Weltpoesie Im Sternenlicht

Erzähler und Dichter: Ben Okri.

(Foto: Prakash Singh/AFP)

Einfache Melodien in C: Der nigerianisch-britische Autor Ben Okri versucht sich als Lyriker.

Von Insa Wilke

Afrikanische Lyrik wird oft in Europa geschrieben. So auch die Gedichte des Nigerianers Ben Okri, der 1959, kurz vor der Unabhängigkeit in Nigeria, geboren wurde und seit seinem neunzehnten Lebensjahr in London lebt. Er wuchs teilweise in England auf, wo sein Vater Jura studierte. 1966 ging die Familie, kurz vor Ausbruch des Biafra-Bürgerkriegs, wieder nach Nigeria. Als Student kehrte Okri nach London zurück und blieb. 1991 wurde der damals erst 32-Jährige mit dem Booker-Prize ausgezeichnet. Die Reihe "AfrikAWunderhorn" stellt den Romancier, der in England schon drei Gedichtbände veröffentlich hat, nun auch hier als Dichter vor. Neue Weltlyrik?

"If for a poet I sound / Prosaic, then you miss my beat", warnt Okri vorausschauend. Einfach wie eine "Melodie in C" will er klingen. Das gelingt gut: "Seid die besten Freunde füreinander" - so oder so ähnlich lauten die politischen Botschaften der überwiegend freien Verse des inzwischen 55-Jährigen. Unter dem seltsam unpassenden Titel "Wild" versammelt Okri nachdenkliche Gedichte über seine nigerianische Herkunft, engagierte Gesänge zur Weltlage, aber auch schwärmerische Verklärungen der irdischen Schönheit sowie Gelegenheits- und Widmungsgedichte an Größen der europäischen Kultur von Vergil über Dante bis Brian Eno.

Die europäische Literaturkritik verglich Okri mit magischen Realisten wie Salman Rushdie oder Gabriel García Márquez, weil er die Mythen der nigerianischen Kulturen mit Gegenwartserzählungen verschränkt. Sein Erfolgsroman "Die hungrige Straße" etwa wird von einem "Geisterkind" erzählt, einer Figur aus den Legenden des Yoruba-Volkes. Okri, so sagte er in einem Interview, will sich mit der Weltliteratur messen, zugleich aber in die Fußstapfen großer Vorgänger der afrikanischen Literaturen treten: der Nigerianer Chinua Achebe und Wole Soyinka oder des Kenianers Ngũgĩ wa Thiong'o.

Das ist ein schwieriger Anspruch, den man seinen Gedichten anhört: "Ich singe von einer neuen Freiheit / In den Tagen des Feuers. / Freiheit und Notwendigkeit. / Wir brauchen Freiheit, um aufzusteigen, / Treu zu bleiben unserem wahren Selbst / In den überreichen Torheiten unserer Zeit. / Werde die Kraft, die du bist, / In dieser Ära der Wirtschaftsverbrechen. / Nur wer frei bleibt in seinem Geist / Findet seinen Weg aus dem Dickicht. / Denn wir sind die Kinder des Sternenlichts, / Und wir sollten ihnen entsprechen."

Okri ruft mystische Bilder auf, die an europäische Klischees afrikanischer Naturverbundenheit erinnern. Oder ist das schon der eurozentrische Blick? Andererseits: Kann der überhaupt einen Autor treffen, der zwei Drittel seines Lebens in London verbracht hat? Die esoterische Note vieler Gedichte jedenfalls wirkt eher "Made in Europe". Im Englischen entwickeln einige der Verse eine Kraft, die sich aus dem Pathos der ausladenden Bilder, aus Adjektiv-Vernarrtheit und einfachen Rhythmen speist: "Someone said begin with a leap. / And so I lept over the great / Sleep, with a heavy stone / In my head. But I was light / As a song, or an African / Bird, one you might / See in the safari of dreams. / So when I leapt over / Where did I land? / These are questions fort the sand."

In solchen Versen, die zur Vertonung einladen, klingt politisches Engagement mit, wie man es in der deutschsprachigen Lyrik in den 1960er-Jahren zelebriert hat. Heute wirkt es so naiv wie der Glaube, Kaiser und Diktatoren könnten der Literatur gegenüber den Kürzeren ziehen, weil in eines "Dichters Genie / Eine unsterbliche Welt sich erhob ohnegleichen". Es stellt sich die Frage: Verlangt die Misere der Welt, wie diejenige Nigerias, die durch die Terrororganisation Boko Haram ins Schlaglicht gerückt wurde, nach so einfachen Tönen?

Problematisch sind außerdem Nachlässigkeiten, wie sie Okri in dem langen Gedicht "Die Schreiende" unterlaufen. Ein so umstrittenes historisches Ereignis wie das "Massaker von Jenin", also der Angriff israelischer Streitkräfte auf ein palästinensisches Flüchtlingslager im Jahr 2002, wird hier für effektvolle Formulierungen instrumentalisiert. Solche "Legenden" aus "bloßen Gerüchten und Schmerz" hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Die Stärken des Bandes zeigen sich in den weniger plakativen Texten wie dem Gedicht "Die Ruine und der Wald". Konzentriert arbeitet Okri hier mit Wiederholung und Variation, um das Drama des Kolonialismus oder eben auch einfach nur das Dilemma der Generationenfolge zu beschreiben.

Dass Okri am Schluss dennoch ins Esoterische abgleitet, wird durch die Übersetzerin, die Dichterin Brigitte Oleschinski, eher verstärkt als gemildert. Merkwürdigerweise hat sie sich allzu oft dafür entschieden, Okris Pathos durch elliptische Syntax und slanghafte Wortwahl zu dämpfen. Neutrale Formulierungen wie "so much fun" verwandelt sie in den "totalen Spaß" und unterstellt Okri so einen Ton, der weder zum Ernst seiner politischen Themen passt noch zu seinem Anspruch, als Poeta doctus aufzutreten. Unabhängig davon: Ein großer Dichter schlummert wohl nicht in diesem Romancier. Als Songwriter könnte Ben Okri allerdings der heutigen Sehnsucht nach Schlichtheit durchaus den richtigen Sound liefern.

Ben Okri: Wild. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Brigitte Oleschinski. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2014. 184 Seiten,

18,90 Euro.