TV: Doku über Terror Küsse durch Glas

Verstörende und traurige Szenen: Eine Arte-Dokumentation über junge Frauen, die Selbstmordattentäterinnen werden wollten.

Von Katharina Riehl

In dem Moment, in dem man endlich ein paar Antworten bekommt, sieht man nur Gitterstäbe. Eine Frau, ihre Stimme klingt elektronisch verzerrt, bittet darum, die Kamera auszuschalten: Sie will jetzt etwas sagen.

Die Frauen, die im israelischen Hochsicherheitstrakt ihre Strafen absitzen, sind durchaus gesprächig - nur über ihre Beweggründe für das, was sie dorthin gebracht hat, reden sie nicht: Warum sie hier sitzen, auf Stockbetten hinter himmelblauen Gitterstäben, anstatt zu Hause bei ihren Familien, ihren Kindern zu sein. Kahira zum Beispiel, die einem Mann vor acht Jahren geholfen hat, sich mitten in Jerusalem in die Luft zu sprengen. Sie hat ihn mit dem Auto ins Zentrum der israelischen Hauptstadt gefahren, gewartet und zugesehen, wie er sich und die Israelis mit Sprengsätzen tötete. Drei Menschen starben bei der Explosion, 80 wurden verletzt. Kahira wurde zu dreimal lebenslänglich verurteilt.

120 palästinensische Frauen, die Selbstmordattentate vorbereiten halfen oder selbst als - wie sie es sehen - "Märtyrerinnen" sterben wollten, sitzen im Hasharon-Gefängnis ihre Strafen ab. Die junge israelische Filmemacherin Natalie Assouline hat Kahira und die anderen Frauen dort besucht, hat zwei Jahre lang immer wieder mit ihnen gesprochen, sie gefilmt: Assouline stellt viele Fragen und bekommt wenige Antworten. Oft reagieren die Frauen nur mit einem Schulterzucken oder einem kalten Lächeln.

Radikalisierung in der Zelle

Die Regisseurin macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich ein Urteil über die Attentäterinnen zu bilden. Sie verzichtet auf Erklärungen aus dem Off, lässt die Bilder, die Worte der Frauen für sich stehen. Es gibt verstörende Szenen, etwa, wenn eine Frau, die half, Menschen zu töten, in die Kamera sagt, dass Gott sich an denen rächen möge, die sie von ihren Kindern fernhalten. Und traurige Szenen: Wenn dieselbe Frau für ein paar Minuten von ihren Kindern besucht wird und sie durch eine Glasscheibe küssen muss.

Natalie Assouline lässt die Frauen erzählen. Sie kommt ihnen mit der Kamera sehr nahe, zeigt ihre jungen, oft sehr hübschen Gesichter, ihre Tränen - und ihre spöttischen Blicke, wenn sie beschreiben, wie sie ihre Attentate geplant haben. Sie zeigt das Zusammenleben der Frauen, wie sie Gefängniswände anmalen, gemeinsam die Zelle einer Schwangeren vorbereiten oder politische Diskussionen führen. Und sie zeigt, dass diese Gemeinschaft, wie jede andere Gemeinschaft auch, soziale Kontrolle über ihre Mitglieder ausübt: In Hasharon bedeutet das für einige der Frauen eine politisch-religiöse Radikalisierung weit über jene Überzeugungen hinaus, die sie überhaupt erst dorthin gebracht haben.

Shahida - Allahs Bräute, der seine Premiere vor zwei Jahren auf der Berlinale hatte, ist vor allem deshalb ein guter Film, weil es Natalie Assouline gelingt, aus all dem, was getan, was geredet, was nicht gesagt und höchstens angedeutet wird, dann doch ein ziemlich klares Bild zusammenzusetzen: "Wurdest du gezwungen, es zu tun?", fragt Assouline, nachdem sie die Kamera ausgeschaltet hat, nur der Ton läuft in diesem Moment weiter. "So in der Art", antwortet die Frau mit ihrer nachträglich verzerrten Stimme.

Shahida - Allahs Bräute, Arte, 16.30Uhr.