Traditionsverlag Suhrkamp in Not

Deutschlands berühmtester Verlag stellt Insolvenzantrag, um sein Überleben zu sichern. Die Geschäftsführung will so Millionenansprüche des Minderheitsgesellschafters Barlach abwehren. Sollten die Gläubiger und das Gericht ihren Insolvenzplan bestätigen, könnte dieser den Konfliktstoff zwischen den verfeindeten Gesellschaftern, der Familienstiftung Unselds und Barlachs Medienholding AG, aus der Welt schaffen.

Von Thomas Steinfeld und Andreas Zielcke

Die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags hat am Montag beim Amtsgericht Charlottenburg in Berlin einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens eingereicht. Sie bittet um ein sogenanntes Schutzschirmverfahren, das es erst seit etwa einem Jahr gibt. Dabei wird kein Insolvenzverwalter eingesetzt, sondern die Geschäftsführung bleibt im Amt, trifft also weiterhin die wesentlichen Entscheidungen im laufenden Betrieb. Sie muss dies allerdings unter Aufsicht eines vorläufigen Sachwalters tun.

Die drei Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags verbinden mit der Eröffnung des Verfahrens die Hoffnung, vor dem akuten Zugriff von Gläubigern geschützt zu sein und den Verlagsbetrieb aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus möchten sie einen Insolvenzplan entwickeln. Würden die Gläubiger und das Gericht einen solchen Plan bestätigen, könnte er den Konfliktstoff zwischen den beiden verfeindeten Gesellschaftern, der Familienstiftung Unseld und der Medienholding AG von Hans Barlach, aus der Welt schaffen.

Hans Barlach teilte am Montagabend mit, er sei vom Antrag der Suhrkamp-Geschäftsführer überrascht worden. Es liege kein Insolvenzgrund vor, die Insolvenzsituation sei vielmehr von der Familienstiftung herbeigeführt worden.

Der Suhrkamp Verlag war unter der Leitung Siegfried Unselds über Jahrzehnte das renommierteste deutsche Verlagshaus, zu dessen Autoren Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Jürgen Habermas und Isabel Allende zählen. Mit dem Tod des Verlegers im Oktober 2002 begann eine lange Reihe von Auseinandersetzungen. Sie führten Anfang 2007 zu einem Gesellschafterwechsel, in dessen Folge der Hamburger Unternehmer Hans Barlach mittlerweile mit 39 Prozent am Suhrkamp Verlag beteiligt ist. Die Mehrheit der Anteile liegt weiterhin bei der Unseld-Familienstiftung und deren Vorsitzender Ulla Unseld-Berkéwicz, der Witwe des Verlegers. Von Anfang an aber stritten sich die Gesellschafter. Der Konflikt ist seither immer weiter eskaliert und hat sich in Dutzenden Gerichtsverfahren niedergeschlagen.

Dem Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens vorausgegangen war die Entscheidung eines Frankfurter Gerichts vom 20. März dieses Jahres. Dabei ging es um Hans Barlachs Anteil an außerordentlichen Unternehmensgewinnen, die im Jahr 2010 durch den Verkauf der Frankfurter Liegenschaften und des Verlagsarchivs entstanden waren. Barlachs Firma soll demnach 2,2 Millionen Euro erhalten, dazu muss der Anspruch des Mehrheitsgesellschafters gerechnet werden. Insgesamt beträgt der "nicht gedeckte Passivposten" laut Verlag mehr als acht Millionen. Zur Entscheidung, ein Insolvenzverfahren zu beantragen, kam es, weil kein Konsens darüber hergestellt werden konnte, im Interesse des Verlags auf diese Ansprüche auf Gewinnauszahlung zu verzichten.

Da Verlag und Geschäftsführung im juristischen Sinne weiter handlungsfähig seien, bleiben laut Suhrkamp alle Autorenverträge bestehen. Auch die Verlagsmitarbeiter würden durch die Antragstellung nicht betroffen.