Suhrkamp-Krise Naumanns schnelles Scheitern als Vermittler

"Wenn man den Suhrkamp Verlag mit einer Bachschen Fuge vergleicht, dann ist Herr Barlach der Mann mit der Fahrradklingel": Über diese Äußerung Michael Naumanns ist der Minderheitseigner nicht gerade erfreut.

(Foto: dpa)

Wollte Michael Naumann im Streit um den Suhrkamp-Verlag wirklich vermitteln, hätte er seine Worte überlegter wählen sollen. Denn für Minderheitseigner Barlach, dem der ehemalige Kulturstaatsminister in einem Interview "null verlegerische Erfahrung" attestierte, ist Naumann nun als Mediator disqualifiziert.

Von Lothar Müller

Am Montag dieser Woche gab der ehemalige Staatsminister für Kultur, langjährige Rowohlt-Verleger und 2008 als Bürgermeister-Kandidat in Hamburg gescheiterte SPD-Politiker Michael Naumann dem Sender Deutschlandradio Kultur ein Interview. Darin erklärt er, im Konflikt zwischen der Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlages, Ulla Unseld-Berkéwicz, und dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach als Vermittler tätig zu werden.

Dass sich Naumann viel zutraut, ist bekannt. Er nannte als Modell seiner Mediation ein berühmtes Beispiel aus dem Kalten Krieg, den Waldspaziergang, bei dem 1982 die Botschafter Nitze und Kvitsinsky den Durchbruch bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen erzielten. In der Tat ist die Atmosphäre zwischen den Suhrkamp-Gesellschaftern mehr als frostig, seit kürzlich das Berliner Landgericht auf Antrag Barlachs die bisherige Geschäftsführung um Ulla Unseld-Berkéwicz abberufen hat. Und im Februar 2013 steht das Urteil im Prozess vor dem Frankfurter Landgericht an, wo die Konfliktparteien wechselseitig ihren Ausschluss aus der Kommanditgesellschaft beantragt haben und Hans Barlach die Auflösung der gesamten Gesellschaft anstrebt, sollte seinem Antrag nicht stattgegeben werden.

Als Leser von Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" hat Michael Naumann in der Figur des umtriebig-rastlosen Mittler das Risiko von Mediatoren vor Augen, die sich selber ins Spiel bringen. Dessen Satz, "dass es schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen Verworrenheiten zu Hülfe zu kommen als ungebildeten", gilt auch für juristische Verworrenheiten. Und dann ist da noch die Fahrradklingel. Sie macht es vollends unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Michael Naumann die Eskalation des Kalten Kriegs im Hause Suhrkamp stoppt.

Die Fahrradklingel war einfach zu laut, als Naumann sie am vergangenen Dienstag im Deutschlandradio Kultur bundesweit zu Gehör brachte: "Lassen Sie mich ganz kurz ausholen: Wenn man den Suhrkamp Verlag mit einer Bachschen Fuge vergleicht, dann ist Herr Barlach der Mann mit der Fahrradklingel. Er hat null verlegerische Erfahrung, Buchverlagserfahrung, und scheint eher aus der Region von mergers and acquisitions zu stammen, die auch in Hamburg blüht."

Er hat mich mit einer Fahrradklingel verglichen, ist die erste Reaktion, fragt man nun bei Hans Barlach an, ob er sich Michael Naumann als Vermittler vorstellen könne. "Der nicht" - so ließe sich sein telefonischer Empörungsmonolog zusammenfassen. Barlach hat in der schriftlichen Fassung des Interviews nachgelesen, er habe sein Geld vor allem mit der massenhaften Verbreitung von Abgüssen seines Großvaters, des Bildhauer Ernst Barlach, verdient, und ansonsten sei unbekannt, "wer sonst noch ihn finanziert und ob überhaupt noch jemand ihn finanziert". Im übrigen bestehe der Verdacht, "dass der in Wirklichkeit im Auftrag von anderen handelt".

Nun ist Michael Naumann für Barlach "ein Mann der üblen Nachrede", dessen "Telefonterror" auf dem Anrufbeantworter er unbeantwortet lässt: "Der Mann ist verbrannt.£ Ausdauernd schimpft er über ihn, während er eher als fehlgeleiteten Poetenfuror wahrnimmt, was Peter Handke in der aktuellen Zeit über ihn sagt: "Aber da, da ist, nein handelt ein von Grund auf Böser, ein Abgrundböser. Ein Unhold. Und der steht auf dem Boden des Rechts? Er wühlt darin, lässt darin wühlen die Horde der schwerbezahlten Mit-Unholde. Nicht recht so."

Am späten Dienstagnachmittag hat Hans Barlach seine briefliche Absage an Michael Naumann veröffentlicht: "Mit Ihren einseitigen Krawall-Stellungnahmen in der Öffentlichkeit nehmen Sie offen für die Geschäftsführung Stellung. Damit machen Sie sich selbst als Mediator ungeeignet." Es wird also nichts werden aus dem Mittler Naumann.

Der Fall Suhrkamp