Urban Explorer steigen in verlassene Gebäude ein Fenster zur ungeschönten Vergangenheit

Die Welt ist bis in den letzten Winkel erforscht, doch es gibt noch Räume für moderne Abenteurer: Urban Explorer steigen in verfallene Gebäude ein - und stoßen dort mitunter auf absonderliche Kuriositäten.

Von Felix Stephan

Überall auf der Welt gibt es derzeit junge Menschen, die in verlassene Gebäude einsteigen. Sie wollen sich dort einfach nur aufhalten. Das ist in den meisten Fällen illegal, obwohl sie meist nichts zerstören. Sie machen Fotos, schauen sich um, manchmal bleiben sie über Nacht. Das ist alles. Nur: Warum machen sie das? Es lässt sich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich bei Urban Exploration um eine Art Sport, um Hobbyforschung, Achitekturexpeditionen oder Action-Kunst handelt.

Schon die Graffiti-Malereien weisen darauf hin, dass hier mehr ist als ein verfallenes Gebäude. Solche Industrieruinen wie diese ehemalige Ziegelei in München-Oberföhring sind heute auch Kulissen popkultureller Produktion.

(Foto: Robert Haas)

Die Karrieren vieler Urban Explorer beginnen wie die von Tim Edensor. Als der Geograf der Universität Manchester noch ein kleiner Junge war, hatte er ein Erlebnis, von dem er Jahrzehnte später in seinem Buch "Industrial Ruins" erzählt: In der Nähe des schottischen Cottages seiner Großeltern, bei denen er Jahr für Jahr seine Sommerferien verbrachte, stand ein verlassenes Schloss. Mit seinen Geschwistern kletterte er regelmäßig über den Stacheldraht in den Garten und trieb sich dort herum. Jeden Abend wurden sie schließlich von einer alten Frau verjagt, die im Gartenhaus wohnte und regelmäßig in einem uralten Auto über das Gelände patrouillierte, begleitet von einer "außerordentlich boshaften Gans" und einem Hund.

"Nachdem ich jahrelang den Garten ausgekundschaftet hatte, entdeckte ich ein offenes Fenster im Erdgeschoss, durch das man sich in das Haus schieben konnte. Natürlich eine Einladung, der ich unmöglich widerstehen konnte. In den düsteren, von Bäumen überwachsenen Räumen bot sich mir ein ungewöhnlicher Anblick. Am merkwürdigsten war eine Vitrine mit einem ausgestopften zweiköpfigen Kalb darin, vielleicht ein Schatz aus einer Welt, die sich nach Absonderlichkeit und Kuriositäten sehnte."

Verlassene Gebäude bieten einen ehrlicheren Blick in die Vergangenheit als Museen, denn was man dort zu sehen bekommt, ist nicht kuratiert. Die Dinge sind nicht nach unseren Maßstäben zurechtgerückt und aufgearbeitet. Wenn man in einem Gebäude steht, das seit 30 Jahren nicht betreten wurde, steht nichts zwischen dem Betrachter und der Vergangenheit. Die Dinge in diesen Gebäuden verweisen nicht auf die Vergangenheit, sie sind selbst das Vergangene.

Schon die Namen solcher Orte stammen aus einer anderen, fernen Zeit, einer Zeit, in der die Leute noch Pepita-Hüte trugen, in der das Wirtschaftswunder brummte und Deutschland geteilt war: Drahtwalzwerk Ruhrort, Kokerei Prosper, U-Bootsbunker Elbe II, Raketenbasis Pydna.

Flucht vor überfunktionaler Stadt

Der Londoner Geograf und Urban Explorer Bradley L. Garrett hat die These aufgestellt, dass Urban Exploring eine Reaktion auf die "zunehmende Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums" ist. In London, einer Stadt mit geschätzten zehn Millionen Überwachungskameras, mag das Gefühl der Kontrolle präsenter sein als in Deutschland, aber das Prinzip wirkt auch hier.

Öffentliche Plätze sind heute hochfunktionalisiert. Ganz gleich, an welchem Ort in der Stadt man sich aufhält, man tut in fast jedem Falle das, wofür der Platz einst entworfen wurde. Eine funktionierende Stadt läuft wie eine gutgeölte Maschine, das hat 1927 schon Walther Ruttmann in seinem Spielfilm "Die Sinfonie der Großstadt" gezeigt. Die Menschen gestalten ihr Umfeld heute weniger, als dass sie sich in standardisierte Abläufe integrieren lassen.

Für den Einzelnen ist das im Grunde angenehm, schließlich wird die Stadt auf seine Bedürfnisse hin entworfen: Sie soll unsere täglichen Abläufe erleichtern, Staus und Kollisionen vermeiden und uns dabei das Gefühl geben, gut aufgehoben zu sein. Tim Edensor spricht vom "smooth space". Doch genau diesem "sanften Raum" versuchen Urban Explorer zu entfliehen, weil sie das Gefühl haben, dass er ihnen die Souveränität nimmt und damit etwas, das wir für eine Grundbedingung des Menschseins halten.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es wenigstens noch die Möglichkeit, sich dieser Kontrolle zu entziehen, indem man in die Welt hinausfuhr. Die Ränder unserer Karten hatten noch Fransen, es gab Orte, die noch nicht vermessen, nicht kartographiert, nicht interpretiert waren. Irgendwo gab es immer noch einen unbestiegenen Berg.