Theater Verbotene Kunst

Seit mehr als 60 Jahren ist die Bühne sein Arbeitsplatz: Fan Zheng'an beim chinesischen Schattenspiel in der an diesem Abend viel zu kleinen Favoritbar.

(Foto: Jonas Haesner)

Der chinesische Schattenspieler Fan Zheng'an fasziniert in der Favoritbar

Von Dirk Wagner

Selten hat ein Mensch so viele Hände geschüttelt wie der chinesische Schattenspieler Fan Zheng'an, als er sich nach der Vorführung seines "kleinen Theaters, das große Geschichten erzählt" in der Münchner Favoritbar von den zahlreichen Gästen verabschiedete. Farbenprächtig waren zuvor seine hinter einer gespannten Leinwand gespielten Schatten geraten, die so beweglich waren, als wäre das Spiel ein technisch aufwendig produzierter Trickfilm. Tatsächlich gilt Fan in China als derzeit bester Schattenspieler, seinen Beruf hat er schon als Achtjähriger ausgeübt. Damals hatte der mittlerweile 74-Jährige seine Familie verlassen, um die verwitwete Mutter zu entlasten. Bei einem zehn Jahre älteren Puppenspieler lernte er dann das Schattenspiel. Zwei Drittel seines Lohns gab er der Mutter.

Seine Ehefrau lernte Fan schon mit 14 Jahren kennen. Seitdem arbeitet auch sie in Fans Schattentheater, für das er die Figuren noch immer selbst aus gegerbter Eselshaut anfertigt. Sogar die Farbe für die Figuren stellt er selbst her. Ebenso das Ensemble aus Perkussionsinstrumenten, die an umfunktionierten Gehstöcken hängen. Mithilfe von Pedalen spielt Fan sie, derweil er gleichzeitig mit den Händen die Figuren seines Schattenspiels führt, sowie zusätzliche aus Bambus gefertigte Rhythmusinstrumente bedient. "Ein einziger Mann leistet die Arbeit von zehn Männern", beschreibt Fan stolz sein Theaterspiel.

In Tai'an, einer Stadt in der chinesischen Provinz Shandong, leitet Fan das Tai'Shan Schattentheater. 28 Schüler unterrichtet er zudem, um die Tradition seiner Kunst auch zukünftig zu sichern. Immerhin hatte er es auch durch die Kulturrevolution gerettet, in der das Schattenspiel verboten war. Um trotzdem als Schattenspieler arbeiten zu können, schloss sich Fan damals dem Militär an, wo das Schauspiel zur Unterhaltung der Soldaten weiter existieren durfte. Mittlerweile zählt es die Unesco zum immateriellen Kulturerbe.

Aus Anlass der dreißigjährigen Länderpartnerschaft zwischen Bayern und Shandong ist es dem 25-jährigen BWL-Studenten Adam Langer nun gelungen, Fan mit Unterstützung der bayerischen Landesregierung und des Konfuzius-Instituts München nach Bayern einzuladen. Hier besuchte er das Münchner Stadtmuseum, wo er auch einen Workshop gab. Eine Woche später genoss er eine persönliche Führung in der Augsburger Puppenkiste, der er nun zwei Figuren stiftet. Am Sonntagabend spielte er schließlich im Augsburger Grandhotel Cosmopolis, sowie einen Tag später in der überfüllten Münchner Favoritbar. Zuschauer, die nicht mehr eingelassen werden konnten, versuchten das Spektakel in der Kälte stehend durchs Fenster zu verfolgen. Damit sind ihnen die einleitenden Worte von Adam Langer entgangen, der Fan als "Meister des deutsch-chinesischen Kulturaustausches" pries. Vor wenigen Tagen hatte Langer noch die Münchner Band Lali Puna nach China begleitet. Und auch der Notwist-Sänger Markus Acher schätzte seine Hilfe bei einer China-Tournee. Langer, der in der Konzertreihe "Comecerts" chinesische Bands in München präsentiert, entdeckte seine Liebe zu China als Austauschschüler des Maximilian-Gymnasiums. Wiederholt hatte er seitdem auch den Schattenspieler Fan besucht. Wie berühmt Fan in seiner Heimat tatsächlich ist, erfuhr Langer erst später.

Eine Schule hat Fan nie besucht. Aber sein Schauspiel ist so ausdrucksstark, dass die chinesische Sprache der agierenden Figuren eine international verständliche wird. An diesem Mittwoch verzichtet Fan nun sogar auf einen Ausflug zum Schloss Neuschwanstein und spielt stattdessen wegen des großen Interesses ein weiteres Mal zusammen mit seiner Frau in der "Roten Sonne" am Maximiliansplatz, bevor er wieder nach Hause fliegt. Beginn ist um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.