Zum Tod des Architekten Günter Behnisch Baumeister der Demokratie

Er forderte ein Bauen "für den Menschen" und prägte mit gestalterischer Phantasie und großer Ausdauer wie kein anderer die Architektur in Deutschland: Günter Behnisch, Erbauer des Bonner Plenarsaals und des Münchner Olympiastadions, ist tot.

Von W.J. Stock

Günter Behnisch hat ihn geteilt, den bekannten Ausspruch von Helmut Schmidt: Wie dieser sei er im Zweiten Weltkrieg "durch die Scheiße gegangen" und deshalb zu einem leidenschaftlichen Demokraten geworden. Mit gestalterischer Phantasie, mit sozialen Engagement und großer Ausdauer gelang es ihm dann wie keinem anderen, die Architektur der zweiten deutschen Demokratie zu prägen. Und wie nur wenige Meister der Moderne schaffte er es, breite Kreise für seine Bauwerke zu begeistern. Nun ist Günter Behnisch am Montag im Alter von 88 Jahren in Stuttgart gestorben.

Der Meister der Transparenz

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Behnisch, 1922 bei Dresden geboren, war bei Kriegsende junger U-Boot-Kommandant. Nach britischer Gefangenschaft begann er das Studium der Architektur mit dem Vorsatz, beim politischen Neuaufbau mitzuwirken. Wenn er stets ein Bauen "für den Menschen" forderte, wenn er gar ein "demokratisches Bauen" propagierte, so waren dies keine wohlfeilen Schlagworte. Solche Forderungen entsprangen seiner Überzeugung.

Wider das auftrumpfende Berlin

Seit dem Studium überzeugter Wahlschwabe, hatte Behnisch 1952 in Stuttgart sein erstes Büro eröffnet. Im Rückblick auf sein Werk ist es typisch, dass die besten Bauten für die öffentliche Hand und für Körperschaften entstanden, darunter etliche Schulen und Sporthallen in Württemberg oder die Fachhochschule in Ulm, die 1963 das erste große Bauwerk aus vorgefertigten Elementen war.

Im Jahr 1967 ging er an ein Projekt, das ihn auf einen Schlag berühmt machen sollte. Es war der Entwurf für das Olympiagelände in München. Die Entscheidung im großen Wettbewerb hing an einem seidenen Faden. Allein der Einsatz des Juryvorsitzenden Egon Eiermann und von Politikern wie dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sorgte dafür, dass kein konventioneller Stadionbau, sondern die kühne Zeltdachkonstruktion verwirklicht wurde. Diese Architektur der "heiteren Spiele", die aller Welt das wieder demokratisch gewordene Deutschland vor Augen führte, war allerdings eine herausragende Gemeinschaftsleistung: Mit Frei Otto als Konstrukteur, Günther Grzimek als Landschaftsplaner und Otl Aicher als Gestaltungsbeauftragtem standen Behnisch exzellente Fachleute zur Seite.

Mit den Münchner Sportstätten von 1972 verhalf Behnisch der Bundesrepublik zu einem architektonischen Symbol. Genau zwanzig Jahre später gelang ihm dies noch einmal: mit dem nach vielen Debatten und Verzögerungen fertig gestellten Bonner Plenarsaal, der als transparent gestaltete "Werkhalle der Demokratie" (Behnisch) das damals modernste Parlamentsgebäude der Welt war. Mit seinen beiden Hauptwerken sah sich Behnisch in der Tradition der deutschen Nachkriegsmoderne, wie gegen die "auftrumpfende" Architektur von Neu-Berlin bekundete.

Fürs demokratische Bauen konnte Behnisch zum Feuerkopf werden. So wandte er sich Anfang der achtziger Jahre vehement gegen den Entwurf der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart von James Stirling - die mit historischen Zitaten gespickte Monumentalität sei angesichts der Nazizeit ein ungehöriger "Tabubruch". Und zehn Jahre später polterte er gegen die Absicht, das deutsche Parlament im umgebauten Berliner Reichstagsgebäude unterzubringen, das er als "besonders unangenehm, anmaßend und überheblich" empfand.

Behnischs Entwürfe orientierten sich in erster Linie nicht an Formen und Fassaden (deshalb war für ihn die neuere Berliner Architektur überwiegend "Angeberei"). Vielmehr strebte er Räume und Raumfolgen an, welche die Nutzer mit ihren Aktivitäten "besetzen" können. In bester moderner Tradition entwickelte Behnisch seine Architektur von innen nach außen, um so für lebendig interpretierte Bedürfnisse das richtige Maß zu finden, wie er es besonders für Schulen forderte: "Heiter und ernst, geordnet und neu geordnet, individuell und eingefügt ins Ganze." Zuweilen trieben es Behnisch und Partner mit den zwanglos-offenen Elementen aber auch etwas zu weit: Da schlug dann das Konstruktive ins Verspielte oder das Gestalterische ins bloß noch Ornamentale um. Dies war vor allem dann der Fall, wenn jüngere Mitarbeiter - wie etwa beim gekippten Kindergartenschiff im Stuttgarter Vorort Luginsland - ihre Liebe zum "Zeitgeist" (Behnisch) ausleben durften.

Bauen als Prozess

Behnisch leitete einen Aufsatz aus dem Jahr 1995 damit ein, dass Gebrauch und Wahrnehmung die Haltung zu einem Bauwerk bestimmen würden, daneben aber auch der zeitliche Abstand: "Das, was gestern groß schien, kann heute klein sein und morgen lächerlich. Und umgekehrt." Dies lässt sich auf seine eigenen, überwiegend frei stehenden Gebäude anwenden. Als Meisterwerk wird sicherlich auch die 1987 eröffnete Universitätsbibliothek in Eichstätt überdauern, bei der Behnisch in der Aue der Altmühl einen Dialog zwischen großzügig verglaster Architektur und Landschaft herstellte. Einige Bauten aus seinem Spätwerk hingegen stießen bereits kurz nach ihrer Fertigstellung auf berechtigte Kritik - vor allem das 2005 eröffnete Gebäude der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Zwar kann man erkennen, was Behnisch mit den schrägen Ebenen, den Rampen und Treppen im Sinn hatte, doch in der Praxis ist das Haus untauglich: die Nutzflächen zu gering, der Saal zu klein, das Raumklima für Ausstellungen schädlich.

Dies wird aber nicht wirklich den Nachruhm eines Architekten schmälern, der sich bei seinem eigenwilligen "Bauen als Prozess" jeweils bis zuletzt für die bestmögliche Lösung offen halten wollte (manche Auftraggeber wissen freilich ihr eigenes Lied davon zu singen). Sein Büro wird sein Sohn Stefan weiterführen, der seit etlichen Jahren sein engster Mitarbeiter war. Auch im Ausland wird man zuerst Günther Behnischs Namen nennen, wenn es um große deutsche Architektur in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts geht. Und das ist kein Wunder: Vor allem mit den Münchner Olympiabauten hat er sich bereits in die Architekturgeschichte eingeschrieben.

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