Theater Rumoren im Staatstheater

Junge Regisseure wie Ana Zirner und Jakub Gawlik setzen sich im Rahmen des aktuellen Marstallplan-Mottos "Luxus braucht Sklaverei" mit dem Ideal selbstbestimmten Arbeitens und Heiner Müller auseinander

Von Sabine Leucht

Drei Menschen in einem schmalen Streifen Licht. Alle sprechen gewichtige Worte, aber gleichzeitig und unverständlich. Bis es einzelnen Sätzen gelingt, sich zu emanzipieren: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit" oder: "Die Ökonomie ist die Krise". Es ist wieder Marstallplan-Zeit am Resi-denztheater, und da ist die Überforderung Programm: Zwei bis drei Wochen lang proben fünf junge Regisseure (zwei Assistenten, drei Externe) in Räumen und mit Schauspielern des Hauses. Und das Heiner-Müller-Zitat "Luxus braucht Sklaverei", das diesmal über den am Wochenende zur Premiere kommenden Produktionen steht, passt sehr gut zu dem Privileg, sich für diese schlaf- und pausenlose Zeit jedes andere Interesse abzuschneiden. Dennoch hört sich der Anfang von Ana Zirners "frei willig arbeiten" so an, als würden hier wieder einmal die Sklaven eines Systems und dort seine Nutznießer geortet. Doch Zirner, die zuletzt mit ihrem choreografischen Dokumentarstück "Brothers in Arms" die Träume und Ängste israelischer und iranischer Soldaten erkundet hat, wäre nicht sie selbst, wenn es dabei bliebe.

Die freie Regisseurin, die die Entwicklungsphasen ihrer Stücke gerne "absichtlich zerdehnt" - derzeit gerade für ein Projekt über Bettler und Passanten für das Spielart-Festival -, hat sehr bewusst ja gesagt zu den extrem anderen Bedingungen am Staatstheater und ihre Materialentwicklung, auf die sie gleichwohl nicht verzichten wollte, mit einem vorab gezimmerten Konzept verkürzt: "Wir haben früh entschieden, dass wir uns mit Arbeit beschäftigen wollen und der Abend aus drei Akten bestehen wird". Von der Form her abstrakt und voll von Grundgesetz- Marx-, Aristoteles und Ilija Trojanow-Texten der erste, von Theaterfiguren bevölkert der zweite, dokumentarisch und persönlich der dritte Akt. Zirner hat ihre Schauspieler Nora Buzalka, Michele Cuciuffo und Simon Werdelis zu ihrer Definition von Luxus oder idealen Arbeitsbedingungen befragt. Und die haben die gleichen Fragen einer langjährige Bühnenreinigungskraft im Resi, einem "Edel-Escort" und einem Jungunternehmer gestellt.

Und auch wenn die Einzelnen unterschiedliche Sprachen sprechen, so Zirner, überschneide sich Vieles doch: Das Hinfiebern auf die Premiere, das Zur-Disposition-Stellen des eigenen Körpers, die vollkommene Identifikation mit dem Job, die das Konzept Freizeit absurd erscheinen lässt. Es ist die Krux an dieser Arbeit, dass sich Zirner gerade wieder sehr danach sehnt, selbst entscheiden zu können - und zwar "gemäß der Situation und nicht gemäß eines Formats". Denn trotz des offenbaren Luxus eines Staatstheaterschlachtschiffes - "unser Composer ist der Wahnsinn und die Schauspieler sind sehr schnell meine Wunschbesetzung geworden" - würde sie "gerne mal Luft in die Prozesse pusten". Denn die sind derart dicht gepackt, dass die Regisseure, die bis auf Zirner alle fertige Stücke inszenieren, einander teils nicht einmal vom Sehen kennen: Matthias Rippert nicht Christoph Todt und Julia Prechsl nicht Jakub Gawlik, der als Regieassistent des Hauses zum zweiten Mal beim Marstallplan dabei und fest entschlossen ist, vom "Finster-Verquälten" seiner letzten Arbeiten wegzukommen.

Eine 96-jährige Frankfurterin habe ihm gesagt "Die Münchner kennen kein Moll, weil alle Blaskapellen in Dur funktionieren." Also passt der gebürtige Pole die Tonart an. Für das Publikum, das er mag; weil es, wie er sagt, "Erzählungen liebt, Kunst honoriert - und selbst sein Wohlstand eine Verbindung zum Ackerland behalten hat." Darum tupft der 32-Jährige helle Töne hinein in sein "Gemälde". Und versucht, seine "Birne frei zu bekommen". Und das ausgerechnet mit Heiner Müller und dessen Stück "Der Auftrag", diesem sprachgewaltigverworrenen Abgesang auf die (französische) Revolution? "Diese poetischeren Müllertexte wie ,Der Engel der Verzweiflung' oder ,Die erste Liebe', denen man theoretisch alles unterstellen kann, sind ein enormer Luxus. Fängt man aber an, mit Menschen daran zu arbeiten, versklavt man sich beinahe selbst. Man erschafft einen Moment, und der fordert, dass man ihn auch zu einem Ende bringt." So Gawlik. Sein akademischer Weg war bereits vorgezeichnet, als der Philosophiestudent und Postbote weiter selbstgeschriebene Stücke in die Briefkästen freier Bühnen warf, bis er im Frankfurter Autoren Theater eine vorübergehende Heimat fand und auch zum ersten Mal inszenierte: mit der Ausnahme-Schauspielerin Valery Tscheplanowa und dem schwerstbehinderten "überaufmerksamen" Akteur Tolga Tekin.

Mit Tscheplanowa, mit der Gawlik eine lange Geschichte von "hybristischen Ideen", "wunderbaren Reibereien" und "Dichtung" verbindet, Philip Dechamps und Stephan Larro von der Theatergruppe "Die Blindgänger" - einem weiteren "überaufmerksamen Menschen, der Dinge auf seine eigene schöne Weise tut", "schmeckt" ihm der Müller sprachlich. Aber weniger das, was Gawlik dessen "öffentlich politisches Moment" nennt. "Diese Texte", sagt er, "kann man nicht sprechen, ohne dass man ihnen etwas gibt. Sonst sitze ich da und höre die ganze Zeit 'Napoleon, Konvent, Jamaika'". Also hat Gawlik in die heutige Gesellschaft geschaut und dort den "Luxus, auf hamletsche Art zu zaudern" gefunden und die Versklavung der Mutter, die ihre Liebe und Zeit an das Kind kettet: Ein Bild, das - natürlich! - Tscheplanowa aus der Figur des Sklaven Sasportas entwickelt. Wie Jakub Gawlik das erklärt, ahnt man schon, warum die beiden sich verstehen: "Wir verlassen die Geste des Sklaven nicht. Wir machen sie nur größer und öffnen das Feld Mutter." Et voilà!

Marstallplan 1, Sa. 4. Juli: Der Auftrag (19 Uhr), frei willig arbeiten (20.30 Uhr), Jenny Jannowitz (22 Uhr), So. 5. Juli: Das Nest (19 Uhr), Am Beispiel der Butter (20.30 Uhr), Marstall