Umweltpolitik Gefühlsgrün in der Klimafalle

Die deutsche Umweltpolitik ist gut gemeint und schlecht gemacht, sagt Ökonom Hans-Werner Sinn. Deshalb setzt er auf den Markt und auf Atomenergie - so provoziert er seine grünen Gegner.

Von Helmut Lölhöffel

Mit diesem Buch möchte Hans-Werner Sinn wohl gern Furore machen. Sicher wird der Ökonom demnächst ein gern gesehener Gast in Talkshows sein. Oder ein begehrter Teilnehmer an öffentlichen Diskussionen, wo er sich mit grünen Politikern wie Jürgen Trittin oder Renate Künast, dem Journalisten Franz Alt oder vielleicht dem SPD-Politiker Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises, erhitzen wird.

In jedem Fall ist Zoff angesagt. Sinn hat schon etliche Bücher geschrieben, er weiß, wie er provozieren kann. Der Autor von "Ist Deutschland noch zu retten?" und "Die Basar-Ökonomie" spitzt auch in diesem neuen Buch seine Thesen so zu, dass garantiert Streit ausbrechen wird.

Das ist zweifellos ein Erfolgsmodell für ein Sachbuch, das als schroffe Abrechnung mit "den Grünen" gemeint ist. Womit der Volkswirt nicht nur die Partei meint. Sinns Methode ist es, "den Adrenalinspiegel beim Leser und bei mir selbst zu halten", wie er im Epilog zugibt. Das ist ihm gut gelungen. "Wie viele meiner Landsleute denke und fühle ich grün", behauptet Sinn.

Zunächst schreibt er, was viele Landsleute längst wissen: "Das Klimaproblem ist real und nicht eingebildet" und dass "die Menschheit handeln muss, um den Klimawandel zu stoppen oder zu verlangsamen". Dies sind weder neue noch originelle Einsichten, sie dienen mehr als rhetorischer Einstieg.

"Überlegenes Organisationssystem"

Der gefühlsgrüne Bürger Sinn gerät sogleich mit dem streng wirtschaftlich denkenden Ökonomen Sinn aneinander. Die Gesetze der Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage und dem daraus entstehenden Preis würden hemmungslos der "grünen Ideologie" geopfert, die überall eingedrungen sei, beklagt er.

Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel verdächtig Sinn, aus "taktischer Absicht" mitzumachen. Doch die Politik, so rät der Leiter des Münchner Ifo-Instituts, soll nicht vorgaukeln, dass die Förderung regenerativer Energien wie Strom aus Windkraft oder aus Solarzellen den CO2-Ausstoß weltweit verringert oder gar den Klimawandel verlangsamt.

Was Deutschland einspart, werde bloß anderswo zusätzlich ausgestoßen, meint Sinn: "Das ganze Land steckt in der Klimafalle." Aus dieser kommt Deutschland nur heraus, indem das Land die Zukunft dem Markt anvertraut, weil dieser eben ein "überlegenes Organisationssystem" sei.

Von der Spannung zwischen Ökonomie und Ökologie lebt das Buch. Einerseits. Doch Sinn löst sie nicht auf. Er beschreibt sorgfältig und begründet faktenreich die gefahrvollen Abläufe globaler Prozesse. Dann beklagt er andererseits: "Mittlerweile ist grüne Politik zur Staatsdoktrin avanciert." Deutschland sei heute eine grüne Republik, und das sei gut so, spottet Sinn - und stellt doch selbst keine Alternativen vor.

Auch der Buchautor muss eingestehen, dass sich die deutsche Wirtschaft angesichts ambitionierter Klimaziele wandeln muss, aber er missachtet und verwirft alle bisher gewählten Wege. Bis auf den Handel mit Emissionszertifikaten, den er als marktwirtschaftlich "sauberes Instrument" durchgehen lässt.

Sinn beschreibt, dass ökologische Technologien und politische Anreize die deutsche Wirtschaft so verändert haben "wie es auf der Welt seinesgleichen nicht findet".

Gleichwohl lehnt er radikal alles ab, was in Deutschland bisher eingeführt wurde: von der Ökosteuer über das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das ein trickreiches Konstrukt für fragwürdige staatliche Subventionen sei, bis zum Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz.

Das alles, meint Sinn, seien systemwidrige Eingriffe in das Marktgeschehen. Die ökologischen Interventionen, wie er die vernünftigen und gut greifenden Förderprogramme nennt, seien grenzenlos und unüberschaubar. So entsetzlich findet er Zuschüsse und Quoten für Wind- und Sonnenenergie, dass er sogar einen Vergleich mit dem Zentralplanungssystem der DDR zieht.

Aus regenerativen Quellen erzeugten Strom hält der Ökonom für einen Flop. Das Argument, es seien Arbeitsplätze geschaffen wurden, ist für ihn "blanker Humbug, sonst nichts". Die Risiken, CO2 unterirdisch zu bunkern, hält er für gigantisch viel größer als die der atomaren Endlagerung. Und darum, ganz einfach, sollte Deutschland lieber bei der Atomenergie bleiben, denn deren Strahlung rufe "keine akute Gefährdung" hervor. Mit wohl gewählten Worten zerlegt Sinn jegliche Ansätze, um Klimaprobleme zu lösen. Hans-Werner Sinns Vorschläge allerdings sind kaum praktikabel, für die aktuellen Energieprobleme bieten sie keine Perspektive.

Hans-Werner Sinn. Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik. Econ Verlag, Berlin 2008. 480 Seiten, 24,90 Euro.

Bekannte Autoren sitzen Rede und Antwort. Auf dem Blauen Sofa während der Frankfurter Buchmesse.