Verteidigung der Freiheit Kritik heißt jetzt Verachtung

Seit aus Toleranz "Respekt" wurde, scheint das liberale Denken zu oft moralisch wehrlos. Der Psychologe und Philosoph Carlo Strenger will der Aufklärung wieder mehr Biss geben.

Von Gustav Seibt

Aus Toleranz wurde "Respekt", und damit zog eine Form moralischer Wehrlosigkeit ins liberale Denken ein. Das ist die Diagnose des Psychologen und Philosophen Carlo Strenger, eines der umtriebigsten liberalen Intellektuellen Israels. "Respekt" meint jene Schonung vor Kritik und drastischen Ausdrucksweisen, jene Forderung von Kränkungsfreiheit, die mit der "politischen Korrektheit" in die westlichen Gesellschaften einzog. Sie stellt nicht nur Menschen anderer Hautfarben, Herkünfte, Religionen oder sexueller Orientierungen unter ihren Schutz, sondern ganze Kulturen und Denksysteme.

Und damit verwandelt sich die alte aufklärerische Toleranz, die einst alleinherrschenden Konfessionen abgerungen werden musste, in eine neue Form von moralischem Artenschutz für voraufklärerische Weltkulturen: Islam-Kritik etwa kann als "Islamophobie" gebrandmarkt werden, und dann ist man eine Wegbiegung weiter schon wieder zurück bei der Ehrfurcht, die die Aufklärung dem religiösen Denken aus guten Gründen entzog - ein Kreis, der die Vergeblichkeit des Fortschritts anzeigen könnte.

Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 104 Seiten, 10 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

Hinter ihm steht ein moralischer Relativismus, der nicht nur menschenfreundliche Gründe hat, sondern aus tiefem Selbstzweifel erwächst. Der Westen hat trotz seiner Aufklärung und seiner vielen Fortschritte bei Freiheit und Menschenrechten so viel auf dem Kerbholz, nicht zuletzt im Verhältnis zu den anderen Weltkulturen, dass er mittlerweile geneigt ist, sich jede Geste moralischer Überlegenheit zu verbieten.

Carlo Strenger findet das gefährlich, weil es für zwei Gegner der aufgeklärten liberalen Lebensentwürfe die Bahn frei macht: für die tyrannischen, antiliberalen, teils religiösen, teils politischen Feinde des Westens ohnehin, also den Europa umgebenden Bogen zwischen Putin und den radikalislamischen Strömungen einerseits; andererseits innerhalb der westlichen Gesellschaften aber auch für jene Verteidiger des "Abendlands", die sich auf der Rechten formieren und deren Hauptgegner eben die politische Korrektheit ist, die angeblich den Klartext über Einwanderung, Islam oder Genderpolitik unterdrückt.

Dass postmoderner Kulturrelativismus in Antiliberalismus umschlagen kann, ist keine ganz neue Diagnose. Umberto Eco hat sie seit seinem 1988 erschienenen Roman "Das Foucaultsche Pendel" immer wieder durchbuchstabiert. Doch in der neuen Dialektik des "Respekt"-Begriffs hat dieser Befund seit den Kämpfen um Rushdies "Satanische Verse" und die europäischen Mohammed-Karikaturen eine neue, blutige Brisanz erlangt. Die Erfahrungen eines Vierteljahrhunderts, von der Fatwa gegen Rushdie von 1989 bis zu den jüngsten Morden an den Charlie-Hebdo-Zeichnern, bringen Carlo Strenger jetzt dazu, seinen Begriff der "zivilisierten Verachtung" (civilized disdain) in die Runde zu werfen.

Carlo Strenger: "Zivilisierte Verachtung" Einen Auszug des Buches stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Strengers Begriff der "zivilisierten Verachtung" ist unnötig affektiv aufgeladen

Es müsse möglich sein, so der kämpferische Autor, begründet moralische Unterschiede zu markieren, sachlich Zutreffendes von Hokuspokus zu unterscheiden, und ja: eben auch Verachtung zu artikulieren für das, was man als falsch und verwerflich erkannt hat. Daraus hat Strenger einen schönen, leidenschaftlichen Essay gemacht, den klassische Liberale in ihren Bücherregalen gern neben Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" stellen werden.

Das methodische Kernstück der Abhandlung ist das Kapitel zur "verantwortlichen Meinungsbildung", die Strenger am Beispiel des "Ärztetests" erläutert. In der Regel werde man, wenn es um die eigene Gesundheit geht, nämlich keineswegs alle medizinischen Richtungen für gleichwertig halten, sondern lieber zum erprobten Chirurgen als zum Wunderheiler gehen. Ähnliches gelte für persönliche Finanzfragen, bei denen kaum jemand zum Relativismus geneigt sei. Diese epistemischen Standards aber könne man überall verlangen: "Zivilisierte Verachtung ist dann angebracht, wenn Menschen sich diesen Anforderungen entziehen."

Strenger dürfte wissen, dass viele Menschen sich nicht einmal in Gesundheits- und Geldfragen so rational verhalten. Es gibt plausibel argumentierende Finanzberater, die doch ohne Urteilskraft sind, und selbst brillante Ärzte lassen es zuweilen am vernünftigen Maß beim Einsatz ihres technisch hochspezialisierten Wissens fehlen. Und so schlägt man das kleine, knackige Buch mit einer gewissen Ratlosigkeit zu. Ja, es ist nicht alles gleich gültig, nicht alles gleich wahr, und niemand hat einen grundsätzlichen Anspruch auf Befreiung von Kritik, auf Kränkungsfreiheit, auf Verschonung von der schmerzlichen Wahrheit, dass andere besser sind und mehr können. Aber warum braucht man für diese wichtige, einfache Wahrheit den affektiv aufgeladenen Begriff der "Verachtung", selbst wenn man ihn "zivilisiert"? Reichen nicht die klassischen Aufklärungsbegriffe Kritik, Vernunft, Urteilskraft? "Kritik" kommt vom altgriechischen Wort für "unterscheiden", und nur darum geht es.