, ob Tim Bergling nach seinem Tod dort angekommen ist, wo er seinem Künstlernamen nach schon immer war: in der tiefsten buddhistischen Hölle. Die heißt im Sanskrit Avici, und "Avicii" nannte sich der aus Stockholm stammende, 1989 geborene Musikproduzent und EDM-Star. Seine Begründung für den Namen war nie eine esoterische, sondern eine pragmatische: Als er 2007 anfing, seine ersten Produktionen auf die Musik-Plattform Myspace zu laden, sei sein bürgerlicher Name dort schon vergeben gewesen.

Über Avicii ist oft gesagt worden, er sei DJ gewesen - was man, ohne respektlos zu sein, korrigieren kann: Discjockeys mischen die Musik anderer Produzenten, Avicii spielte bei seinen Auftritten seine eigenen Hits, mit anderen Worten: Er war ein Live-Act. Und ein begnadeter Komponist und Musikproduzent. Begnadet, weil er in seinem Laptop nicht nur rasend schrille Rave-Fanfaren und Sechzehntel-Arpeggios mit stürmischem Techno-Geböller verschraubte, sondern weil er etwas von Songwriting verstand. Avicii stapelte in seinen Hits einprägsame Melodie-Fragmente nur so übereinander, in der Fachsprache nennt man sie "IDs", im Rock würde man "Riff" sagen. Aviciis Musik war deswegen sehr anschlussfähig an Rock-Traditionen, manche seiner Hits sind im Prinzip Bluegrass-Country, nur eben mit diesem anderen Sound. EDM. Electronic Dance Music. Mit ihr lernten die Amerikaner das Raven.

Die Popstars standen bei Avicii Schlange: Madonna, Nile Rodgers von Chic, Chris Martin von Coldplay, Rita Ora - sie alle arbeiteten mit ihm zusammen beziehungsweise ließen sich Songs von ihm auf Stadiontauglichkeit trimmen. Auch hierzulande eroberte Avicii die Charts, sein Hit "Wake Me Up" (mit der Stimme des amerikanischen Soulsängers Aloe Blacc) ist laut GfK der am zweithäufigsten heruntergeladene Song in Deutschland, hinter "Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer. Avicii war zweimal für den Grammy nominiert, ausgezeichnet wurde er mit dem Billboard Music Award und mit zwei MTV Europe Music Awards.

Zwischen 2008 und 2014 spielte Tim Bergling 725 Live-Shows, mit dem Privatjet von Alarm zu Alarm. Lasershow, Pyrotechnik, Kunstnebelkanonen. Irgendwann merkte er, dass er für das Live-Performen - jeden Tag woanders auf der Welt, jede Nacht Animations-Armewedeln vor Stadien voller jubelnder Fans - nicht gemacht ist. Der Alkohol sollte die Nervosität besänftigen, irgendwann zerstörte er Berglings Körper. Die vor einigen Wochen veröffentlichte Netflix-Doku "Avicii: True Stories" zeigt, wie er 2014 auf Tour in Australien ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die Magenkrämpfe fühlten sich an, als würden ihm von vorne und hinten gleichzeitig Messer in den Bauch gestochen, sagte Bergling, er könne nichts mehr essen. Die Ärzte verabreichten ihm das Schmerzmittel Percocet, eine Mischung aus Paracetamol und dem starken Opioid Oxycodon. Bergling zögerte: "That's fucking heroin!"

Anders hielt er, nachdem ihm Gallenblase und Blinddarm entfernt worden waren, das Tourleben aber nicht mehr aus. Ein Leben fast ohne Schlaf, brutal durchgetaktet von seinem Manager Arash Pournouri, genannt Ash, der in der "True Stories"-Doku fast schon stolz sagte: "Tim wird das nicht überleben. Die ganzen Interviews, die Touren durch die Radiostationen, all das ... er wird tot umfallen."

Mit 26 der jüngste Frührentner des Pop

Der Erfolg wurde für Avicii zur Qual. Im Sommer 2015 zog er die Notbremse, sagte für acht Monate alle Shows ab, fing mit Sport an, gesunder Ernährung, Psychotherapie, um die Panikattacken in den Griff zu bekommen. Und er fasste einen Entschluss: keine Auftritte mehr. Avicii wurde 2016, mit gerade mal 26 Jahren, der jüngste Frührentner des Pop. Jemand, der nur noch in aller Ruhe Musik produzieren, aber nie mehr performen wollte.

"Ich bin ein Introvertierter", sagte er in der "True Stories"-Doku. Er hatte angefangen, den Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung zu lesen und schien regelrecht stolz darauf zu sein, nach acht Jahren Karriere-Wahnsinn und Pop-Jetset, endlich etwas Wahres über sich herausgefunden zu haben.

Warum er der Abwärtsspirale dennoch nicht entkam, wird man möglicherweise nie erfahren. Seine Familie äußert sich nicht zu den näheren Umständen seines Todes. Sicher ist nur, dass Avicii, der Superstar des EDM, aus einem Urlaub mit Freunden nicht zurückgekommen ist. Er ist am Freitag in Maskat im Oman im Alter von 28 Jahren verstorben.