Unbehagen an Präsentationsprogramm Ist Powerpoint gefährlich?

Tortendiagramme und "Bullshit Bingo": Die "Powerpoint"-Kultur hat die Kunst der Rede zerstört. Was erzählen uns eigentlich die an die Wand geworfenen Folien?

Von Thomas Steinfeld

Es ist ein paar Jahre her, dass sich am Computerprogramm "Powerpoint" aus dem Hause Microsoft eine weltweite kulturkritische Debatte entzündete, die sich bis hin zu Verschwörungstheorien steigerte. Aus Logo, Überschrift und Untertitel, aus meistens in Form von Listen angelegten Halbsätzen, aus Torten- und Stapeldiagrammen, aus "Pros" und "Contras" schien nicht nur eine Präsentationstechnik, sondern eine Bewusstseinsform zu entstehen, die ihre Benutzer dazu zwingt, grob und übertrieben einfach zu denken. "It's not your presentation. It's your presentation of a PowerPoint presentation", schrieb der Computerjournalist Doc Searls 1998. Fünf Jahre später, auf dem Höhepunkt der Debatte, schrieb Edward Tufte den Essay "The Cognitive Style of PowerPoint", in dem der Absturz der Raumfähre Columbia im Jahr 2003 wenigstens zum Teil auf eine mangelhafte Powerpoint-Präsentation zurückgeführt wurde - eine Aufregung, die der Gießener Politologe Claus Leggewie heute für den "untoten Wiedergänger" der Medienkritik hält.

Wenn der Informatiker Wolfgang Coy und der Philosoph Claus Pias in diesen Tagen ein Buch über "Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms" (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009) herausgeben, dann ist dieser Furor weitgehend verschwunden - und das, obwohl die Bedeutung von "Powerpoint" weiter gewachsen ist. Und doch ist dieses Buch mehr als eine Kultur- und Mediengeschichte. Immer noch ist da ein Unbehagen, ein Verdacht, in diesem Programm verberge sich eine geheime, gleichsam subversiv arbeitende Normierungsinstanz, die jeden Gedanken so lange teilt, kürzt und verflacht, bis er sich in eine überschaubare Zahl sofort löslicher Brühwürfel verwandelt. Es gibt mittlerweile so etwas wie "Powerpoint-Karaoke" das heißt: die freie Improvisation eines Vortrags über eine beliebig angelegte Bildfolge. Dieses Karaoke ist weit mehr als ein Jux, nämlich auch ein Versuch, das womöglich Verhängnisvolle von "Powerpoint" spielerisch zu bannen, mitsamt dem dazugehörigen "bullshit bingo" (Richard Grasshoff), in dem es von "challenges" wie "face the customer" und "can do attitude" nur so wimmelt.

Je gründlicher der Reiz des Neuen indessen verschwunden ist, je weiter sich das Programm verbreitet hat, aus den Firmen hinaus in die Universitäten und Schulen, desto deutlicher wird, dass das eigentliche Problem mit "PowerPoint" weder die Normierung noch die eigentümliche, latent geistfeindliche Verschränkung von abstrakter Anschauung und Schrift ist. Denn auch dieses Medium kann nicht klüger sein als die Menschen, die es benutzen. Es kann nichts dafür, wenn das, was der Redner sagt, in unsinniger Verdopplung auch auf der Leinwand zu sehen ist. Es trägt keine Verantwortung für die Tortendiagramme, die aus jedem noch so vernünftigen Vortrag eine alberne Veranstaltung machen, indem die Kuchenstücke die Aufmerksamkeit zwischen Rede und Bild spalten, wobei sie dieselbe irritierende Funktion zu erfüllen scheinen wie die Untertitel in einem Fernsehfilm. Es ist auch nicht der Grund für den radikalen Funktionalismus, mit dem große Unternehmen - und es gibt viele, in denen die Powerpoint-Präsentation das mit Abstand bevorzugte Mittel der Entscheidungsfindung ist - ihre Welt in "Inputs" und "Outputs", in "Szenarien" und "Potentiale" zerlegen. Das Programm ist nur das Instrument.

Es ist aber ein Instrument, dessen Formalismen dem Totalitarismus einer ökonomischen Weltanschauung entsprechen. So kommt es, dass auch der von Wolfgang Coy und Claus Pias herausgegebene Band, so kundig und ausgewiesen seine Mitarbeiter offensichtlich sind, fast durchweg über den Unterschied hinweggeht, auf den es im Umgang mit diesem Programm hauptsächlich ankommen müsste: auf die Differenz zwischen einem Vortrag und einer Präsentation. Es ist offenbar selbstverständlich geworden, der Rede nicht zu vertrauen, so sehr, dass deren Eigenarten gar nicht mehr bedacht werden, unter der Voraussetzung, auch sie sei eine "Präsentation". Wenn nämlich beides - der allein in Worten gestaltete und der von Bildern und Schrift "unterstützte" Vortrag - als "Präsentation" betrachtet wird, gewinnt das Zeigen und Werben, das Anpreisen durch "Visualisierung", einen entscheidenden Vorrang gegenüber dem Wort, das dann nur als Mittel behandelt wird. Oder anders gesagt: Wer eine Rede für eine Präsentation hält, stiehlt sich aus der Gegenwart seines Vortrags davon, indem dieser nur auf etwas außerhalb Befindliches verweist. Er wäre auch fähig, Verkehrsschilder, Piktogramme oder Heiligenbilder (denn um mehr geht es ja, streng genommen, bei Powerpoint-Präsentation nicht) mit Argumenten zu verwechseln.

Die Differenz zwischen Vortragen und Verweisen geht offenbar im Lauf einer Mediengeschichte verloren, die dieser Band (gleich mehrmals) mit Gewinn erzählt. Wenn die Entwicklung nachgezeichnet wird, die von der Schiefertafel über das Episkop und den Overhead-Projektor bis zu "Powerpoint" führt, dann versteht man zwar, wie die alten Apparate in der jüngeren Technik in der Fixierung auf die "Folie" weiterleben - und auch, dass "Powerpoint" insofern einen Gewinn darstellt, als der Vortragende seinem Publikum in die Gesichter sehen kann. Zugleich aber setzt sich in dieser Geschichte die Bindung der Präsentationstechniken an die Schrift fort. Denn auch der Computer ist ja, zumindest bislang, eine auf Schrift gegründete Technik. Mehr noch: kein Medium dürfte je so viel zur Verbreitung der Schriftkultur beigetragen haben wie die elektronische Datenverarbeitung - nur, dass diese Schrift in "Powerpoint" eine Verbindung mit Graphik und Fotografie eingegangen ist, die Schrift statuarischer macht, als sie eigentlich ist. "So ist es", sagt jede Folie, wenn sie auf die Leinwand projiziert ist, herausgelöst aus Raum und Zeit, mit Nachdruck und Bedeutung aufgeladen, wie sie die Schrift allein nie besäße - wobei jeder Betrachter weiß, was er nicht wissen will: dass das Bild, das da auf der weißen Fläche erscheint, der einzig mögliche Ort seiner eigenen Aufbewahrung ist. "Mit Powerpoint lassen sich Geschichten so immanent erzählen, dass der Zuhörer und Zuschauer keine Option, die nicht in der Slideshow vorkommt, für real hält" (Richard Grasshoff). Die "Powerpoint"-Präsentation ist die einzige Zufluchtstätte ihrer selbst, und je mehr es davon gibt, desto vollständiger wird das so entstehende universale Asyl der "Visionen", von denen etwa die ganze Branche der Unternehmensberatungen lebt.

Tatsächlich dürften, außerhalb der Kunstgeschichte, die wenigsten Vorträge unbedingt nach Bildern verlangen, ja, viele dürften in ihrer Wirkung durch Bilder beschädigt werden. Dagegen steht der moderne Glaube, dass ein Bild in jedem Fall etwas Gutes sei, ein Glaube, der in seinen Prämissen höchst zweifelhaft ist: Die Baumstrukturen der Linguistik etwa oder die Dreiecke der Kommunikationstheoretiker haben, so bekannt sie geworden sein mögen, nie etwas erklärt, was man in Worten nicht hätte besser darlegen können. Aber sie bedienten die Illusion, es handele sich bei Sprachwissenschaft oder Kybernetik nicht um Geisteswissenschaften in ihrer ganzen intellektuellen Haltlosigkeit, sondern um exakte, also mathematisch operierende Disziplinen. Ähnlich ist es mit dem Effekt der Schaubilder bei "Powerpoint". Bevor sie überhaupt etwas erläutern, haben sie schon eine Sphäre der totalen Immanenz geschaffen: Was es gibt, das gibt es nur als "Powerpoint"-Präsentation; und was darin nicht aufgeht, das gibt es nicht. Es soll nun aber Unternehmen geben, die, bei besonders schwierigen Aufgaben, wieder "Fließtext" verlangen. Man wird diese Wendung für einen Ausdruck des Scheiterns halten müssen.

Ob die Abhängigkeit des Computers von der Schrift so bestehen bleibt, wie sie heute existiert, steht noch sehr in Frage - es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die gesprochene Sprache in der elektronischen Datenverarbeitung noch nicht ihren angemessenen Ausdruck gefunden hat und man in Zukunft mit dem Gerät wird reden müssen. Dann, spätestens dann, käme auch die Rede zurück, unter ihren eigenen Voraussetzungen.