Der Maler Gerhard Richter gewährte dem SZ-Magazin eines seiner seltenen Interviews, doch in letzter Minute verbot er die Veröffentlichung. Erinnerung an ein bewegendes Gespräch.
Es gibt launenhafte Menschen, deren Gemütsschwankungen man gerne folgt, weil man die Zerstreuung sucht, die Blaise Pascal, noch ganz unchristlich, als die einzige Rettung vor dem Schauder des Denkens beschrieb. Es gibt aber auch eine Flatterhaftigkeit, die den, der ihr ausgeliefert ist, zerstören kann. Der Maler Gerhard Richter gehört, das darf ich aus leidvoller Erfahrung sagen, zu den Launenhaften, vor denen sich ein Journalist hüten sollte.
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(© Foto: Jens Liebchen)
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Seine Pressescheu ist legendär. Als er mich nach einem reizenden Briefwechsel, der sich über fast drei Jahre erstreckte, dennoch nach Köln, wo er wohnt und arbeitet, einlud, muss die Freude über die schon nicht mehr erwartete Zusage, sich von mir interviewen zu lassen, meinen Verstand umnebelt haben. Frohgemut stimmte ich zu, als er mir abverlangte, das auf Tonband Gesagte danach nicht nur korrigieren, sondern, wenn es ihm beliebt, komplett zurücknehmen zu dürfen. Wir trafen uns Ende März an zwei Tagen. "Was Sie sagen", beruhigte er mich zu Beginn, "werde ich sicher nicht ändern."
Also fing ich sofort an zu sprechen: "Ihre Bilder sind seit Jahren die weltweit teuersten eines lebenden Künstlers. Auf der vom Wirtschaftsmagazin Capital ermittelten Rangliste stehen Sie an der ersten Stelle. Eines Ihrer abstrakten Bilder wurde unlängst bei Sotheby's um vier Millionen Euro versteigert. In einem Spiegel-Interview sprachen Sie von wahnwitzigen Preisen und einem völligen Missverhältnis zwischen dem Wert und der Relevanz von Kunst. Die Zeiten seien verdorben. Manchmal kämen Sie sich wie ein Betrüger vor..."
Nur ungern ließ ich mich von ihm unterbrechen, denn in meinem Hinterkopf lauerte schon die Ahnung, dass er die Sätze, die er mir schenkte, danach wieder würde zurückhaben wollen. Aber ein Interview ist ja kein Monolog des Interviewers. Peu à peu setzte sich der als schweigsam bekannte Maler mit kleinen Einwänden, Ergänzungen, schließlich sogar dezidierten Statements durch, die ich ohne jene Ahnung frohlockend als Start in einen spannenden Dialog gewertet hätte.
"Der Kunstmarkt", sagte ich, eine seiner früheren Äußerungen zitierend, "würde Ihnen zurzeit jeden Quatsch abnehmen." Dem stimmte er zu. Nun aber Vorsicht! Darf ich hier, ohne mich strafbar zu machen, Gerhard Richters markantes Lachen, das sich während unserer sechsstündigen Unterhaltung mehrmals wiederholte, beschreiben? Er hat mir, nachdem ich ihm die schriftliche Fassung unseres Gesprächs zugeschickt hatte, deren Veröffentlichung und nach Rücksprache mit seinem Anwalt sogar das indirekte Zitieren verboten.
Lesen Sie im SZ-Magazin, wie viel man verraten darf, ohne sich strafbar zu machen.
(SZ-Magazin v. 29.6.2007)
Anti-Piraterie-Abkommen
Warum eigentlich sollte sich ein Journalist vor dem launenhaften Maler Gerhard Richter hüten? Bekannt ist, dass seine Pressescheu legendär ist. Gerade weil Richters Bilder seit Jahren die weltweit teuersten eines lebenden Künstlers sind (siehe Wirtschaftsmagazin Capital; Kunst-Kompass), muss man sich mit Richter befassen. Der Kunstmarkt, sagte die SZ zu Richter, eine seiner früheren äußerungen zitierend, würde Ihnen zurzeit jeden Quatsch abnehmen. Dem stimmte Richter zu. Quatsch aber hat der Kunstmarkt dem Maler schon früher abgenommen so ist er nun mal - der Kunstbetrieb, der auch Nicht-Kunst- und Anti-Kunst-Betrieb ist. Dass Richter der SZ nach seinem Publikationsverbot als Aufwandsentschädigung wahlweise eines seiner Werke oder eine Geldsumme anbot, glaubt kein SZ-Leser. Die staatliche Kunstförderung führe zu Kunstverhinderung und Kunstvernichtung soll Richter gesagt haben. Und: Besonders niederträchtig zeige sich die Kunstfeindlichkeit gerade bei den kunstinteressierten Politikern. Recht hat er (!) ABER: Warum eigentlich mischt der Maler-Star seit Jahrzehnten bei der documenta in Kassel mit!? Zur d12 wiederum. BUERGEL zuliebe, der mit der d12 gescheitert ist? Das habe ich Ihn in einem offenen Brief in der HNA (Kasseler Blatt) gefragt; der Brief (eMail) gelangte auf Umwegen an seine Adresse. Ich hatte Richter aufgefordert, zu meinem Kommentar von mir ebenda Stellung zu nehmen; es ging um die Frage, warum sein Betty-Gemälde in der BUERGELiade (d12) so abenteuerlich interpretiert wird und die Migration der Formen mitmacht. Ich habe bisher noch keine Antwort erhalten. Einen 17-Seiten-Essay unter dem Titel über Gerhard RICHTER, seine drei Betty-Gemälde und die Abstrakten Bilder, GOETHEs STIL-Begriff sowie die BUERGELiade im hysterischen Welt-Kunst-Jahr 2007 habe ich gerade in einem Buch veröffentlicht. Ob Gerhard Richter den Artikel lesen wird. Richter sollte sich mit bestimmten Fragen an ihn und an sein Maler-Werk auseinandersetzen. Vielleicht ist Richter aber zu alt geworden, zu arrogant oder ängstlich (?), um sich als Mensch - in dem Abgründe schlummern - mit Fragen zur KUNST heute oder Goethes STIL-Begriff auseinanderzusetzen; er hasst ja STIL. Verbotene Gespräche lehne ich allerdings ab; schaun wir aber mal. (Siehe Buchhandel: ISBN13: 978-3-9804460-5-1; art & science)
nicht vor einigen Woche schon in der WELTWOCHE?
Oder war das in 2nd Life?
Kleiner Tipp für die, die gerne im vergriffenen Richter-Buch "Text (Schriften und Interviews)" reingeschaut hätten.
Etwas daraus hab ich hier gefunden:
http://members.aol.com/HayoJanssen/Texte/RichterText.html
Dann kauf ich halt nix mehr von dem Richter.
Schade.
Andre Müller war schon immer der beste, wenn's um Interviews geht.