Theater Das Leben ist kein Streichelzoo

Franz Pätzold hat sich am Residenztheater zu einem eindrucksvollen Schauspieler entwickelt, der keine Angst vor Schmerzen hat und sich auf der Bühne auch mal foltern lässt

Von Christiane Lutz

Mit Franz Pätzold kommt das Gewitter. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich. Über den Isarauen entladen sich all die Regentropfen, die der Himmel sich in den Tagen zuvor verkniffen hat. Im Eingangsbereich des Tierparks Hellabrunn verschwinden Kinder unter Plastiküberwürfen, weichen Stoffsneaker auf. Franz Pätzold kommt gemächlich anmarschiert, mit einem schwarzem "Motörhead"-Käppi auf dem Kopf. Ist doch auch schön, so ein Wolkenbruch, sagt er. Dann will er nach den Ziegen schauen.

Franz Pätzold, 28, ist Schauspieler am Residenztheater und geht gern in den Streichelzoo. Das eine hat nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun, aber beides zusammen verrät natürlich doch etwas über ihn. Dass er eine fast kindliche Freude an kleinen Dingen empfinden kann. Dass er nicht zimperlich ist. Nicht, wenn ihm stinkende Ziegen über seine Füße steigen. Auch nicht, wenn er auf der Bühne gefoltert und gequält wird. Es verrät auch, dass er das Leben gern aus nächster Nähe betrachtet, alles anfassen, erkunden muss. Und ja, Streichelzoo heißt auch, dass Franz Pätzold einfach gerne Ziegen streichelt.

Kleines Problem: keine Ziege weit und breit. Die Tiere haben sich vor dem Regen in ihr Häuschen verkrümelt. Dann raucht Pätzold halt erst mal eine. Oder drei.

2011 stolperte Franz Pätzold im Birnenkostüm als "Patient Eins" in der eher sonderbaren Produktion "Halali" zum ersten Mal über die Bühne des Residenztheaters. Martin Kušej hatte das Haus gerade übernommen und ihn von der Schauspielschule weg verpflichtet. In den darauffolgenden Jahren konnte das Publikum die wunderbare Mauser des Franz Pätzold beobachten. Von der eifrigen Birne entwickelte er sich zu einer echten Schauspieler-Hausnummer. Vom Anton in "Pünktchen und Anton" zu Karl Moor in Ulrich Rasches monumentaler "Räuber"-Inszenierung. Gute Regisseure, die richtigen Rollen, Vertrauen zur rechten Zeit. Pätzold nennt es so: "Ich konnte einfach immer meinen Scheiß machen. Das finde ich super."

Franz Pätzold erkundet das Leben gern aus nächster Nähe. Die Ziegen im Tierpark Hellabrunn geht er regelmäßig streicheln.

(Foto: Catherina Hess)

Inzwischen dreht er auch immer wieder. Der ZDF-Zweiteiler "Bier Royal" läuft demnächst, im Herbst ist er in "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck im Kino zu sehen.

Schauspieler behaupten gern, dass sie bereit seien, "an die Grenzen" zu gehen. Nur liegen diese Grenzen eben bei jedem woanders. Bei Franz Pätzold liegen sie immer etwas weiter hinten als bei anderen. Wenn er "an die Grenzen" geht, überschreitet er sie. Franz Pätzold spielt so, dass man überzeugt ist, ihm zuhören zu müssen, weil er ganz offensichtlich etwas unglaublich Dringendes zu sagen hat. Sein Spiel könnte man als extrem körperlich beschreiben. Als zwingend. Fordernd. Manchmal anstrengend.

"Ich mag es einfach, bar zu zahlen", sagt Pätzold, unter dem Vordach des Tierpark-Cafés, es regnet noch immer. "Wenn ich jemanden anfasse, will ich ihn anfassen und nicht so tun, als fasste ich ihn an. Wenn ich jemanden küsse, will ich ihn küssen und nicht so tun, als küsste ich ihn."

Solche Qualitäten gefallen auch Regisseuren wie Oliver Frljić und Frank Castorf. Beim jährlichen Castorf spielt er seit "Reise ans Ende der Nacht" immer mit, war bei "Baal" und "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk" dabei. Demnächst beginnen die Proben zu "Don Juan". Castorf-Abende mögen für Zuschauer anstrengend sein, für Schauspieler sind sie hundertmal anstrengender. Den von Brechts Erben abgesetzten "Baal" von 2015 beschreibt Pätzold so: "Nach zehn Minuten dachte ich, ich brauch ein Sauerstoffzelt. Nach 15 dachte ich, Sterben ist 'ne Alternative. Ich musste Texte von Rimbaud schmettern, ein französisches Lied singen und parallel eine Kollegin über die Bühne schleppen. Mich dann schnell auszuziehen und mit dem Kollegen Aurel Manthei rumknutschen, während andere mit Messer und Gabel an mir rummachen, das war noch der entspannteste Moment des Abends."

Die Produktion habe ihn fünf Jahre seines Lebens gekostet. Aber wenn nach der Vorstellung die Gesichtszüge vollkommen entspannt sind, das erschöpfte Herz wieder ruhig schlägt, dann ist er bei sich. "Bei Castorf habe ich das Gefühl, dem Universum mal ganz kurz in die Unterhose geguckt zu haben."

Dann gibt es noch Oliver Frljić. Kroatischer Regisseur, radikal, nicht unumstritten. Für dessen "Balkan macht frei" bot Pätzold an, sich in einer Folterszene mit Waterboarding quälen zu lassen. Er sagt, er hätte es peinlich gefunden, sich Pseudo-Stromschläge geben zu lassen und den Schock zu spielen. Also kippen ihm die Kollegen bei jeder Vorstellung literweise Wasser in den Rachen. Pätzold keucht und hustet unter dem nassen Handtuch so schrecklich, dass regelmäßig Zuschauer auf die Bühne stürmen und die Szene unterbrechen. Wenn er gefoltert werden soll, will er gefoltert werden.

Auf der Bühne verausgabt sich Franz Pätzold bis zur Erschöpfung, wie jetzt als Marquis von Posa in "Don Karlos".

(Foto: Matthias Horn)

Das Publikum zu provozieren interessiert ihn dabei nicht. Er will sich selbst provozieren. "Mir macht es Spaß, mich zu verausgaben. Du weißt nicht, was es heißt, heiser zu sein, wenn du nie heiser warst. Intellektuelles Gelaber mag ich nicht. Nur die Visionen eines Regisseurs zu erfüllen, interessiert mich nicht. Für mich gilt es, beim Spielen immer wieder bei mir zu landen. Den Franz in allem zu finden. So sein, wie ich bin. Auch auf der Bühne. Das liebe ich."

Der Regen hat aufgehört. Die ersten Ziegen wagen sich aus der Deckung. Pätzold steigt ins Gehege und krault ein mäßig interessiertes Exemplar konzentriert am Ziegenbart. "Herrlich", sagt er, "das erinnert mich total an meine Kindheit."

Franz Pätzold wächst in der Dresdner Neustadt auf. Eine ältere Schwester, die Eltern Lehrer, eine glückliche Familie. Schon immer liebt er Fußball. Allerdings spielt er "so grottenschlecht", dass er damit aufhört und sich zum Schiedsrichter ausbilden lässt. "Mittlerweile aber habe ich großen Gefallen daran gefunden, parteiisch zu sein. Unparteiisch sein, das nervt." Klar: Wer parteiisch ist, fühlt mehr. Der Verein seines Herzens ist (natürlich) Dynamo Dresden. "Wenn die absteigen, erleide ich einen allergischen Schock".

Das fände Martin Kušej sicher weniger optimal. In dessen Inszenierung von "Don Karlos" spielt Pätzold Marquis von Posa, den zwielichtigen Kameraden von Karlos. Ganz hat er die Rolle ein paar Tage vor der Premiere noch nicht durchdrungen. Aber er will es unbedingt schaffen, die Schillerschen Jamben so zu sprechen, dass weder er noch die Zuschauer dabei "wegpennen".

Am linken Schienbein hat Franz Pätzold eine Narbe aus einem "Kirschgarten", am Arm ein paar blaue Flecken unbekannter Herkunft, in der linken Handfläche die Brandstelle einer ausgedrückten Zigarette aus "Balkan macht frei". Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Blessuren zu tragen, sagt er. Wie einen Orden.

Don Karlos, Premiere am Donnerstag, 17. Mai, 19 Uhr, Residenztheater