Stadtplanung Stadt, Strand, Schloss

Eine Gruppe Berliner Architekten will mitten in der Stadt ein Flussbad in der Spree eröffnen. Machbar wäre es. Aber wird sich Berlin trauen?

Von Laura Weissmüller

Geschichtsträchtiger schwimmen geht nicht: Umziehen gleich unterhalb vom Berliner Schloss, dann ab ins Wasser und Richtung Außenministerium kraulen, bevor man sich 850 Meter lang bis zum Bode-Museum treiben lässt, vorbei am Lustgarten, dem Alten Museum und dem Pergamonmuseum.

Was klingt wie eine Idee, geboren in der Hitze der vergangenen Sommertage und dazu verdammt, mit dem ersten Gewitterregen wieder baden zu gehen, ist ein Projekt, das realisiert werden könnte. Wenn Berlin sich traut. Aber der Reihe nach.

Entstanden ist der Plan, den Kupfergraben, einen Seitenarm der Spree, der seit 100 Jahren nicht mehr für die Schifffahrt genutzt wird, in ein großes Schwimmbecken zu verwandeln, schon 1998. Die Architekten Jan und Tim Edler entwickelten die Idee in ihrem Verein "Kunst und Technik" im Monbijou Park, gleich beim Bode-Museum. Freiflächen gab es damals mehr als genug. Die neue Hauptstadt überließ Kreativen zentrale Flächen zur Zwischennutzung. Heute gibt es die meisten Ateliers, Clubs und Ausstellungsflächen von damals nicht mehr, dafür viele Geschäfte mit Touristennippes und neue Gebäude, die so tun, als hätten sie den Krieg schon erlebt.

Mögliches Zukunftsszenario: Der Spreekanal als Flussbad. Abbildung: realities:united

Das Projekt "Flussbad Berlin" gibt es noch. Wie dessen Schöpfer, die ihren Verein in ein Architekturbüro verwandelt haben, ist es erwachsen geworden. Und nachdem es 2011 mit dem renommierten Architekturpreis für nachhaltige Bauprojekte, dem Holcim Awards, ausgezeichnet wurde, war klar, dass es mehr war als gedankliches Hitzeflimmern. Die Architekten gründete einen gemeinnützigen Verein, um das Projekt stärker an die Öffentlichkeit zu bringen. Im Frühjahr 2014 stellte die Lotto-Stiftung 110 000 Euro für eine Machbarkeitsstudie zur Verfügung, im November wurde das Flussbad für die "Nationalen Projekte des Städtebaus" ausgewählt und bekam vom Bund 2,6 Millionen Euro an Fördermittel. Berlin legte 1,4 Millionen drauf. Mit dem Geld soll bis 2018 eine Planungsgrundlage geschaffen werden.

"Wir sind weit davon entfernt, dass das Projekt Wirklichkeit wird", sagt Jan Edler trotzdem. Nicht, weil es nicht realisierbar wäre. Die Machbarkeitsstudie hat das gerade bewiesen. Vor dem Schwimmbereich soll das Wasser in einem 300 Meter langen natürlichen Filterbecken gesäubert werden. Schon jetzt ist das Spreewasser aber sauberer als vermutet. Wenn an diesem Sonntag Teilnehmer des Schwimmwettbewerbs in die Spree steigen, dürfte das kein Problem sein, denn bereits in der Hälfte des Jahres besitzt die Spree "Schwimmwasserqualität". Mit einer Filteranlage wäre es möglich, diese das ganze Jahr über zu garantieren. Warum also die Zurückhaltung?

Ismoetrische Darstellung des Schwimmbereichs. Abbildung: realities:united

Es gibt Bedenken vom Denkmalschutz. Denn für die zwei großen Freitreppen links und rechts der Schlossbrücke, über die die Badegäste zur Spree könnten, müssten Teile der Ufermauer weichen. Die aber ist von Karl Friedrich Schinkel. Der Architekt war zwar selbst äußerst pragmatisch, was die Spree anging. Er ließ den Fluss für seine Bauprojekte sogar verlegen, doch heute ist Schinkel so etwas wie der Stadtheilige von Berlin. Wer an seinen Entwürfen etwas ändern will, braucht schon gute Argumente.

Womit wir bei der zentralen Frage des Projekts sind: Wem soll in Zukunft Berlins Mitte gehören? Wer den shoppingmallhaften Rohbau des Schlosses sieht und sich davor das wippende Einheitsdenkmal vorstellt, kennt die Antwort: den Touristen. Wer um die Ecke biegt und vor der Baustelle für das Luxus-Wohnprojekt "Kronprinzengärten" steht, muss sagen: nur denen, die sich die zentrale Lage leisten können.

Eine Badehose aber kann sich jeder leisten. Der Marzahner genauso wie der japanische Tourist, der Akademiker genauso wie der Baggerführer. Das Bad soll kostenlos sein und öffentlich zugänglich. Wer schon einmal in Basel in den Rhein gestiegen ist oder sich im Münchner Eisbach hat treiben lassen, der weiß, dass hier die Stadt zu sich kommt. Berlin braucht solche Orte heute mehr denn je. Jetzt müsste sich die Stadt nur den Sprung ins kalte Wasser trauen.