Zum Tod des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt Der Mann, der die Musik zum Sprechen brachte

Für Nikolaus Harnoncourt war seine Profession Leidenschaft: "Musik muss die Seele aufreißen."

(Foto: REUTERS)

Er wollte die Töne klingen lassen wie beim ersten Mal. Nun ist der Ausnahme-Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren gestorben.

Nachruf von Michael Stallknecht

Es ist erst drei Monate her, dass Nikolaus Harnoncourt seinen Abschied vom Dirigentenpult verkündete. Dabei klangen seine letzten Konzerte und Aufnahmen keineswegs altersmilde, im Gegenteil: Manchmal schienen seine Tempi noch extremer geworden, die Pauken noch durchschlagskräftiger, das Forte stürmisch und majestätisch wie ein Orkan. Harnoncourt war der selbe Revolutionär geblieben, als der er seit mehr als einem halben Jahrhundert die Musikszene aufgerüttelt hatte.

Dabei entstammte der in Berlin geborene Österreicher alles andere als revolutionären Verhältnissen. Als Johann Nicolaus de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt gehörte er zum österreichischen Hochadel, was sowohl die dortige Abschaffung des Adelsprädikats wie bald schon der bürgerliche Beruf kaschierte. Siebzehn Jahre lang gehörte er ab 1952 als Cellist zu den Wiener Symphonikern, die damals der junge Herbert von Karajan leitete. Doch den forcierten Wohlklang der Nachkriegszeit begann Harnoncourt bald schon zu hinterfragen, zu sehr schienen ihm Mischklang und Dauervibrato die alten Komponisten in Watte zu packen. Und wie viele Revolutionen in der Geschichte eine Besinnung auf die Quellen gewesen sind, fand Harnoncourt das Gegengift gegen die Tradition in noch älteren Traditionen.

In alten Instrumentallehrbüchern und Partituren, die lange in den Bibliotheken verstaubt waren und auf Instrumenten, die schon lange niemand mehr zu spielen vermochte. Mit seiner Frau Alice, einer Geigerin, erprobte Harnoncourt das Spiel auf Zinken und Theorben, schlug die Pauken wieder mit Holzschlegeln, spannte Darmsaiten auf Geige und Cello. Das Ergebnis klang anfangs noch recht roh - und gehörte zu den Anfängen einer Bewegung, die aus dem gegenwärtigen Musikbetrieb nicht mehr wegzudenken ist: der historischen Aufführungspraxis. Inzwischen existieren unzählige Spezialensembles, musizieren auch die großen Symphonieorchester oft 'historisch informiert'.

Harnoncourts Feuerkopf warb ununterbrochen für seine Entdeckungen

Doch Harnoncourt sorgte noch lange für Staunen, als er mit seinem eigenen, seit 1958 als Concentus Musicus bekannten Ensemble auftrat. Was sollte an einem klirrenden Cembalo besser sein als am glatteren Klang des modernen Klaviers, warum eine Gambe einer Partitur angemessener sein als ein Cello? 1962 brachte der Concentus eine aufsehenerregende Neuaufnahme von Johann Sebastian Bachs Brandenburgischen Konzerten heraus, in den Siebzigern und Achtzigern spielte Harnoncourt in Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt das gesamte Kantatenwerk des gleichen Komponisten ein.

Harnoncourts Feuerkopf warb ununterbrochen für seine Entdeckungen, auch mit seinen Büchern. "Musik als Klangrede" heißt das berühmteste und enthält schon im Titel, was Harnoncourt lebenslang wollte: Musik neu zum Sprechen zu bringen, sie wieder klingen zu lassen wie beim ersten Mal. Dazu sollten die rhetorischen Mittel wiederentdeckt werden, die einst ganz selbstverständlich von den Zuhörern verstanden worden waren.

Dass damit auch ganze, inzwischen fast vergessene Opern zum Leben erweckt werden konnten, bewies der legendäre Zyklus der Werke Claudio Monteverdis mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle am Opernhaus Zürich in den Siebziger Jahren. Und auch wenn die Widerstände zahlreich blieben, konnte Harnoncourt nach und nach nicht nur seine eingefleischte Fangemeinde überzeugen. Hatte er anfangs den Concentus Musicus noch vom Cello aus geleitet, spürten bald auch einige Großinstitutionen, dass sich mit ihm frisches Blut in die alten Adern der Klassik pumpen ließ.

Musik sei nie dafür da, "um leere Abende durch Opern- und Konzertbesuche zu garnieren", sagte er einmal

Harnoncourt trat als Dirigent ans Pult des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters, bald auch der Berliner Philharmoniker. Spätestens seine "Missa Solemnis" im Jahr 1992 bei den einst von Herbert von Karajan so stark geprägten Salzburger Festspielen bedeutete die endgültige Aufnahme in den Olymp des europäischen Musikbetriebs. Eine wechselvolle Beziehung zu den Wiener Philharmonikern fand ihre Krönung in den gemeinsamen Neujahrskonzerten der Jahre 2001 und 2003. Für das erste der Konzerte hatte sich Harnoncourt nur ausbedungen, dass er nicht ununterbrochen lächeln müsse.

Dass er auf historische Instrumente verzichten und trotzdem seine Impulse weitergeben konnte, kam bei manchen alten Weggefährten nicht gut an, zeigt aber die innere Weite dieses Dirigenten. Systematisch dehnte er denn auch das eigene Repertoire aus, schien seinen eigentlichen Schwerpunkt sogar in der Romantik zu finden, die seinem hochexpressiv aufgeladenen Dirigierstil und seinem Willen zur furiosen Entgrenzung entgegenkam. Die historische Aufführungspraxis betrieb er fortan maximal undogmatisch, den einen richtigen Originalklang wollte er nicht propagieren. Nur war er überzeugt, dass Musik nie dafür da sei, "um leere Abende durch Opern- und Konzertbesuche zu garnieren", wie er einmal sagte.

Harnoncourt versuchte das Revolutionäre an den Werken aufzudecken, egal in welcher Zeit es erstmals zum Ausbruch gekommen war. Von der Wiener Klassik her kommend, umfasste sein Repertoire damit auch Mendelssohn, Brahms, Bruckner, Wagner, Bizet, Smetana, Dvořák oder Bartók. Je älter Harnoncourt wurde, desto mehr schien ihn eigentlich zu interessieren. "Spezialisierung lehne ich grundsätzlich ab", sagte er einmal der Wiener Zeitung Der Standard. "Jetzt im Alter, wo ich meine laufende Tätigkeit einschränken muss, kann ich endlich die Sachen machen, die ich schon immer machen wollte."

Das reichte bis zu einer Aufführung von George Gershwins Oper "Porgy and Bess" bei der Styriarte in Graz im Jahr 2009. Da hatte Harnoncourt das Festival schon über dreißig Jahre lang geprägt, auch gemeinsam mit seinem Sohn, dem Opernregisseur Philipp Harnoncourt. Das Lebenswerk lässt sich inzwischen in über vierhundert Einspielungen nachvollziehen. "Um schön zu sein, muss sich die Musik an der äußersten Kante der Katastrophe bewegen", hat Harnoncourt einmal gesagt. An diesem Sonntag ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.