Welt der Geheimdienste Was aus Licht ist

Der "Tatort"-Autor Andreas Pflüger schickt zum zweiten Mal eine blinde Geheimagentin in den Kampf gegen hohle Staatsgebilde und die zynische Kosten-Nutzen-Mentalität des Spätkapitalismus.

Von Nicolas Freund

Der Blick des Ermittlers ist immer gespalten: Er muss die konkreten Fakten erkennen, die Beweisstücke, den Tatort, die Verdächtigen. Er muss aber auch hinter diese Dinge und ihre Beziehungen blicken können und das erkennen, was sonst verborgen bleiben würde. In einem Urtext der Kriminalliteratur, "Der verlegte Brief" von Edgar Allan Poe, liegt die Lösung des Rätsels, der gesuchte Brief, für alle gut sichtbar auf dem Schreibtisch des Verdächtigen. Aber niemand sieht ihn, diesen verlegten Brief, nicht die Gesandten des Staates, für den das Schriftstück eine nicht weiter definierte, aber eminente Bedrohung darstellt, und auch nicht die für die Sicherheit in diesem Staat zuständige Polizei. Die Organe des Staates versagen, sie sind blind für das Offensichtliche. Weil ihn alle anderen selbst in den abwegigsten Verstecken nicht finden konnten, folgert nur der Privatermittler Auguste Dupin, dass der Brief sich da befinden muss, wo ihn nie jemand vermuten würde: offen für jeden sichtbar. Dupin kommt nur als Beobachter zweiter Ordnung auf die richtige Lösung. Weil er andere beim Beobachten beobachtet.

Jenny Aaron, die Heldin in Andreas Pflügers Agenten-Thriller "Niemals", hätte den versteckten Brief wahrscheinlich auch gefunden, denn Jenny ist blind. Streifschuss am Kopf während eines Einsatzes in Barcelona vor vielen Jahren. Eine blinde Geheimagentin, wie nutzlos ist das denn! Eine Agentin, die nichts sieht, kann niemanden beschatten, kann keiner Spur folgen, kann nicht schießen und auch keine versteckten Briefe entdecken. Denkt man. Aber Aaron, wie sie in dem Roman konsequent beim Nachnamen genannt wird, macht das alles. Sie folgt dabei den Strukturen ihrer eigenen Welt, und wie Dupin ist sie eine Beobachterin zweiter Ordnung, in vielem auf die Beschreibungen ihrer Kollegen angewiesen. Das Verborgene rückt in ihrer Wahrnehmung an die Stelle des Konkreten.

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Andreas Pflüger ist seit mehr als 25 Jahren "Tatort"-Autor und hat sich mit der Reihe über die Agentin Jenny Aaron eine Pause vom Schreiben für Fernsehbilder verordnet. Die Prämissen einer blinden Protagonistin nimmt er so ernst, dass sie sich, für einen Thriller fast provokant literarisch, bis ins Erzählen niederschlagen: Im ersten Kapitel, einer Rückblende, heißt es schon, Aaron liebe die Stadt Rom, wie "alles, was aus Licht ist". In kleinen Details - Filmtiteln, dem Wechsel von Tag und Nacht, einem lauernden Scharfschützen, einem Gemälde von Cranach dem Älteren - baut Pflüger eine Welt der visuellen Eindrücke, um sie verschwinden zu lassen und mit ihr die trügerische Sicherheit, die sie vorgaukelt. Der Roman fordert zum ständigen Realitätscheck heraus.

Aarons Lebenswelt besteht nicht mehr aus Licht, sondern aus Schritten. Wenn sie morgens aus Träumen erwacht, wird es dunkel. So und so viele Schritte sind es vom Bett zum Schrank, so viele Schritte bis zur Biegung auf dem Joggingpfad. Die Größe und Beschaffenheit unbekannter Räume echolotet sie mit dem Klappern ihres Blindenstocks und dem Schnalzen ihrer Zunge aus. An der Stimme kann sie erkennen, in welche Richtung jemand blickt und welche Statur er hat. Ein Blumenkübel oder ein abgebrochener Ast auf dem Feldweg ist für sie aber völlig unsichtbar und wird zur unberechenbaren Falle. Selbst das Anzünden einer Zigarette kann zur Herausforderung voller Untiefen werden - und dabei Details offenbaren, die sonst nie aufgefallen wären. Was ein Mann am anderen Ende der Restaurantterrasse in sein Telefon flüstert, versteht sie, aber die Geräuschkulisse der Festnahme eines Verdächtigen am Flughafen kann in ihrer geschärften Wahrnehmung zum vermeintlichen Terroranschlag werden.

Andreas Pflüger: Niemals. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 475 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

(Foto: Suhrkamp Verlag)

Aaron liebt Georg Büchner und Samurai, Kinder und Listen, die für Ordnung sorgen. Pflüger hat diese eigentlich ans Superheldenhafte grenzende Figur mit Vorlieben und Abneigungen, Ängsten und Sorgen, Träumen und Verfehlungen gestaltet, wie es im Krimi selten getan wird. Auch ein Teil von Aarons lichtloser Welt sind aber nach wie vor die sexistischen Sprüche der Kollegen. Dialogzeilen funktionieren beim Drehbuchautor Pflüger wie Wurfmesser, mit denen sich die immer kampfbereiten Agenten beharken. Rau, prollig und rasant ist auch die Sprache, wenn Adrenalin "per Express in ihre Blutbahn eincheckt" und der "Cortex auf Betriebstemperatur" gebracht werden muss.

"Niemals" ist aber keine Charakterstudie Aarons, sondern ein beinharter Agententhriller, der aus den grauen Amtsstuben der Bundesrepublik in das Herz des Spätkapitalismus führt. Eine obszöne Geldsumme wurde Aaron von einem alten Feind vermacht, zwei Milliarden Dollar, verdient mit der Industrialisierung des Terrorismus. Rund um den Globus stellt eine geheime Organisation die Logistik für Anschläge bereit und verdient dann selbst an Spekulationen auf die nach den Detonationen und Schüssen durchdrehenden Aktienkurse und Währungen. Der einfache, für die verborgenen Geldströme und Machtzentren blinde Mensch wurde aus diesem Geschäftsmodell endgültig herausgerechnet, er taucht nur noch als Opfer auf. Auch die Bundesrepublik ist in dieser Agentenwelt zur leeren Hülse geworden, bestehend aus einem BKA, mehr oder weniger autonomen Agenten und einem Bundeskanzleramt, aus dem anonym endgültige Befehle erteilt werden.

Ist es eine Falle, dieses Geld für Aaron auf einem Konto in Marrakesch? Wie viele Blumenkübel hat ihr der alte Feind in den Weg gestellt? Natürlich macht sie sich auf nach Marokko, um genau das herauszufinden. Die Einsätze ihrer Gruppe führen immer an Orte, wo andere Urlaub machen: In Barcelona, Südfrankreich, Italien, Nordafrika taucht sie hinter die Touristenfassade in die verborgene Welt, in der reine Kosten-Nutzen-Rechnungen über Menschenleben entscheiden und wo niemand mit einer blinden, nutzlosen Agentin gerechnet hätte.