Sprachdebatte Das "sex"-Wort

Es ist nicht gut für die Wissenschaft, wenn sie nur noch Englisch spricht.

Von Thomas Steinfeld

Der erste Mensch, der nicht nur über sex schrieb, sondern es auch für möglich hielt, man könne "Sex haben" (to have sex), war wohl der englische Schriftsteller D. H. Lawrence, der Autor des lange nur im Verborgenen gehandelten Romans "Lady Chatterley's Lover".

Das war vor mehr als achtzig Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann, als sich die geschlechtlichen Begegnungen von Menschen gleich in Glücksversprechen eigener Ordnung verwandelten und als solche mit allen Mitteln der Psychologie, der Medizin und der populären Kultur bearbeitet wurden, stieg der sex zu einem der beliebtesten Gegenstände der öffentlichen Rede in der westlichen Welt auf: Dabei blieb er angelsächsisch - und in schlichter Weise auf den reinen Akt bezogen. Im Italienischen spricht man seitdem von sesso, im Russischen von seks, im Deutschen von "Sex".

Man kann auch hierzulande mittlerweile "Sex haben", wenngleich man der Formulierung noch anmerkt, dass sie geliehen ist. Nicht nur das Wort, sondern auch die technische Verselbständigung des Geschlechtsaktes - zuvor gab es so etwas nur in der erotischen Literatur - ist eine amerikanische Errungenschaft, für die es außerhalb der englischen Sprache keinen Ausdruck gibt: l'acte sexuel ist ebenso verdreht und kompliziert wie auf andere Weise die Wörter "Beischlaf" oder samlag (die schwedische Entsprechung), und keines der drei Wörter bedeutet dasselbe wie ein anderes, weshalb alle sex sagen.

Das jüngste, in diesen Tagen veröffentlichte Buch der Sprachwissenschaftlerin Anna Wierzbicka trägt den Titel "Imprisoned in English" ("Im Englischen gefangen". Oxford University Press, New York, Juli 2015). Darin erzählt sie von einer Fernsehsendung aus den Achtzigerjahren, die von einem amerikanischen und von einem sowjetischen Journalisten gemeinsam veranstaltet und in beiden Ländern ausgestrahlt wurde.

Ein amerikanischer Teilnehmer habe sich darin über zu viel "Sex" in der heimischen Werbung beklagt. Daraufhin habe sein russisches Gegenüber gesagt: "U nas seksa net . . ." - "Es gibt keinen Sex in der Sowjetunion . . ."

Der Rest seiner Rede ging zwar im Gelächter unter, aber man versteht doch, was gemeint war: Im Sozialismus hatte es jene Verselbständigung nicht gegeben, die mit der "sexuellen Revolution" einherging. Die wenigsten Menschen dort hatten Anaïs Nin gelesen, kein Alfred Charles Kinsey vom Institute for Sex Research hatte jenseits des Eisernen Vorhangs das "sexuelle Verhalten" von Mann und Frau studiert, und keine Zeitschrift wie Cosmopolitan hatte systematisch jeden Monat neue Ratschläge zur Erhöhung des erotischen Marktwerts der zahlungsfähigen Dame erteilt. Gepaart hatten sich die Menschen natürlich trotzdem.

Auch "Emotion" ist ein Ausdruck, in dem sich in einem einzelnen Wort ein Kulturimport verbirgt

Nur war der Akt begrifflich anders markiert gewesen, wodurch sich gewiss auch die Sitten änderten.

Anna Wierzbicka, eine gebürtige Polin, die seit vier Jahrzehnten an der Australian National University in Canberra lehrt, kennt viele solche Fälle, in denen sich in einem einzelnen Wort ein umfangreicher Kulturimport verbirgt: "Emotion" ist ein solcher Ausdruck. Eine "Emotion" ist, das merkt man sofort, viel fordernder und unbeherrschbarer als ein "Gefühl". Sense ist ein weiteres Wort dieser nur schwierig zu übersetzenden Art. Darin versteckt sich eine philosophische Tradition, in der "Sinn" und "Sinne" zusammengedacht werden sollen und die zurückgeht bis an die Anfänge der Aufklärung in Großbritannien.

So geht es weiter: cooperation, interaction, sharing, aber auch story, um vom Unterschied zwischen education und "Bildung" gar nicht erst anzufangen. Eine Sprache, das lässt sich aus solchen Vergleichen lernen, ist wie ein Klavier mit ungleich breiten Tasten, nur dass jede Sprache die schmalen und die breiten Tasten an anderen Stellen hat, sodass derselbe Griff, der auf Polnisch sehr harmonisch klingt, auf einem anderssprachigen Klavier ausgesprochen schräge Folgen haben kann.

Dass sich die Welt anders ausmacht, je nachdem, in welcher Sprache man von ihr spricht, ist ein alter Gedanke, den zuerst Wilhelm von Humboldt entfaltete, als er im frühen neunzehnten Jahrhundert den Traktat "Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus" schrieb. In jüngster Zeit kehrte dieser Gedanke häufig wieder, etwa bei Jürgen Trabant ("Mithridates im Paradies", München 2003) oder bei Guy Deutscher ("Im Spiegel der Sprache", München 2010). Keinem dieser Autoren fällt es schwer, sich so allgemein und vollständig über die Eigenheiten einer Sprache zu verständigen, dass am Ende keiner etwas vermisst. Aus den Unterschieden entsteht, wie diese Bücher zeigen, ein ganz eigener Reichtum.

Anna Wierzbicka aber hat mit solchen Vergleichen etwas anderes im Sinn: Ihr dienen sie zu einem vehementen Angriff auf die Ignoranz, die darin liegt, die eigene Sprache trotzdem für die einzige zu halten. Die schlimmsten Ignoranten findet Anna Wierzbicka dabei unter Kollegen: Unter ausschließlich anglofonen Gelehrten, wie sie sich vor allem in den Nachbardisziplinen der Linguistik herumtreiben, in der Psychologie etwa oder in den Verhaltens- und Kognitionswissenschaften.

Dutzende Beispiele für die Ignoranz einer durch und durch anglofonen Wissenschaft hat Anna Wierzbicka aufgespürt. Besonders reich sind ihre Funde bei Steven Pinker, einem der berühmtesten Professoren der Universität Harvard, der im Jahr 2011 eine weit ausgreifende Geschichtsphilosophie veröffentlichte, die zu einem internationalen Bestseller wurde: "Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit".

Das Werk beginnt mit dem wenig bescheidenen Satz: "Dieses Buch handelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist . . . Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen." Das englische Wort für "Gewalt" heißt selbstverständlich violence. Aber was zur violence gehört und was nicht, ob sie physisch sein muss oder ob die Menschen darauf mit bloßer Unterwerfung reagieren können - all diese Fragen verschwinden, wenn man glaubt, bei violence nicht mehr unterscheiden zu müssen oder, was dasselbe ist, eine moderne amerikanische Vorstellung von violence für die allgemein gültige halten zu können.

"Violence" ist heute etwas, das ausbricht, nicht etwas, das kalten Sinnes gewollt sein könnte

Überhaupt steht in Frage, ob violence mit "Gewalt" überhaupt richtig übersetzt ist. Denn während "Gewalt" von langer Hand geplant und kaltblütig durchgesetzt werden kann, ist das bei violence - zumindest im modernen, amerikanischen Gebrauch des Wortes - kaum der Fall.

So gibt es auf Deutsch zwar ein "Gewaltmonopol des Staates", aber die englische Entsprechung lautet monopoly of physical force. Dagegen ist violence heute vor allem etwas, das ausbricht, nicht etwas, das kalten Sinnes gewollt sein könnte. Deshalb hält Steven Pinker cooperation auch für das Gegenteil von Gewalt - ganz so, als könnte man Zusammenarbeit nicht erpressen oder als gäbe es keine cooperation in der Gewalt. In diesem Sinne erklärt er: "Der Geist . . . (ist) ein komplexes System kognitiver und emotionaler Fähigkeiten . . . Manche dieser Fähigkeiten schaffen in uns eine Neigung zu verschiedenen Formen der Gewalt . . . Andere disponieren uns zu Zusammenarbeit und Frieden." Eine unzulässige Vereinnahmung erkennt Anna Wierzbicka in solchen Sätzen und meint, ihren Grund auf einen "imperialen" Umgang mit der englischen Sprache zurückführen zu können.

Daran ist so viel Wahres, als mit Zwei- oder Mehrsprachigkeit notwendig eine Distanz auch zur eigenen Sprache einhergeht. Das gilt historisch, insofern man lernt, eine Sprache als etwas Gewordenes zu betrachten. Und es gilt kulturell, weil man Erfahrungen mit ungleich breiten Tasten macht. Die Art und Weise, wie Steven Pinker die Wörter violence und cooperation benutzt, legt aber nahe, dass er Verhältnisse, wie sie gegenwärtig in den Vereinigten Staaten gelten mögen oder auch nur gelten sollen, auf andere Kulturen und Zeiten überträgt: Denn violence wird nur dann zum Gegenteil von cooperation, wenn es ein staatliches Gewaltmonopol gibt, dem gegenüber Gewalt als etwas Unbeherrschtes, Ausbrechendes erscheinen muss - weshalb dann die Guten zusammenarbeiten müssen und die Bösen als destruktive Wesen zurückzubleiben haben, die ihre "Emotionen" nicht "kontrollieren" können. Das Wort sex mag selbst eine Befreiung gewesen sein, weil es moralisch komplizierten Begegnungen einen schlichten Namen gab. Bei violence versus cooperation indessen geht es nicht nur um Sachverhalte, sondern auch - und vor allem - um Ideologie.

Der Sprachwissenschaftlerin fällt auf, dass an diesen Übergängen etwas nicht stimmt. Sie sucht den Fehler aber nur im Sprachbewusstsein. Darauf bezogen erscheint er dann als die Anmaßung von Menschen, die keine Sprache außer ihrer Muttersprache beherrschen, von dieser aber meinen, sie biete selbstverständlich einen privilegierten Zugang zum Weltwissen - und die andere, mehrsprachige Menschen durch ihre institutionelle Macht dazu zwingen, sich in das "Gefängnis" des Englischen zu begeben und dort unter fremden Bedingungen zu behaupten.

Das ist ein Fehler, gewiss, und es ist bemerkenswert, dass der Protest dagegen aus der Mitte einer großen und berühmten englischsprachigen Universität kommt. Doch die bloße Tatsache, dass ein allzu kühner Wissenschaftler von der amerikanischen Ostküste das Englische zum Vehikel seiner Beschränktheit macht, diskreditiert weder die Sprache noch deren Reichweite. Und eine Kritik an der Ideologie, die sich in einem Sprachgebrauch verbirgt, ist Anna Wierzbickas Beschwerde noch nicht, ihrer Ausführlichkeit zum Trotz.