Wiener Burgtheater Karin Bergmann übernimmt künstlerische Leitung

Öserreichs Kulturminister Josef Ostermayer mit der neuen Chefin des Wiener Burgtheaters, Karin Bergmann.

(Foto: dpa)

"Menschen brauchen Feedback, Lob und Kritik", lautet ihr Credo, das Zentrale am Theater ist für sie die Dramaturgie: Karin Bergmann wird interimistisch Chefin des Wiener Burgtheaters.

Von Christine Dössel

Als der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer am Mittwochvormittag auf die Bühne des Wiener Burgtheaters trat - dort, wo angestammterweise die größten und manchmal auch die schönsten Dramen stattfinden -, brandete ihm von den versammelten Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern des Hauses tosender Applaus entgegen. Die Nachricht, die er gleich verkünden sollte, hatte sich bereits herumgesprochen: Die Kulturmanagerin Karin Bergmann soll nach der fristlosen Entlassung des Intendanten Matthias Hartmann das Burgtheater in den nächsten zwei Jahren - also bis Ende der Spielzeit 2015/16 - künstlerisch leiten.

Damit steht erstmals eine Frau an der Spitze des größten Theaters im deutschsprachigen Raum - eine Frau, die das Haus sehr gut kennt und bei den langjährigen Mitarbeitern großes Vertrauen genießt. Die 60-Jährige, eine Deutsche aus dem Ruhrpott, war bereits von 1999 bis 2009 künstlerische Stellvertreterin des damaligen Intendanten Klaus Bachler und begleitete in dieser Funktion auch noch Hartmann in seinem ersten Jahr (2009/10). Zuvor, in der Anfangszeit von Burg-Chef Claus Peymann, war sie sieben Jahre lang dessen Pressesprecherin.

Kommunikation auf Augenhöhe

Standing Ovations, als die sympathische Blonde mit dem frechen Kurzhaarschnitt am Mittwoch vor die Belegschaft trat. "Es ist von allen eine riesige Last abgefallen", fasst Ensemblesprecher Roland Koch die Stimmung zusammen. "Man spürte, dass mit dieser Lösung alle sehr gut leben können." Auch sei es sicherlich gut, dass mit Bergmann nun jemand installiert wurde, der selber nicht Regie führt. Mit ihr könne man als Schauspieler "auf Augenhöhe kommunizieren".

Der Dramaturg Hermann Beil (72), lange Zeit Peymanns rechte Hand und an der Burg sein Ko-Direktor, war gerüchteweise ebenfalls im Gespräch für den Posten. Bergmann hat von ihm die Zusage, dass er als ehrenamtlicher Berater und "Spiritus Rector" zur Verfügung steht, wann immer sein Rat gebraucht werde.

Das Burgtheater wird derzeit gebeutelt von der wohl größten Krise seiner ruhmreichen Geschichte. Für die Spielzeit 2012/2013 wurde ein Bilanzverlust von 8,3 Millionen Euro errechnet, zudem drohen Steuernachzahlungen von fünf Millionen Euro. Über die trickreiche, von Prüfern als höchst undurchsichtig bezeichnete Buchführung stolperte erst die Vizedirektorin und vormalige kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, letzten Dienstag wurde schließlich auch der künstlerische Direktor Matthias Hartmann geschasst. Beide klagen gegen ihre Kündigung. Das berühmte Haus, ganz unrühmlich führungslos geworden, ist bis in seine Grundfesten erschüttert, der Frustrationsgrad enorm. Durch das Ensemble geht ein Riss, den es zu kitten gilt.

"Ich trau mir das zu"

Auf die Troubleshooterin Karin Bergmann wartet das, was sie gegenüber der SZ eine "Herkulesarbeit" nennt, aber sie sagt auch mit der ihr eigenen Entschlossenheit: "Ich trau mir das zu." Bergmann nennt sich eine "integrative" Person: "Was ich gut kann: Leute motivieren. Menschen brauchen Feedback, Lob und Kritik."

Bergmann, für die das Zentrale am Theater - neben den Künstlern - die Dramaturgie ist ("Think Tank und Herzstück"), kann und will auch sofort loslegen. Seit sie sich 2010, nach einem Jahr mit Hartmann und insgesamt 18 Jahren am Burgtheater, freiwillig in den Ruhestand begab, hat sie kein anderes Amt übernommen, sondern, wie sie sagt, "endlich mal wieder ganz viel gelesen" - seit je ihre Leidenschaft. Unstimmigkeiten mit Hartmann hat sie damals von sich gewiesen. Heute sagt sie zumindest so viel: "Ich habe die Direktion bereits im ersten Jahr gewarnt, dass die Produktionsflut, mit der Hartmann startete, nicht finanzierbar ist." Im Burgtheater selbst könne man sich bei der Lage der Finanzen fünf bis sechs Inszenierungen pro Saison leisten, im Akademietheater sechs bis sieben, im Kasino zwar eine regelmäßige Bespielung, aber nicht mit solchen Mammutproduktionen, wie Hartmann sie vorsah. Dieser begann seine Intendanz mit rund 30 Produktionen auf einen Streich.

Karin Bergmann, 1953 in Recklinghausen geboren als lesewütiges Kind einer Bergarbeiterfamilie, ist eine Selfmadefrau, die - inspiriert durch die Ruhrfestspiele - früh schon wusste, was sie will: ans Theater. 1979 begann sie als Direktionsassistentin bei Peymann in Bochum, um mit diesem - nach einer kurzen Zeit als Öffentlichkeitsreferentin am Schauspielhaus Hamburg - ans Burgtheater zu wechseln. Als Pressesprecherin hat sie all die Peymann-Turbulenzen der ersten Wiener Jahre miterlebt. Sie sagt: "Ich bin gestählt." Nach sieben Jahren verließ sie die Burg Richtung Musical-Theater. Bis Klaus Bachler sie 1999 zurückholte und zur Vizedirektorin machte. In dessen letztem Jahr, als er bereits die Münchner Staatsoper übernommen hatte, war Bergmann de facto bereits das, was sie nun auch de jure wird: Herrin des Burgtheaters.