Tanztheater Gehäckselt, verschraubt und hochglanzpoliert

Das Stuttgarter Ballett beweist mit "Forsythe/Goecke/Scholz" seine herausragende Stellung.

Von Eva-Elisabeth Fischer

Frenetischer Jubel: Drei Namen, drei Stile, drei Konzepte. "Forsythe/ Goecke/ Scholz" - diese Kombination allein garantiert schon ein Tanzfest beim Stuttgarter Ballett. Neu ist das Stück "Lucid Dream" von Marco Goecke. Es wird ebenso großartig und bis ins Kleinste perfekt getanzt wie auch Bill Forsythes synkopisch verschraubtes "Second Detail" und die in ihrer Musikalität kongeniale Beethoven-Anverwandlung "Siebte Sinfonie" von Uwe Scholz.

Reid Anderson, seit 1969 erst viele Jahre als Tänzer am Haus, feiert sich mit der Erfolgsgeschichte dieser Choreografen-Trias vor allem selbst anlässlich seines zwanzigsten Jubiläums als Intendant des Stuttgarter Balletts. Darüber könnte man fast sein eigentliches Verdienst vergessen. Nämlich dass sich dieses Ensemble, welches in den Sechzigerjahren unter John Cranko international als Ballettwunder gefeiert wurde, immer noch in der Weltspitze hält. Dies gelingt, weil Anderson, wie Marcia Haydée vor ihm, geschickt die Gewichtung von John-Cranko-Erbe und steter Repertoire-Erneuerung ausbalanciert.

In "Lucid Dream" von Marco Goecke gleichen die Tänzer krächzenden Todesvögeln

Deshalb gehört die konsequente Förderung junger Choreografen und deren Bindung ans Haus zu den Hauptaufgaben eines Stuttgarter Ballettchefs. Dem Ballett arbeitet seit 1958 die Noverre-Gesellschaft zur Förderung junger Choreografen zu, einst Plattform auch für die Erstlingsarbeiten von Forsythe, Goecke, Scholz. Das Stuttgarter Ballett engagierte diese dann als Hauschoreografen, die das Repertoire vor einer Beliebigkeit bewahren, wie sie in Kompanien mit nicht-choreografierenden Ballettchefs oft zu beobachten ist.

Goecke ist seit 2005 in dieser Position und polarisierte sein Publikum zunächst wegen seines exzentrischen Stils. In seinen Stücken erkennt man sie noch, die Wurzeln im klassischen Ballett. Aber Goecke jagt die eleganten Variationen der ehrwürdigen danse d'école gleichsam durch einen Häcksler und verwandelt den Tänzer in einen Turbomotor für Bewegungen in Ultraschallgeschwindigkeit. Manche Körperteile verselbständigen sich unvermittelt - ganz so, als litten die Tänzer am Tourette-Syndrom: eine seitlich ruckende Hüfte zum Beispiel, wild rotierende Arme, libellengleich schwirrende Hände.

Diesmal, bei "Lucid Dream", dessen Titel die Blitze eines Drogenrausches erwarten lässt, gleichen die zehn Tänzer in schwarzen Hosen und nackten Oberkörpern - vor allem in der Rückenansicht - mit vorgereckten Köpfen und Flügelarmen krächzenden Todesvögeln, grotesken, aus einem weiten, dunklen Nirgendwo herausgestanzten Zeichentrickfiguren, aus deren aufgerissenen Mundhöhlen hörbar Atemluft entweicht.

Das verstört und belustigt zugleich. Die Szenerie wäre weniger befremdlich, hätte Marco Goecke als Musik nicht ausgerechnet das in Todesahnungen schwebende, in weiten Klangflächen sich ausbreitende Adagio aus der zehnten Sinfonie von Gustav Mahler gewählt, auf die er sein mit Ausrufezeichen versehenes Körper-Stakkato wie auf einen fremden Planeten setzt. Und doch: Je weiter "Lucid Dream" fortschreitet, desto stimmiger ergänzen die Musik und der Tanz einander in ihrer Gegensätzlichkeit. Goeckes Gruppen- und Solotänze lassen sich als Kürzel für Schlüsselszenen aus den letzten Lebenswochen des Komponisten lesen. Der litt, als er die Zehnte komponierte, an Körper und Seele. Er hatte es am Herzen, zumal wegen Almas Affäre mit Walter Gropius, was ihm die Luft nahm wie Marco Goeckes seltsamen Vögeln. Vor dem letzten Atemzug halluziniert er das Licht, seinen Wachtraum, den "Lucid Dream", in Gestalt einer Frau. Auftritt Agnes Su mit Blüte im Haar: eine zerbrechliche Japanoiserie im Pas de deux mit einem der Männer, seinem Alter Ego erotisch vibrierend in sachten Körperwellen.

Bei "The Second Detail" von Altmeister William Forsythe stockt einem der Atem

Agnes Su gehört auch der Schlussauftritt in "The Second Detail". Sie trägt - hinter ihr das Corps in perlgrauen Tanztrikots - als Einzige ein Kleid, Issey Miyakes "White Dress", ein edles Laken, effektvoll um den schlanken Körper drapiert und gebauscht. William Forsythes Prinzessin braucht keine Strass-Ohrstecker und Diademe mehr wie noch die Balanchine-Ballerinen. Auch erklingt keine Sinfonie von George Bizet aus dem Orchestergraben, sondern es schrappen rhythmisch elektrisierende elektronische Ratscher, synthetische Schläge und scharfe Trommeln des Komponisten Thom Willems. "Second Detail" ist Forsythes lässige Replik der "Sinfonie in C" 1991, 44 Jahre später - viel Drive, aberwitziges Tempo, die Gliedmaßen überdehnt. Es stockt einem der Atem.

Der um neun Jahre jüngere Uwe Scholz bediente sich 2001 eines wesentlich konventionelleren Tanzvokabulars für seine von Virtuosenstückchen nur so sprühende Choreografie von Beethovens Siebter. Ihm gelang die perfekte Transformation von Klang in Bewegung, er lauschte jede einzelne Note aus und fand traumhaft sicher jeweils das tänzerische Äquivalent. Er fügte all dies zusammen zu einem funkelnden Kaleidoskop immer neu sich komponierender Preziosen. Bravissimo.