Spanische Literatur Ein Frisör redet um sein Leben

Ein Model verschwindet, der Mord wird dem Damenfrisör angehängt. Kann er den Fall klären? Eduardo Mendoza erzählt einen Krimi voller Unwahrscheinlichkeiten aus Barcelona.

Von Ralph Hammerthaler

Das Wahrscheinliche ist ja immer ein bisschen langweilig. Allenfalls zieht es Leute an, die sich nicht gern durcheinander bringen lassen und dem Leben in der Literatur am liebsten so begegnen, wie sie es seit jeher selber sehen. Das Wahrscheinliche nehmen sie anstandslos hin. Was dagegen nicht einleuchtet, wird verworfen. Im Unwahrscheinlichen lauert Lust und Gefahr. Darum wird es auch nie langweilig. Der Meister des Unwahrscheinlichen in der spanischen Literatur heißt Eduardo Mendoza.

Schon in seinem Roman "Der Friseur und die Kanzlerin" (2013) ließ er das Wahrscheinliche weit hinter sich zurück. Denn hätte er von der wahrscheinlichen Welt erzählt, wäre nur die wahrscheinliche Welt herausgekommen. Und er hätte durch Literatur nichts bewegt. Zu ihrem eigenen Schutz wird Angela Merkel in Barcelona von einem namenlosen Helden entführt. Weil die Kanzlerin in dem gealterten Katalanen einen früheren Geliebten zu erkennen glaubt, lässt sie sich gerne mitnehmen. Dadurch entgeht sie einem terroristischen Anschlag. Die Figuren, mit dickem Strich gezeichnet, wirken wie in einem Comic. Und wie in einem Comic ist der große psychologische Rest nicht erforderlich.

Der Friseur spielt auch im neuen Roman, "Das dunkle Ende des Laufstegs", den namenlosen Helden. Zwar hat er sein Geschäft längst verloren, an Chinesen, die das Barcelona mit Ramschläden und Imbissbuden heimsuchen. Aber er darf, wenn nicht festgehalten in der Irrenanstalt, Pizza austragen für seinen chinesischen Chef.

Diesmal wird nicht Angela Merkel, sondern er selbst entführt, von Lakaien eines Geheimbunds, die so tun, als wären sie Polizisten. Ihm wollen sie den Mord an einem schönen, wenn auch erfolglosen Model anhängen. Ein Nachbar findet die junge Frau tot in der Gartenhecke. Aber der Friseur wäre kein Held, wüsste er der Polizei nicht zu entkommen. Er setzt es sich in den Kopf, den Fall auf eigene Faust zu lösen und dadurch seine Unschuld zu beweisen.

Mendoza ist Mitte siebzig, aber seine Werke haben nichts eingebüßt von ihrer leuchtenden Kraft. Den Spaß, den er mit seinen Einfällen hat, spürt man in jedem Kapitel; man hört sein irres Lachen jedes Mal, wenn er das Wahrscheinliche untergräbt. Immer kommt es anders als erwartet. Und immer so, dass man denkt: nee, das geht jetzt echt nicht. Aber dann geht es doch. Für einen Friseur, der nicht mal eine Schule besucht hat, ist die Stimme des Erzählers viel zu gewandt. Umgekehrt lässt sich ein Friseur, der nicht reden kann, schwer vorstellen. Dieser Friseur riskiert Kopf und Kragen; er redet um sein Leben.

Durch eine List gelingt es ihm, eine geheime Versammlung älterer Herren zu beobachten. Vor der Villa stehen Luxusautos mit Chauffeuren. Die Herren haben ihr Vermögen, als es in Spanien für ihren Geschmack zu sozialistisch zuging, ins Ausland geschafft. Jetzt wollen sie das Geld wiederhaben, ohne dass die Steuerbehörde davon erfährt. Ein Gehilfe, der die Transaktion bewerkstelligen soll, erweist sich als widerspenstig. Darum wollen sie ihn, der zu viel weiß, töten lassen.

Das abgelauschte Gespräch zählt zu den schaurig-schönen Stellen des Romans. Einer der Herren erachtet es als seine Pflicht, "ausschließlich über die globalen Interessen des Daseins zu wachen, ohne den moralischen Aspekt jeder einzelnen Handlung zu berücksichtigen". Leider hat auch das junge Model von den Umtrieben gehört und sich zu einem unbeholfenen Erpressungsversuch hinreißen lassen. Auch in ihrem Fall setzt die konservative Geldelite auf eine simple Lösung.

Die lumpigen Viertel sind verschwunden, die Stadt ist laut und schick geworden

Der Roman hat zwei Teile. Der erste endet mit der vermeintlichen Aufklärung des Mords; der zweite klärt den Fall wirklich auf. Dazwischen liegen, wenn man der Äußerung einer Figur glauben darf, mehr als dreißig Jahre. Wenn so viel Zeit vergangen ist, dann werden Menschen melancholisch. Barcelona, die Stadt, in der Mendoza zur Welt kam, ist nicht mehr das, was es einmal war. Es ist laut und schick und touristisch geworden. Die lumpigen Viertel mit Bettlern, Transen, kleinen Gaunern sind verschwunden. Das Milieu, in dem der Friseur groß geworden ist, dem er Kraft und Schläue verdankt, existiert nicht mehr.

Die Erinnerung an die Achtzigerjahre beschwört die frühen Filme von Pedro Almodóvar herauf. "Ein paar Jahre lang hatten wir Transvestiten und andere verkrachte Existenzen das Sagen", sagt Señorita Westinghouse, vielleicht die tollste Figur des Romans. "Aber es ist uns nicht gelungen, etwas Ernsthaftes oder Bleibendes zu erschaffen." So wie Almodóvar, etwa als Jurypräsident in Cannes mit Netflix-Produktionen vor Augen, gegen neumodische Erscheinungen kämpft, so kämpfen auch die Señorita und der Friseur dagegen an, wenn auch eher halbherzig.

Die Señorita putzt Büros in gläsernen Türmen, doch in manchen Nächten, wenn alles schläft, geht sie fürs Privatfernsehen auf Sendung, als ehemaliger Militärpolizist, der sie tatsächlich war, und wettert, offen mit Franco liebäugelnd, gegen den Verfall der Sitten. Sie wettert auch gegen sich selbst: "Wir sind Parasiten, soziale Schädlinge, menschlicher Abfall, Giftmüll einer lange vergangenen Zeit." Sie fühlt sich gut, solange sie schimpft. Ein Jugendlicher verhöhnt ihre Auftritte als Sendung von Faschos für Faschos. Die Señorita hofft nicht mehr darauf, dass ihr ein Licht aufgeht.

Dabei hat sie dem Friseur und selbsternannten Detektiv einst unzählige Dienste erwiesen, selbstlos, in einer Art von Lumpensolidarität. Heute redet sie nur noch und redet, und der Friseur hört ihr kopfschüttelnd zu. Einen unwahrscheinlichen Traum vertraut sie ihm am Ende noch an, denn sie hat von Jesus auf dem Fahrrad geträumt, er sei an ihr vorbeigefahren, habe sich umgedreht und ein- oder zweimal die Augenbrauen gehoben. "Jesus Christus wollte mir sagen, dass die Wege des Herrn nicht unsere Wege sind. Da ist nix zu machen."

Eduardo Mendoza: Das dunkle Ende des Laufstegs. Roman. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt. Verlag Nagel & Kimche, München 2017. 336 Seiten, 23 Euro. E-Book 16,99 Euro.