Auch das Kleingärtner-Ehepaar, in dessen schlammigem Pool es sich Sonneborn zusammen mit der Hausherrin ungemütlich macht; die beiden Schülerinnen, die sich an die DDR als "so was wie Krieg" erinnern, ihren Eltern aber glauben, dass dort trotzdem alles besser war; und der Mann von den Verkehrsbetrieben, der immer noch sauer ist, dass die Wiedervereinigung ihm seinen Fahrplan durcheinandergebracht hat - all diese Leute sind unfassbar echt. Sonneborn begegnet ihnen mit satirischem Ernst und heiterer Unverbindlichkeit.

Anzeige

Allein im Falle des Asylanten, der im Alter von 40 weder Frau noch Kinder hat, weil er in einer ehemaligen Kaserne festsitzt und weil die Behörden innerhalb von elf Jahren weder seine Augenfarbe noch seine Staatsangehörigkeit feststellen konnten, hat er sich festgequatscht. Und muss die Nacht in einem benachbarten pensionsähnlichen Anwesen verbringen, wo er vor dem Zubettgehen an der Bettwäsche schnuppert.

Ich denke da an Belgien

Man hätte Sonneborns Zynismus gar nicht durch poetische Landschaftsaufnahmen der Tristesse verwässern müssen. Es sind die Menschen selbst, die sich durch ihre bitteren Schicksale hindurch reinwaschen: der Großgärtner, der die Menschen nicht mag und deshalb in friedlicher Eintracht mit seinem Pitbull Maxi, der auch keine Menschen mag, neben dem Friedhof lebt. Zwei Damen vom Grill an der Tanke, die in ihren Original-80er-Jahre-Outfits nur 40 Kilometer weiter, im Zentrum Berlins, schon wieder zur modischen Avantgarde gehören würden. Der "Jugendliche" mit Schirmmütze, der sich als 30-jähriger DDR-Veteran herausstellt, der Wessis schon an der Nase erkennt, aber trotzdem Sonneborns Bockwurst hält. Oder der Sonnenanbeter, der auf einer vergammelten Brücke liegt, "weil Nacktbaden jesünder is", warum, weiß er jetzt auch nicht.

All diese Figuren sind an Tragik wie an Komik schwer durch Satire zu überbieten, also muss Sonneborn sie nur reden oder schweigen lassen. Und trotzdem werden sie dem Zuschauer auf eine Art sympathisch, die zum Verzweifeln ist. Denn in ihrer ganzen Misere wirken sie überraschend heiter gestimmt. Wer weiß, ob sie nicht diesen komischen Wessi in Freizeitkleidung für ein ganz armes Würstchen halten?

Bei der Filmvorführung in München begrüßt Sonneborn die Anwesenden "in, äh, Dings", berichtet den Bajuwaren, dass die Tristesse des Berliner Umlandes keine Tristesse ist, sondern dass es "dort einfach so aussieht", und erklärt den Siegeszug des Filmes, dessen Kinotauglichkeit sich erst noch erweisen muss, durch alle Länder, die eine Mauer haben, hatten, oder besser eine haben sollten, er denke da an Belgien.

Deshalb hat der Berliner Kurier Sonneborn schon wieder einen großen Gefallen getan mit seiner Filmkritik mit der Überschrift "Wie kann ein Mensch die Ossis nur so hassen?". Alles, was diesen Film zu ernst nimmt, ist schon wieder Satire.

"Heimatkunde" kommt am 2. Oktober ins Kino.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "So was wie Krieg"
  2. Sie lesen jetzt "So was wie Krieg"
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/korc)