"Vielleicht lieber morgen" im Kino Schmerzlich und unwiederholbar intensiv

Sie gilt als Flittchen, doch genau deswegen behandelt sie den Außenseiter Charlie (Logan Lerman) nicht wie einen Aussätzigen. Emma Watson trifft in "Vielleicht lieber morgen" den richtigen Ton für eine Geschichte übers Erwachsenwerden - eine Zeit im Leben, die oft schrecklich schön ist.

Von Susan Vahabzadeh

Kindheit ist nicht wundervoll, Kindheit ist das, was man den Rest seines Lebens zu verarbeiten versucht: Charlie (Logan Lerman) und Mary Elizabeth (Mae Whitman).

(Foto: Summit Entertainment)

Eine ganze Reihe moderner Plagen hat es immer schon gegeben, sie hatten früher nur keinen Namen. Was Charlie zu Beginn seines ersten Jahres an der Highschool blüht, vor zwanzig Jahren etwa, nennt man heute Mobbing. Es ist ein fieser Initiationsritus, der so ziemlich jeden erwischt, der den älteren Schülern nicht als unerwartet obercool erscheint.

An Charlie ist gar nichts cool - er ist noch ein wenig zerbrechlicher, als die meisten Teenager ohnehin schon sind, und die anderen riechen seine Schwäche. Charlies bester Freund ist nicht mehr da in diesem Herbst, er hat sich umgebracht, und wenn Charlie in seinen Briefen an diesen Freund schreibt, dass er das Martyrium Highschool noch etwa 1400 Tage lang aushalten muss, dann kommt er einem vor wie Gottes einsamster Junge.

Stephen Chbosky hat "Vielleicht lieber morgen" inszeniert, sein erster Film, nach seinem eigenen Roman. "The Perks of Being a Wallflower" erschien 1999, und sein Charlie, der Briefe an seinen toten Freund schreibt und an seine tote Tante und irgendwie an sich selbst, hat viel von seinem Schöpfer.

Charlie ist nicht der Typ, der leicht neue Freunde findet, aber sie finden ihn. Zwei von den älteren Schülern, Patrick und seine Schwester Sam, sammeln ihn bei einem Football-Spiel ein und adoptieren ihn: Willkommen auf der Insel der ungeliebten Spielzeuge, sagt Sam zu ihm, am ersten Abend. Sie gilt als Flittchen und ihr Bruder ist schwul - die beiden kennen sich aus mit dem Anderssein, und sie behandeln andere nicht wie Aussätzige.

Sehr gute Schauspieler hat Chbosky in diesen Rollen besetzt, Ezra Miller spielt Patrick, der charmant ist und clever, und den später alle hinreißend finden werden, aber nicht zu Schulzeiten; und Emma Watson, Harry Potters Hermine, spielt Sam, ein ernstes Mädchen, das noch nicht so recht weiß, was es will. Dazu dann ein Teeniestar, Logan Lerman, der den fragilen Charlie spielt.

Rauschhafte Partyszenen

Es geht nicht um die Cheerleader und Footballstars in dieser Geschichte, in der Perspektive von "The Perks of Being a Wallflower" - die Vorteile, ein Mauerblümchen zu sein - sind sie die Randfiguren, die das Wesentliche nicht verstanden haben.

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Autor seinen Roman selbst verfilmen darf, und das Risiko, dass er seine Emotionen in einem anderen Medium nicht umsetzen kann, ist ziemlich groß - hier hat das aber wunderbar funktioniert: Man fühlt genau, wie das war, wenn Sam und Patrick und Charlie nachts im Auto unterwegs sind und David Bowies "Heroes" durch einen Tunnel hallt.

Dass "Vielleicht lieber morgen", mit all seinen Flashbacks und rauschhaften Partyszenen, so aussieht, wie er sich anfühlt, das liegt sicher an der Kamera von Andrew Dunn, der unter anderem Robert Altmans legendären Bildertanz "Gosford Park" fotografierte.

Überall und jederzeit

Der Rest ist Musik - der Film vermengt alles mögliche, was ein Teenager vor zwanzig Jahren für sich hat entdecken können, melancholische Folksongs und lärmenden Pop, Bowie und die Beatles. Die Musik gehört zu einem sehr schönen Spiel, das Chbosky mit der Zeit treibt: "Vielleicht lieber morgen" spielt in einem sonderbaren Gestern, als es noch keine Handys gab und die Kids noch Vinylplatten hatten und Kassetten aufnahmen, und manchmal haben sie Dinge an, die irgendwie aus den Siebzigern zu sein scheinen oder den frühen Achtzigern, aber das alles könnte auch jetzt sein, und die Klamotten und die Vinylplatten sind bloß wieder schick.

Man weiß natürlich, dass Chbosky seine Story in Pittsburgh vor etwas mehr als zwanzig Jahren verankert hat, aber Chboskys Pittsburgh ist überall, und jederzeit. Er trifft, ganz präzise, den richtigen Ton für eine Geschichte übers Erwachsenwerden - voller Nostalgie, aber man will dort nie wieder hin.

Charlie verliebt sich in Sam, für ihn wird diese Zeit dann ein schrecklich schönes Jahr, schmerzlich und unwiederholbar intensiv - und alles, was ihm vorher widerfahren ist, kann er am Ende nicht mehr verdrängen. Kindheit ist nicht wundervoll, Kindheit ist das, was man den Rest seines Lebens zu verarbeiten versucht - mit diesem Satz endet ein anderer Film, Forest Whitakers "Hope Floats", aber es passt auch ganz gut zu Chbosky und seinen Mauerblümchen.

The Perks of Being a Wallflower, USA 2012 - Regie und Buch: Stephen Chbosky. Kamera: Andrew Dunn. Mit: Logan Lerman , Emma Watson, Ezra Miller, Mae Whitman, Kate Walsh, Dylan McDermott, Joan Cusack, Paul Rudd.Capelight, 103 Minuten.