Theodor Buhl: Winnetou August Unter Blutsbrüdern

Theodor Buhls Roman "Winnetou August" erzählt von einer doppelten Flucht - aus der Heimat und aus der Realität. Nur dank Karl May ist der achtjährige Rudi in der Lage, Angst, Flucht und Ekel zu ertragen.

Von Simon Strauss

Jetzt war man vertrieben - jetzt konnte man das Land nicht mehr berühren mit den Füßen - jetzt fühlte man es nur noch durch die Eisenräder und die Schienen - jetzt war man unterwegs." Im Sommer 1946, abermals in einen dunklen, stinkenden Waggon gepresst und umgeben von keuchenden, mutlosen Gestalten, hat Rudi restlos die Schnauze voll von Karl May. Bis hierhin war ihm Winnetou in vielen düsteren Stunden stets Freund und Beschützer gewesen.

Rudi ist acht, als der Krieg verloren geht. Vater August, vom Franzosen einarmig geschossen, schimpft auf das "Arschloch Adolf" und arbeitet als Irrenwärter in der Heilanstalt. Mutter Elfriede war früher Sekretärin bei der ärztlichen Verrechnungsstelle. Der ältere Bruder Willy zwingt zum "routinemäßigen Gliedmessen" und sorgt dafür, dass Rudi abgehärtet wird. Als die ersten Russen nachts aus dem Wald kommen, ist Familie Rachfahl die letzte, die der schlesischen Heimat den Rücken kehrt. Zunächst haben die vier Glück, sie finden Zuflucht bei den Großeltern.

Die Brüder können aus dem warmen Wohnzimmer durchs Fenster die Trecks zählen, die langsam durch den Schnee ziehen. Was anfangs nach heimeliger Planwagen-Stimmung klingt, wandelt sich abrupt zu einem erschütternden Schreckensbild: "Die Frauen unten auf der Straße legten manchmal vorsichtig was in den Schnee, blieben eine Weile stehen, guckten sich das an und gingen weiter. Bis zu uns rauf konnte man erkennen, dass sie Rotz und Wasser heulten. Tote Kinder waren das!"

Aus der Perspektive von Rudi, in seinen Worten, werden Horror und Leid der Flucht kühl und direkt wiedergegeben. Eine zu erwartende Betroffenheitsgeste bleibt aus. Die Wahl der Perspektive gibt dem Autor das Recht dazu. Aus dem Mund des Jungen klingt die unverfrorene Beschreibung einer Vergewaltigung oder eines verstümmelten Körpers seltsam fremd, manchmal fast zynisch. Die naive Beschreibung des Kindes verleiht der Erzählung eine Aura der Unmittelbarkeit, die schockiert und angreift.

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