Syrien: Verbot des Niqab Als der Schleier fiel

Syrien verbietet an den Universitäten den Niqab: Der Schleier ist ein politisches Statement, säkulare Araber fürchten ihn als Wunderwaffe der Polit-Muslime auf dem Weg zum Gottesstaat.

Von Tomas Avenarius

Krankenschwestern, die im Vollschleier in Kairos Kliniken erscheinen, um mit zum Gewand passenden Stoffhandschuhen die Patienten zu verbinden? Der ägyptische Gesundheitsminister ging auf die Barrikade, nicht nur aus hygienischen Gründen. Auch an den Universitäten wird gestritten: Dürfen muslimische Studentinnen, verhängt wie Ninja-Kämpferinnen, zur Vorlesung kommen?

Krankenschwestern, die im Vollschleier in Kairos Kliniken mit zum Gewand passenden Stoffhandschuhen die Patienten zu verbinden? Die Debatte um den Niqab, der das Gesicht bis auf die Augen verhüllt und den Körper mit einem weiten Gewand bedeckt, irritiert die arabischen Gesellschaften.

(Foto: dpa)

Die Debatte um den Niqab, der das Gesicht bis auf die Augen verhüllt und den Körper mit einem weiten Gewand bedeckt, irritiert die arabischen Gesellschaften. Jetzt hat sie auch das als säkular gerühmte Syrien erreicht: Die Regierung hat den Vollschleier an Schulen und Hochschulen verboten. "Wir haben den Universitäten angeordnet, dass Frauen mit Niqab nicht aufgenommen werden dürfen", so ein Offizieller.

Außerhalb der Staaten des Persischen Golfs ist der Vollschleier mehr als fromme Garderobe und von Gott geforderte Frauenpflicht: Er ist politisches Statement. Das Gewand stellt Kritik am Regime zur Schau. Das gilt für Syrien, Ägypten, Jordanien. Das Züchtigkeitsgewand wird zum Ersatz für gestohlene Stimmrechte bei manipulierten Wahlen. Und ist Wasser auf die Mühlen aller Islamisten. Säkular eingestellte Araber fürchten den Niqab daher als Wunderwaffe der Polit-Muslime auf dem Weg zum Gottesstaat.

Syrien galt bisher als Land, dass bei aller berechtigten Kritik an seiner Regierung frei war vom Islamisten-Virus. Als vorbildlich, was das Zusammenleben der Religionsgemeinschaften angeht. Die Familie Al-Assad beherrscht das Land seit vier Jahrzehnten. Ihr System mäandert zwischen Diktatur und autoritärer Regierung hin und her. Mit seinem Tod hatte Vater Hafis al-Assad 2000 die Macht an Sohn Baschar übergeben: Aus der syrischen Baath-Republik wurde die Assad'sche Baath-Erbmonarchie. Die Baath-Ideologie mit ihren sozialistischen und panarabischen Elementen ist ihnen geeignetes Instrument, das Land zu beherrschen.

Laut Ordre du Assad Senior war der Staat säkular, die Religionsgruppen von den Sunniten über die Schiiten bis zu den christlichen Kirchen genossen alle Freiheiten. Außer einer: Der Freiheit, mit der Religion Politik zu betreiben. Als die sunnitischen Muslim-Brüder dies versuchten, reagierte der alte Assad unerbittlich. Er ließ ihre Hochburg Hama in Trümmer legen: Seit 1982 ist die Stadt weniger für ihre altertümlichen Wasserräder berühmt als für dieses Massaker.

Religion als Privatvergnügen

Der Herrscher wusste, warum er das tat: Die Sunniten stellen in Syrien die religiöse Mehrheit. Die Assad-Familie selbst entstammt einer Minderheit: Für eine schiitische Sekte sind die Alawiten weltoffen. Sie sehen Religion als Privatvergnügen, gehen selten in die Moschee, trinken Alkohol. Aus eigenem Überlebensinteresse stellen die Assads sicher, dass radikale sunnitische Ideen Syrien keinen grünen Einheitsstempel aufdrücken und gleichzeitig die politische und wirtschaftliche Vormacht der Familie in Frage stellen können. Was das Niqab-Verbot erklärt: Islamismus ist häufig ein sunnitisches Phänomen.

Unter dem jungen Präsidenten ist die Gratwanderung zwischen Machterhalt, Islamisten-Containment und Säkularismus schwieriger geworden. Im Nachbarland Irak herrscht Krieg: Fast eine Million Iraker sind nach Syrien geflohen. Im Gepäck hatten einige neben Hemd und Hose die Islamisten-Ideologie. Die sich nun ausbreitet.

Gleichzeitig will Assad, dass den Palästinensern Gerechtigkeit gegenüber den Israelis geschieht. Und er fordert die Golanhöhen zurück. Israel hat die Bergkette 1967 besetzt: Die Rückgabe steht allenfalls als Nachspeise auf dem israelischen Speiseplan für einen Nahost-Frieden. Da die Wortführerschaft im Nahost-Konflikt die Islamisten übernommen haben, unterstützt Assad die Hamas in Gaza und die Hisbollah im Libanon. Er sieht sie als Faustpfand gegen Israel in Sachen Golan. Von den militanten Freunden droht Assad ideologische Beeinflussung seiner Landsleute.

Porsche-Cabrios und Breitling-Uhren

Bleibt die Ökonomie. Mit dem Ende des Kalten Kriegs versiegte das Staatsgeld aus Moskau. Also liberalisiert der Präsident die Wirtschaft. Dank Bauboom und Bankenfreiheit sitzen neue Wohlhabenden in edlen Restaurants und Bars in Damaskus. Mit der allumfassenden Korruption können sie sich die Taschen immer voller stopfen. Die Habenichtse drücken sich die Nasen platt an den Schaufenster mit den Porsche-Cabrios und Breitling-Uhren. Wegen Inflation, Arbeitslosigkeit und löchrigem Sozialnetz wird ihre Lage eher schlechter als besser. Was sie anfällig macht für Heilsbringer mit islamistischen Gerechtigkeitsparolen.

Wie tief das von der Baath verordnete säkulare Bewusstsein wirklich eingedrungen ist in die Wurzeln dieser Nahost-Gesellschaft, weiß niemand genau. Die inoffizielle Assad-Maxime vom Ja zur Religionsfreiheit und dem Nein zur vollen Bürgerfreiheit ist gefährlich: Bei der Forderung nach der politischen Freiheit wird Religion schnell zum Vehikel. Vielleicht hat Assad den Niqab an den Universitäten deshalb verboten: Damit er sieht, wer da mehr Freiheiten von ihm fordert.