Spurensuche Das Neue Testament

Bodenmosaik aus dem 6. Jahrhundert zur Speisung der 5000.

(Foto: imago)

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Kunstwerken nach wiederkehrenden Motiven. Die Idee der Gleichheit kommt aus Erfahrung des Mangels.

Von Gustav Seibt

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Literatur, Film, Kunst und Musik nach wiederkehrenden Motiven. Die Idee der Gleichheit, kommt aus Erfahrung des Mangels.

In vormodernen Zeiten war es leicht zu verhungern. Ein langer Winter, ein kalter oder ein trockener Sommer, Frost, Hagel - jede Klimaschwankung konnte zu Ernteausfällen führen und vor allem in den Städten zu Mangel oder zu furchtbaren Hungersnöten. Die Chroniken des christlichen Europas sind voll von solchen Krisen. Natürlich kannte auch die Antike den Hunger, aber in ihrer Literatur ist davon wenig die Rede. Das liegt daran, dass die Kultur des vorchristlichen Altertums eine Kultur der Reichen, der in Muße lebenden Oberschicht war, die von Sklaven bedient wurde und von Latifundien leben konnte. Die Armen der Welthauptstadt Rom wurden durch öffentliche Zuwendungen ruhig gehalten - sie lebten auf Kosten der Provinzen. Solange imperialer Frieden herrschte, sicherte der Fernhandel die Versorgung.

Das Neue Testament änderte den Blick auf die Gesellschaft. Es redet wie kein anderer antiker Text von den Bedürftigen und Verletzten. Fünfmal erzählen die Evangelien die Episode von der Brotvermehrung, die eine Geschichte des Mangels ist. Tausende sind Jesus an einen entlegenen Ort gefolgt, um seine Botschaft zu hören - ihr Hunger ist zunächst spirituell. Doch am Abend zeigt sich, dass nichts zu essen da ist, kein Dorf ist in der Nähe, zur Hand sind nur fünf Brote und zwei Fische. Die Jünger raten dazu, die Leute fortzuschicken. Doch Jesus lässt sie niedersitzen, spricht ein Gebet und bricht das Brot. Dann lässt er es von den Jüngern an die Hungrigen verteilen.

Und siehe: Das Brot geht nicht aus, es ist genügend da für fünftausend Menschen. Am Ende bleiben sogar Brot und Fisch übrig. Das ist eine der Geschichten, die das christliche Europa geprägt haben. Lange vor den Theoretikern von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit steht die Forderung, dass für alle genügend da ist, wenn man teilt. Brot und Fisch und Wein, die einfachsten Güter, muss es immer geben. Die Einfachheit der Nahrung, die Brüderlichkeit der Teilung, sie kommen auch noch im heiligsten Ritus des Christentums zur Geltung, im Sakrament des Abendmahls, der Gemeinschaft der Gläubigen mit dem Herrn.

Diese Geschichte ist einer der Gründe, warum wir es nicht akzeptieren, wenn bei der Zuteilung an Bedürftige Unterschiede gemacht werden. Jeder erfahrene Helfer weiß, dass bei akutem Mangel eine strenge Organisation das Recht der Stärkeren aushebeln muss. Trotzdem gilt: Die Idee der Gleichheit kommt aus der Erfahrung des Mangels.