Wissenschaftsdebatte Hirn und Computer

Was hat das Denken mit digitaler Technologie gemein? Nicht viel, sagt die neuere Forschung. Eine Geschichte der Vorurteile.

Von Andrian Kreye

Es ist ein zynisches Vergnügen, den jahrzehntelangen Streit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften unter sportlichen Gesichtspunkten zu verfolgen. Die Naturwissenschaften sind dabei so etwas wie der FC Bayern, bei dem es eher darum geht, wie viele und nicht ob er Meisterschaften gewinnt. Die Geisteswissenschaften sind eher wie die Eintracht Frankfurt, die vor allem gegen den Abstieg kämpft. Weswegen es zumindest den Gerechtigkeitssinn enorm befriedigt, wenn dem dauernden Sieger mal so richtig eine reingesemmelt wird.

Im aktuellen Fall ist es der Essay eines prominenten Forschers, der eine der populärsten Grundannahmen der Naturwissenschaften zerlegt. Robert Epstein, Gründer des "Cambridge Center for Behavioral Studies", gehört als Psychologe ja weder der einen noch der anderen Seite so richtig an. Und er hat im Aeon Magazine gerade einen Essay veröffentlicht, dessen Fazit schon im Untertitel steht: Das Gehirn ist kein Computer.

Es ist ein recht langer Text, der einige Versuche zitiert, die diese These untermauern, und der vor allem Wissenschaftsliteratur anführt, die über fünfzig Jahre hinweg den Trugschluss zementierte, man könne das Gehirn als Computer verstehen. Den vertreten aktuell ja noch sehr viel berühmtere Wissenschaftler wie Stephen Hawking und Ray Kurzweil.

Jede Ära der Menschheit will das Gehirn nach dem Stand der Technik erklären

Epsteins Gegenargument kann man verknappen. Das Gehirn, so schreibt er, verarbeitet keine Daten, es verfüge über keinen Speicher, erzeuge keine visuellen oder sonstigen Simulationen. Es gibt keine Soft- und Hardware, auch wenn Künstliche-Intelligenz-Forscher das Gehirn gerne als "wetware" bezeichnen, als sei das Hirn ein Rechnersystem, das nicht auf Platinen, sondern auf Biomasse beruht.

Nun wäre das Computermodell zwar eine wunderbar einfache Methode, um den menschlichen Geist verständlich zu machen. Elektrische und chemische Impulse, die hübsch binär durch die Windungen zucken und dabei als Gedanken und Wahrnehmungen empfunden werden. Doch als binäres, selbst als quantenmechanisches System wäre das Gehirn ja eine sehr logische Apparatur. Dagegen sprechen ja schon die Geisteswelten von beispielsweise Helge Schneider, Peter Brötzmann oder Horst Seehofer.

Epstein leitet den Trugschluss historisch her. Jede Ära der Menschheit habe versucht, das Gehirn nach dem neuesten Stand der Technik zu erklären. Die Vier-Säfte-Lehre mit ihren Temperamenten stamme zum Beispiel aus den Frühzeiten der Hydraulik in der Antike. Im 16. Jahrhundert kam die Mechanik auf, und man überlegte, ob das Hirn wie ein Uhrwerk funktioniert. Im 17. Jahrhundert brachten Fortschritte in der Chemie und bei der Erforschung des elektrischen Stroms viele auf die Idee, das leite auch die Gedanken. Es sei nur konsequent gewesen, dass mit dem Beginn des Computerzeitalters in den Vierzigerjahren auch bald schon die Metapher vom Hirn als Computer aufgekommen sei.

Der Text bietet nun keine alternativen Metaphern an. Er liefert auch keine Erklärungsmodelle der Geisteswissenschaften. Er stellt nur sehr überzeugend fest, dass das Hirn kein Computer ist. Die Folgen des Trugschlusses seien aber gerade in der Hirnforschung fatal. So habe die Europäische Kommission über eine Milliarde Euro für das Projekt des Hirnforschers Henry Markram veranschlagt, das dieses Bild untermauern wolle, wissenschaftlich aber unhaltbar sei.

Nein, schlüssige Erklärungen für das Denken hat noch niemand gefunden. Epsteins Treffer ist allerdings kein Sieg für die Geistes-, sondern eine Herausforderung für die Naturwissenschaften.