Woody Allen Szenen einer Absetzbewegung

Schauspieler wie Rebecca Hall bereuen öffentlich ihre Arbeit mit Woody Allen, auch wenn es keine Neuigkeiten bezüglich der Missbrauchs­vorwürfe gegen den Regisseur gibt. Alec Baldwin verteidigt ihn.

Von Tobias Kniebe

Die Zahl der Schauspieler, die ihre Zusammenarbeit mit Woody Allen öffentlich bedauern, wächst. Der neueste ist der 22-jährige amerikanische Shootingstar Timothée Chalamet, der gerade für "Call Me By Your Name" im Awards-Rennen ist. Er hat in Allens kommendem, bereits abgedrehtem Film "A Rainy Day in New York" mitgespielt, kündigte nun aber auf Instagram an, seine Gage unter anderem der Frauen-Initiative "Time's Up" zu spenden. "Vertragliche Verpflichtungen" hinderten ihn daran, direkt über die seit vielen Jahren gegen Woody Allen erhobenen Missbrauchsvorwürfe zu sprechen. Er wolle aber die "Time's Up"-Bewegung unterstützen und würdig sein, "Schulter an Schulter mit diesen mutigen Künstlern zu stehen".

Zuvor hatten bereits zwei weitere Schauspieler aus "Rainy Day" ihre Gagen gespendet, Griffith Newman und Rebecca Hall. Für Hall war der Film bereits die zweite Zusammenarbeit mit Allen. Sie kündigte an, nicht mehr mit ihm arbeiten zu wollen. Aktuell steigt der Druck auf weitere "Rainy Day"-Schauspieler wie Jude Law, Liev Schreiber, Elle Fanning und allen voran Popstar und Gelegenheits-Actrice Selena Gomez, sich zu Allen zu äußern. Gomez sieht sich in den sozialen Medien sogar von ihrer eigenen Mutter angetrieben, die behauptet, sie vor Allen gewarnt zu haben. Begonnen hatte die Absetzbewegung im November, als Ellen Page die Arbeit mit ihm als "größten Punkt des Bedauerns in meiner Karriere" bezeichnete. Ihr folgte die Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig, die 2012 in Allens "To Rome with Love" dabei war und sagt, mit ihrem heutigen Wissen würde sie anders entscheiden. Wichtig sei für sie gewesen, dass Allens Stieftochter Dylan Farrow 2014 noch einmal in einem Editorial beschrieben hatte, wie ihr Vater sie 1992 sexuell missbraucht habe. Am heutigen Donnerstag soll ein Interview ausgestrahlt werden, das Dylan Farrow dem Sender CBS gegeben hat. In ersten Auszügen verteidigt sie darin ihr Recht, wütend zu sein und Woody Allen "fertigzumachen". An Farrow direkt wandte sich auch die Schauspielerin Mira Sorvino in einem Entschuldigungsbrief und bedauerte, in Allens "Mighty Aphrodite" mitgewirkt zu haben.

Alec Baldwin verweist vehement auf die Unschuldsvermutung, die auch für Woody Allen gelte

Dylan Farrows Vorwürfe wurden seinerzeit von den Strafverfolgungsbehörden ausführlich untersucht, es wurde aber keine Anklage erhoben. Neue Fakten gibt es seither nicht, aber eben neue Wortmeldungen aus der Familie, auf die Allen mit neuen Dementis reagierte. Neben der Mutter, Mia Farrow, hat sich der Bruder Ronan Farrow geäußert, der sich als einer der Enthüller des Weinstein-Skandals im New Yorker einen Namen gemacht hat. Er unterstützt Dylan Farrow bedingungslos. Ein weiterer Bruder, Moses Farrow, nennt seine Schwester hingegen öffentlich "gehirngewaschen" und beschuldigt Mia Farrow, ihr den Missbrauch nur eingeredet zu haben.

Auf Moses Farrow wiederum bezog sich Alec Baldwin, der Allen auf Twitter verteidigte. "Woody Allen wurde in zwei Bundesstaaten, New York und Connecticut, kriminologisch untersucht", schrieb Baldwin. "Aber es wurde keine Anklage erhoben. Die Ablehnung seiner Person und seines Werks hat ohne Zweifel einen Zweck, aber sie erscheint mir unfair und traurig. Ich habe dreimal mit Woody Allen gearbeitet und betrachte dies als eines der Privilegien meiner Karriere." Dann retweetete er Wortmeldungen, die auf Moses Farrow verwiesen.

Wer sich momentan weder zu einer Ablehnung noch zur Verteidigung Allens bekennen kann, muss es wohl so machen wie Selena Gomez im November. Sie erklärte damals, sie wisse nicht, was sie sagen solle, und rang sich dann folgenden Satz ab: "Wow, das Universum wirkt auf interessanten Wegen."