Ein Skandal um den britischen Rockmusiker Doherty macht den BR-Online-Sender On3 bekannt - und schädigt dessen Image.
Oft passiert das nicht: Die kleine digitale Jugendwelle On3, sonst nur im Internet, darf knappe zwei Stunden lang über die Frequenz des Hörfunk-Flagschiffs des Bayerischen Rundfunks präsent sein. In einer "Zündfunk"-Sondersendung auf Bayern 2 verbreiteten die Macher ihr Programm - am vorigen Samstag von 22 Uhr an. Der Anlass war das On3-Festival, bei dem bekannte Musiker mit Newcomern auftreten.
Spontanauftritt mit Folgen: Pete Doherty auf dem On3-Festival (© Foto: ddp)
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Ein großer Moment für On3, möchte man meinen. Und dann das: Der englische Rockmusiker Pete Doherty, bekannt für Skandälchen und Skandale, singt auf seinem Live-Auftritt die erste, von Nazis für Propagandazwecke missbrauchte Strophe der Nationalhymne: "Deutschland, Deutschland u-ber alles".
Vier Mal gibt der Brite diese Passage wieder. Die Melodie trifft er dabei nicht wirklich. Das Publikum buht sofort, es gibt "Raus"-Rufe, eine Minute dauert das, dann bricht der 30-jährige Sänger der Band Babyshambles kurz ab.
Den Moment nutzt Moderator Daniel Köhler, um - endlich - das Geschehene live zu kommentieren: "Ihr seid Zeuge, wie sich Peter Doherty vielleicht um Kopf und Kragen singt". Und: "Wir warten mal ab, was er jetzt noch vorhat." Dann ordnet der Moderator das Gesungene ein als "textlichen Baustein der ehemaligen deutschen Nationalhymne, die wir nicht so mögen". In der Tat wird die Strophe nicht mehr benutzt, verboten ist sie allerdings auch nicht.
PR-Gag oder Imageschaden?
Doch Radiomann Köhler entdeckt in Dohertys Ausfälligkeiten offenbar auch Werbepotential. Er verweist auf den Video-Live-Stream des Senders im Netz: "Freunde, das könnte spannend werden." Erst nach weiteren fünf Liedern wird der Sänger von der Bühne komplimentiert. Viel zu lange, meinen einige in einem On3-Blog, andere freuen sich über die Aufmerksamkeit für die Jugendwelle.
Und tatsächlich, der Auftritt bringt den bis dato eher unbekannten Digitalfunk in die Schlagzeilen. "Es ist ein PR-Gewinn, weil die komplette Presse den Sender endlich mal vorstellt", sagt BR-Sprecher Rudi Küffner. Ein Imagegewinn dürfte es jedoch nicht sein. Das räumt auch Rainer Tief ein. Der BR-Programmchef für Multimedia und Jugend sagt: "Imagefördernd ist das mit Sicherheit nicht." Doch Konsequenzen innerhalb des BR werde es aber nicht geben.
Auch On3-Chefin Ulrike Ebenbeck, die den Auftritt von Doherty entschieden und zu verantworten hat, wird von Manager Tief in Schutz genommen. Sie habe schnell reagieren müssen - und ihre Entscheidung sei "kein schwerer Fehler gewesen". Das Management des Sängers habe den BR durch zeitliche Vorgaben unter Druck gesetzt und - "now or never" - eine Entscheidung verlangt. Doch On3 sei "eher für gute Recherche, journalistische Arbeit und Musikkompetenz als für Skandale bekannt", so Tief weiter.
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Was ein etwas durchgeknallter Pop-Sänger, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt, von sich gibt, läßt mich verhältnismäßig kalt; allerdings fängt es in mir an zu kochen, wenn das gleiche ein sogenannter "Landesvater" macht, der nicht nur politisch ernst genommen werden will, den ich als meinen obersten Dienstherrn auch noch ernst nehmen muß; ich meine den Erste-Strophen-Skandal um den Herrn Öttinger aus Baden-Württemberg...
@schwarzerkater. Ja, insbesondere, da das einzige anstößige Wort in dem ganzen Lied "Memel" heißt.
Könnte man ja durch "Oder" ersetzen.
Halte ich allerdings aus historischen Gründen für unangemessen, möchte schließlich nicht den unweit der Memel gelebt habenden Immanuel Kant nachträglich ausbürgern.
dass die ach so uk-affinen indiespießer den suffski-witz auf ihre kosten nicht kapieren ist niedlich. beim nächsten londonaufenthalt vielleicht mal versuchen mehr als das aktuelle angebot von topshop kennenzulernen.
und der sender kann echt froh sein. endlich hat mal jemand den namen in der zeitung gelesen. jetzt aber noch schnell schnell empört sein, sonst kann sich morgen keiner mehr dran erinnern.
Witzig ist natürlich daß der Groll der "Nonkonformisten" hier einen berufsmäßigen Aus-der-Reihe-Tänzer trifft. Drogenexzesse sind "gut" - weil die provozieren ja eigentlich schon lange Niemanden mehr so wirklich - haben aber noch so ein bißchen den Touch von "Aufbegehren". Aber Deutschlandlied ist "böse" weil das provoziert.
Komisch: Vor wenigen Jahrzehnten konnte Heino alle Strophen des Deutchlandlieds auf Platte pressen ohne daß dies das Establishment und seine angepaßten Anhänger in Erregung versetzte. Heute ist das natürlich anders weil die Leute die das Absingend des Deutschlandlieds seinerzeit schon "schlimm" fanden längst selbst Establishment und Mainstream bilden.
Und wie es halt so ist - der Mainstream und das Establishment läßt sich halt nicht gerne provozieren. Da versteht es auch keinen Spaß.
Spießertum bleibt eben Spießertum - Was sich ändert ist halt die "Uniform" - Was des Spießers Uropa der Kaiser-Wilhelm-Bart - und Spießers Opa das Braunhemd - das ist halt seinem Enkel das Piercing. Und böse bleiben jeweils die Anderen.
"Der Grünen-Landtagsabgeordnete und BR-Rundfunkrat Ludwig Hartmann freut sich über die Reaktion des Publikums, die den Sänger ausgebuht hatten." - toll, fast wie 68. *lol*
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