Sweet Little 90 Chuck und Chuck

Ein stadtbekannter Münchner DJ feiert den runden Geburtstag des großen Rock'n'Rollers Chuck Berry. Vor über einem Vierteljahrhundert hatte der eine dem anderen mal ein Plektrum geliehen

Von Karl Forster

Es muss schon ein erhebendes Gefühl gewesen sein, als Chuck auf Chuck traf, damals im Schlachthof im Jahr 1990. Dort stimmte Chuck Herrmann mit seiner Band Herrmann and Honky Tonk gerade die Instrumente für den Soundcheck, als der andere, also der Chuck Berry, mit der Tochter im Arm und der Gitarre in der Hand in den Saal kam. Brav stellte er sich vor: "Hi, I'm Chuck." Und Chuck Herrmann antwortete, wie es sich gehört: "Hi, me too." Und dann lieh der Herrmann Chuck dem Berry Chuck noch ein Plektrum für die Gitarre. Chuck Herrmann verweist heute noch stolz auf das Plakat von damals. Darauf stand: Chuck Berry, und darunter: Chuck Herrmann.

Und jetzt, aus Anlass des 90. Geburtstags von Chuck Berry am 18. Oktober, läuft sich Chuck Herrmann, der eigentlich Wolfgang heißt, schon mal warm für den großen Geburtstagsabend, der am Sonntag, 23. Oktober, im Münchner Vintageclub steigt. Mit welchem Lied er wohl starten wird? "Mit was Langsamerem, was Ruhigerem wohl." Mit "No Particular Place to Go" vielleicht, oder "School Days". Aber dann bald die schnellen Sachen. Chuck Herrmann, der heute vor allem als DJ mit Vorliebe für den Sound der Fünfzigerjahre ("Fifties Record Hop") und seine Salsa-Nächte berühmt ist, hat Chuck Berry erstmals 1957 auf AFN gehört, mit "Roll over Beethoven". "Da war ich hin und weg", sagt er heute. Und wurde so zum Spezialisten für eben Chuck Berry und die ganze frühe Geschichte der Rockmusik.

Herrmann, geboren 1940 und über Generationen hin waschechter Holzkirchner, verfolgt auch heute noch akribisch die Berichterstattung im Bereich der Popmusik. Und als er neulich in der SZ die Bemerkung eines jungen Feuilletonisten fand, der meinte, anlässlich des neuen Albums der Rolling Stones schreiben zu müssen, Chuck Berry haben den Rock erfunden, rief er ihn an, um ihm mitzuteilen, dass das Blödsinn sei. Schließlich habe Bill Haley sein "Rock Around the Clock" schon längst zum Welthit gemacht, bevor Chuck Berry einen ersten Erfolg hatte mit "Maybellene". Und Herrmann vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass dieses Stück so gar nichts mit Rock'n'Roll zu tun habe, sondern aus "weißen Countryharmonien" bestehe.

Auf die Frage, was denn nun so besonders sei an Chuck Berry, hat Namensvetter Herrmann zwei einleuchtende Erklärungen: Berry habe zum einen die Sprache und Lebensverhältnisse der damaligen Teenager ernst genommen und zu Texten verarbeitet, und zweitens habe er als Gitarrist Geschichte geschrieben durch den neuen Sound und die neuen Riffs, die er erfunden habe. In der Tat ist auf Wikipedia als Beispiel für Chuck Berrys Einfluss auf die Geschichte der Rockgitarre und ihre Karriere vom Begleit- zum Soloinstrument das Intro zu "Johnny B. Goode" abgedruckt und mit großem musikwissenschaftlichem Ernst erklärt.

Musiker, die heute einen ähnlichen Einfluss auf den Rock'n'Roll hätten wie damals Chuck Berry, sieht Chuck Herrmann nicht zwingend. "Da hat sich zu viel verändert." Man denke nur an Heavy Metal und solche Stile. Am ehesten noch käme dafür die Spider Murphy Gang in Frage. Deren Gitarrist Barny Murphy pflege Chuck Berrys Erbe ganz vorzüglich. Aber schließlich gebe es ja genug Originalsongs von Chuck Berry. Darunter auch Chuck Herrmanns ganz persönliches Lieblingsstück: "Sweet Little Sixteen". Und da hat sich für die Teenager von damals bis heute nichts geändert, denn nach durchtanzter Nacht mit "tight dresses, lipstick und high heel shoes" gilt dann wieder: "Oh but tomorrow morning/ She'll have to change her trend/ And be sweet sixteen/ And back in class again."

Sweet Little 90 - zum 90. Geburtstag von Chuck Berry, mit DJ Dirk Wagner; Dienstag, 18. Oktober, 18 Uhr, Thalkirchner Straße 29, Eintritt frei Geburtstagsfest Chuck Berry mit DJ Chuck Herrmann; Sonntag, 23. Oktober, 20 Uhr, Vintageclub, Sonnenstraße 22