Werner Herzog Lektionen in krimineller Energie

Filmschule als Lebensschule: Werner Herzogs berühmte Rogue Film School kann überall auf der Welt stattfinden, an den unmöglichsten Orten, demnächst auch in München.

(Foto: Gerald von Foris)

Der Regisseur über seine Außenseiterrolle in Hollywood, Dreharbeiten in Nordkorea, seine Filmhochschule für Schurken und die Archivierung seines Lebenswerks.

Interview von Fritz Göttler und David Steinitz

Auch mit 73 und nach über 50 Jahren im internationalen Kinogeschäft ist Werner Herzog noch so rastlos und dynamisch wie kein anderer deutscher Filmemacher, hat immer mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen. In diesem Herbst hat er sich für ein Gespräch in München einen Moment des Innehaltens und Rückblicks gegönnt.

SZ: Sie haben vor ein paar Wochen die Werner-Herzog-Stiftung gegründet. Was wird deren Aufgabe sein?

Werner Herzog: Die Stiftung soll mein Gesamtwerk zusammenhalten - nicht nur die Filme, sondern zum Beispiel auch Texte aus den letzten fünfzig Jahren. Wenn ich einmal sterbe, was wohl unvermeidlich ist, dann soll dieses Werk nicht zerfleddern und in alle Richtungen zerstreut werden. Und es soll für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Sitz der Stiftung wird das Münchner Filmmuseum sein, die Aufsicht hat die Regierung von Oberbayern. Wenn wir also mit dem Stiftungsgeld im Filmmuseum Heroinorgien veranstalten und uns Prostituierte einladen, dann wird wohl der Staat eingreifen.

Die Stiftung soll aber nicht nur bewahren, sondern auch aktiv werden.

Wir wollen jedes Jahr einen Werner-Herzog-Preis verleihen. Dafür sucht eine Jury weltweit Kandidaten aus - Kriterium ist, dass ein Filmemacher etwas Innovatives gemacht hat. Das Preisgeld von 5000 Euro stammt momentan noch aus meinen Privateinkünften. Wir hoffen aber, dass in absehbarer Zeit Sponsoren dazukommen. Außerdem soll es über die Stiftung einmal im Jahr eine Masterclass mit mir geben. Ich zeige zum Beispiel Ausschnitte aus einem Projekt, das ich gerade in Arbeit habe, diskutiere mit dem Publikum darüber.

Diese Meisterklasse hat aber nichts mit der sogenannten Rogue Film School zu tun, Ihrer "Filmhochschule für Schurken", die Sie seit einigen Jahren regelmäßig betreiben?

Nein, die Rogue Film School ist etwas komplett anderes. Das sind konspirative Treffen mit Filmemachern, denen ich Möglichkeiten aufzeigen will, wie man sich innerhalb oder unterhalb der etablierten Filmbranche festkrallen kann. Ich nehme pro Kurs gut 50 Teilnehmer, die ich aus etwa 2000 Bewerbungen auswähle. Ich bin das einzige Mitglied im Auswahlgremium. Wer nicht genommen wird, muss sich also bei mir persönlich beklagen.

Sie lesen bei jeder neuen Runde der Rogue Film School 2000 Bewerbungen?

Die interessierten Kandidaten müssen eine Selbstbeschreibung abgeben - also keinen Lebenslauf, sondern eine knappe Begründung, warum sie mitmachen wollen. Das zweite Auswahlkriterium ist: Man muss mir einen maximal fünfminütigen Film zusenden. Da schicken dann viele längere Sachen, aber in der Regel sage ich: Wer so undiszipliniert ist, den kann ich leider auch nicht nehmen.

Die Rogue Film School findet immer an verschiedenen Orten statt.

Klar, sie ist ortlos. Normalerweise gehe ich in Flughafenhotels. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt zusammen, zuletzt zum Beispiel in London, wo es sehr teuer ist. Also handle ich mit Hotels, die etwas ab vom Schuss liegen, einen günstigen Preis für die gesamte Gruppe aus. Dann sind wir eben nicht direkt in London, sondern in einem Airport-Hotel bei Gatwick. Gut erreichbar mit dem Flugzeug und billiger als die City. In New York habe ich es ähnlich gemacht.

Wer hat denn eine Chance bei diesen begehrten Kursen?

Ich nehme keine Amateure, man muss schon Filmemacher sein. Es gibt auch noch eine Liste mit Pflichtlektüre, von der die Teilnehmer mindestens zwei oder drei Sachen gelesen haben müssen. Denn: Wer nicht liest, wird nie ein großer Filmregisseur werden. Wenn Sie nicht lesen, werden Sie allenfalls Mittelmaß.

Welche Bücher stehen auf dieser Liste?

Die haben erst mal alle nichts mit Film zu tun. Zum Beispiel die "Georgica" von Vergil oder die Götterlieder aus der "Edda". Eine Kurzgeschichte von Hemingway ist dabei, "The Short Happy Life of Francis Macomber" - das ist seine beste Story. Auch der "Warren Commission Report" über die Ermordung Kennedys steht auf der Liste, ein beeindruckendes Dokument und eine unglaubliche Detektivstory. Und "The Peregrine" von J. A. Baker, ein absolutes Muss. Das ist praktisch nur eine Beobachtung und Beschreibung von Wanderfalken, ein völlig obskures Buch. Aber wer "The Peregrine" nicht gelesen hat, sollte überhaupt generell keine Filme machen.

Mit gewöhnlichen Filmhochschulen haben Sie es nicht so, oder?

Von denen werde ich oft angefragt für Seminare, lehne aber immer ab. Ich halte mich völlig von Institutionen fern. Das staubt mir alles zu den Ohren heraus, weil dort konzeptionell eigentlich alles falsch gemacht wird. Die Rogue Film School dagegen lebt hoffentlich fort in den Köpfen der Teilnehmer. Ich fordere die Studenten immer auf: Formt überall geheime Schurkenzellen! Und das tun sie oft auch.

Ist es heute leichter, Filme zu machen?

Ich würde es so sagen: Heute ist es leichter, Filme zu produzieren, als früher, und zwar deswegen, weil man schon für 10 000 Dollar einen Spielfilm machen kann. Die Digitalkameras sind sehr beweglich und sehr gut, man kann viel schneller drehen und den Film daheim am Laptop schneiden. Das Problem ist heute mehr der Vertrieb, der ist viel schwerer geworden. Aber immerhin gibt es im Internet mittlerweile neue Vertriebsformen, auch wenn sie noch nicht völlig ausgegoren sind. Dass große Firmen wie Netflix oder Amazon auch in die Filmproduktion drängen, begrüße ich - wenn auch mit gewisser Vorsicht.

Warum das?

Weil das klassische Vertriebssystem in sich nicht mehr funktioniert - außer bei den ganz großen Blockbustern, die aus den großen Hollywood-Studios kommen. Und selbst die haben Probleme, weil nur ein relativ kleiner Prozentsatz ihrer Filme auch Riesenerfolge werden. Da gibt's auch katastrophale Flops. Wirklich sichere Hits sind nur wenige Franchises wie James Bond oder "Star Wars".

Ist es nicht etwas gespenstisch, wie sich wochenlang alles um "Star Wars" dreht? Ist das nicht ein künstliches Event, durch die aufwendigen Werbekampagnen?

Nein, nein! Wenn Sie "Star Wars" herausbringen und investieren nicht einen einzigen Dollar in Werbung, würde es trotzdem ein Milliardenerfolg werden. Dass diese Filme künstlich hochgehalten und die Leute künstlich verdummt werden, mit dieser Aussage wäre ich vorsichtig, das stimmt nicht. Es gibt eine klare Tendenz weltweit, was das Publikum an Erlebniswelten haben will. Diese Tendenz ist auf den Philippinen, in Usbekistan und in Uruguay gleichermaßen da - also überall.

Und diese Tendenz versuchen Sie zu unterlaufen?

Die Frage ist: Wie kann man mit der nötigen kriminellen Energie Abspielbasen in den Lücken aufbauen, die da noch übrig bleiben? Darum dreht sich auch die Rogue Film School. Das Schurkenprinzip, nach dem ich arbeite, ist mehr eine Lebensform denn eine Arbeitsform.

Eine Lebensform, die bestimmt auch mal sehr gefährlich werden kann, oder?

Nein, das hat mit Gefahr nichts zu tun, Gefahr ist kontraproduktiv fürs Filmgeschäft. Wir sind ja professionelle Leute. Aber ich wittere Ihre Frage. Man behauptet ja gerne, ich hätte öfters lebensgefährliche Sachen gemacht. Unsinn! Ich war immer derjenige, der gefährliche Situationen sehr gut erkennen kann und der sie so abbaut, dass nur ein Bodensatz an Gefahr übrig bleibt. In meinen Filmen ist nie auch nur ein einziger Schauspieler verletzt worden. Nicht einer. Teammitglieder manchmal. Oder ich selber, klar, das passiert. Aber das ist eine andere Entscheidungsebene. Die Leute, die mit mir mitkommen und etwas halbwegs Riskantes machen, die sind immer auf freiwilliger Basis da.

Auch die großen Hollywoodstars drehen sehr gerne mit Ihnen, das ist bestimmt nicht einfach, in deren Terminkalendern ein paar freie Drehtage zu ergattern?

Das ist immer ein Problem, ja. Bei "Queen of the Desert" hatte ich zuletzt gleich vier Stars: Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson und Damian Lewis. Die wirklich am Drehort zusammenzukriegen, das war eines der größten Jonglierstücke bei diesem Projekt, weil zum Beispiel Robert Pattinson nur sechs Tage in Marokko sein konnte. Damit muss man klarkommen und Szenen ganz schnell mit einem sehr beweglichen und hoch professionellen Team über den Tisch reißen können.

Der Film sieht sehr opulent aus - wie groß war das Budget?

Ich sage mal 75 Millionen Dollar . . . Das ist zumindest das, was Sie auf der Leinwand zu sehen bekommen. Aber es war natürlich weit drunter. Wie weit drunter, verrate ich Ihnen lieber nicht, es war abenteuerlich. Aber das ist eben etwas, was ich gelernt habe: mit sehr kleinen Budgets Riesenfilme auf der Leinwand zu erzeugen. Das hat mit "Aguirre" angefangen, wo praktisch null Budget da war. "Fitzcarraldo" sieht aus wie ein 80-Millionen-Dollar-Film.

Wo spart man denn am besten?

Da gibt es zwei wesentliche Elemente: die Länge der Drehzeit und die Größe des Teams. Ich drehe auch fast kein Schnittmaterial. Das war schon bei "Aguirre" so.

Vertrauen Ihnen die Stars trotz dieser puristischen Arbeitsweise?

Ja, zum Glück. Ein gutes Beispiel ist Nicolas Cage, wir haben zusammen "Bad Lieutenant" gemacht. Meine Drehtage sind immer sehr früh zu Ende, damit wir keine Überstunden bezahlen müssen, weil das richtig teuer wird. Dadurch habe ich der Produktion bei "Bad Lieutenant" 2,6 Millionen Dollar eingespart. Das ist völlig unerhört in Hollywood. An manchen Tagen waren wir schon um drei oder halb vier mit dem Tagespensum durch. Im Team - fast alles Amerikaner - wurde es ganz unruhig. Was denn mit dem "coverage" sei, wurde getuschelt. Ich wusste gar nicht, was das bedeuten soll. Weil mir das peinlich war, habe ich meinen Regieassistenten beiseitegenommen, der sagte, coverage heißt, dass wir die gedrehten Szenen noch mal aus ganz verschiedenen Einstellungen drehen, Nahaufnahmen, Totalen etc., um dann im Schneideraum genug Ersatzmaterial zu haben. Da meinte ich: Das brauche ich nicht, ich habe, was ich will.

Und Nicolas Cage?

Am nächsten Tag ging es wieder los, coverage, coverage, alle waren ganz nervös. Da stellte sich Nicolas Cage auf eine kleine Holzkiste und verkündete vor versammelter Mannschaft: "Endlich mal ein Regisseur, der weiß, was er tut!".

In München haben Sie nun Ihren neuen Film "Salt and Fire" mit Michael Shannon und Veronica Ferres geschnitten.

Das ist ein internationales Projekt, aber wir haben auch Filmförderung aus Bayern bekommen. Deshalb machen wir einen Großteil der Postproduktion in München.

Außerdem arbeiten Sie auch an der Dokumentarfilmreihe "Im Todestrakt" über Verurteilte kurz vor der Hinrichtung.

Ich hatte vier Folgen gemacht, die auf großes Interesse stießen, also wurde ich vom US-Sender gebeten, vier weitere zu drehen. Nun wollten sie schon wieder, dass ich nachlege, aber damit ist jetzt Schluss, diese Interviews gingen doch sehr an die Substanz. Einmal bin ich nachts aufgewacht, weil ich einen Schrei gehört hatte - und dann merkte ich, das bin ich. Dann war klar - das muss sofort aufhören.

Sie haben im Sommer noch eine weitere Doku angefangen.

Das ist ein Langzeitprojekt über aktive Vulkane, es wird noch dauern, bis der Film fertig ist, wir drehen dafür über die ganze Welt verteilt. Gerade war ich in Nordkorea.

Bitte, in Nordkorea?

Vor über tausend Jahren gab es da einen ziemlich wahnsinnigen Vulkanausbruch, ein sehr dramatisches Ereignis, und diesen Vulkan wollten wir filmen. Bislang hat praktisch nie jemand eine Drehgenehmigung für Nordkorea bekommen, jetzt gab es plötzlich diese Gelegenheit, nachdem sich das Verfahren über ein Jahr hingezogen hat, mein Bruder hat das organisiert. Wir waren dann mit einem Vulkanologen aus Cambridge dort.

Was für einen Eindruck hatten Sie da?

Dazu müssten wir uns noch mal extra zusammensetzen, da brauche ich mindestens 48 Stunden, um das zu erzählen. Aber ich glaube, dass Nordkorea von unserer westlichen Warte aus in einer sehr schiefen Perspektive gesehen wird. Das ist, vor allem von den USA ausgehend, ein primitives Feindbild: good guy, bad guy. Eine totale Schieflage. Es läuft in der Welt eben nicht alles so, wie wir es aus dem Geschichtsbewusstsein, das wir im Westen entwickelt haben, gerne hätten. Alles, was ich dort gesehen habe, ist anders als irgendwo sonst auf der Welt. Die Realitätserfahrung dort ist eine komplett andere. Aber um das detailliert aufzuzeigen, muss ich den Film erst mal fertigstellen.

Und dann wäre da ja auch noch die nächste Rogue Film School . . .

Die wird tatsächlich hier in München sein, im März. Aber den Ort werde ich Ihnen nicht verraten, den erfährt nur, wer sich qualifiziert. Handys, Tonbandgeräte, Kameras und Laptops sind nicht erlaubt. Es gibt nur die Teilnehmer und mich. Vielleicht müssen Sie mich im Grünwalder Stadion unter der Tribüne suchen oder im Elefantenhaus im Tierpark Hellabrunn.