"Wurfschatten" von Simone Lappert Die kleine Weh-Jungfrau

Wenn das eigene Innenleben zum Abenteuer wird: In Simone Lapperts Debüt "Wurfschatten" bereitet sich die hypochondrische Ada aufs Sterben vor. Leider reflektiert der Roman nicht, sondern schildert nur die Oberfläche.

Von Dana Buchzik

Ada teilt sich eine Zweiraumwohnung mit ihren Ängsten. In einem Zimmer versucht sie zu schlafen, im "Therapiezimmer" bleiben die Ängste wach. Hier sind die Wände voller Fotos, Internetausdrucke und Zeitungsartikel. Nahaufnahmen zerfetzter Gliedmaßen, vergrößert auf Plakatformat. Offene Wunden unter Tesafilm. Erdbebentrümmer, mit Reißzwecken zusammengeheftet. Röntgenbilder, die Ada auf dem Flohmarkt gekauft hat, Aufnahmen, die Tumore, Zysten und Gerinnsel zeigen - Schatten im Körperinneren, die vom Sterben erzählen. Die titelgebenden Wurfschatten von Passanten auf der Straße hingegen erzählen vom Leben, von Selbstverständlichkeiten, die Ada fremd geworden sind. "Jede Schädeldecke eine Kompassscheibe, jeder Scheitel eine verlässliche Nadel", denkt die 25-Jährige. Jeder Mensch außer ihr, so unterstellt sie, funktioniert mühelos.

Ada, eigentlich Adamine, verbringt Stunden in ihrem Therapiezimmer, dekliniert ihr Angstalphabet von A wie Attentat bis Z wie Zyste durch. Seit ihrem Abschluss an der Schauspielschule lässt sie Vorsprechtermine an großen Theatern regelmäßig platzen und hält sich stattdessen mit kleineren Jobs über Wasser; so bleibt für Sorgen genug Zeit.

Ada wirkt wie eine Trittbrettfahrerin des Fräuleinwunders 2.0

In Ada hat Simone Lappert eine Protagonistin erschaffen, die auch in Judith Hermanns Geschichten Platz fände. Hermanns Debüt "Sommerhaus, später" skizziert Menschen, die, von materiellen Nöten unberührt, auf ihren Betten liegen und sich fürs Sterben bereit machen - selten ein Sterben am Alter, häufiger ein inneres, ein vorgestelltes Sterben, ein Sterben an Schönheit, Phlegma oder uneingestandener Langeweile.

Auch Hermanns Protagonistinnen wirken unberührbar unter ihren gläsernen Befindlichkeitstaucherglocken, auch bei ihnen gibt es keinen Drang, sich in der Welt zu beweisen: Ihr Berufungssubstitut ist die Selbsterforschung. Nicht zuletzt deswegen scheitert jeder müde Versuch einer Beziehung; in Judith Hermanns Geschichten bedeutet girl meets boy, wortkarg nebeneinanderher zu rauchen und sich einem überbordenden Gefühl der Aussichtslosigkeit hinzugeben. Introvertierte Männer und Frauen, deren Gedanken sich mit einem Heine-Zitat - "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin" - zusammenfassen lassen: Das war Ende der Neunzigerjahre Judith Hermanns Erfolgsrezept.

"Sommerhaus, später" wurde eine halbe Million Mal verkauft und in siebzehn Sprachen übersetzt; Fräuleinwundertrittbrettfahrer gab es seither zur Genüge. In jüngerer Vergangenheit waren es unter anderem Elisabeth Rank und Rebecca Martin, die den Sommerhaus'schen Ton mit ihren Coming-of-Age-Geschichten neu interpretierten. Ihre Protagonistinnen stapfen gelangweilt durch ein Leben, das keine existenziellen Sorgen kennt. Die jungen Autorinnen erzählen von einer Zeit des Nichtvorwärtskommens, von einem in die Länge gezogenen, finanziell weich abgefederten Schwellenmoment.

Modifiziertes Verständnis von Literatur

Ranks Protagonistin Rea packt kurz vorm 30. Geburtstag die Angst, alle wichtigen Clubs gesehen zu haben und nun erwachsen werden zu müssen, Martins Hauptfigur Elina lässt sich nach dem Abitur ein Jahr Zeit, um sich zu orientieren, was bedeutet, mit den Eltern Orangen-Fenchel-Salat zu essen, Champagner zu trinken und in der ersten eigenen Wohnung Geschirr ungespült stehen zu lassen, und Lapperts Protagonistin Ada drückt sich mithilfe ausgeprägter Neurosen vor dem Berufseinstieg.

Ranks, Martins und Lapperts Romane sind Ausdruck eines modifizierten Verständnisses von Literatur, das den Buchmarkt mehr und mehr prägt: Es wird kaum noch erwartet, dass Literatur reflektiert, konkrete Gedankenkraft für neue oder erweiterte Diskurse liefert. Man gibt sich damit zufrieden, wenn Romane akribisch Oberflächen schildern, und als Milieuabbildung funktioniert "Wurfschatten" hervorragend. Ada ist der Prototyp einer jungen, weißen, gebildeten Großstädterin, die gern feiern geht und vor Verantwortung zurückscheut. Obwohl "Wurfschatten" in der Schweiz spielt, wäre als Schauplatz problemlos Berlin einsetzbar. Nicht von ungefähr ist Lapperts Debüt Flaggschiff des Herbstprogramms des jungen Berliner Verlags Metrolit, der sich dem großstädtischen Zeitgeist verschrieben hat.