Erotikroman 'Shades of Grey'
Von Ruth Schneeberger

Von wegen Kultur-Schocker: Der Bestseller "Shades of Grey" ist weniger SM-Porno als biedere Liebesgeschichte mit ein paar expliziten Szenen. Trotzdem - oder deshalb - bricht er auch in Deutschland die Verkaufsrekorde. Ein Rückblick auf vermeintliche und tatsächliche sexuelle Tabubrüche in TV und Literatur.

"Das Buch, über das die ganze Welt spricht", heißt es im Klappentext von "Shades of Grey". Und in der Tat: Wer es nicht kauft oder liest, der spricht zumindest darüber. Viel und teilweise heftig wurde auch hierzulande schon über das Buch diskutiert, das in den USA sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen hat und seit vergangenem Montag in Deutschland zu haben ist. Die einen verteufeln es als kitschige Pornografie, die anderen als frauenverachtendes reaktionäres Werk der Unterdrückung, wieder andere sehen darin einen gelungenen Anlass, das Thema Sadomaso aus der Schmuddelecke zu erretten. Zuletzt meldete sich gar Alice Schwarzer zu Wort: Sie könne in dem Unterhaltungsroman keinerlei Angriff auf die Emanzipation erkennen - im Gegenteil: Er sei "eher emanzipiert". Währenddessen verkauft der katholische Weltbild-Verlag den Schinken zwar, warnt aber zugleich vor ihm: "Die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen." Sozusagen das "Rauchen kann tödlich sein"-Etikett für Literatur. Nur in einem sind sich fast alle Kritiker einig: Das Buch ist nicht sonderlich gut geschrieben. Zu viele Wiederholungen, einfallslose Beschreibungen, zu wenige echte SM-Szenen - und überhaupt: Echte Literatur sei das nun wirklich nicht.

Das finden wiederum die meisten Leser nicht - oder stören sich zumindest nicht daran. Mindestens 15 Millionen Leser (vor allem weiblicher Natur) sollen es in den USA und Kanada schon sein; in Deutschland ist der erste Teil der Trilogie seit Montag in den Taschenbuch-Charts auf Platz 1. Laut Amazon waren die "Shades" das erste E-Book, das die Millionengrenze sprengte. Warum genau? Weil es wie Rosamunde Pilcher ist, nur in heftig? Ein Mädchentraum-Liebesroman mit Aua? Oder vielleicht deshalb, weil hier erstmals in aller Ausführlichkeit eine Frauenfigur darüber reden darf, wie genau sich das anfühlt mit dem Sadomaso-Sex, autorisiert durch ganz viel Glitzer und Pathos und Prüderie drumrum, also in erlaubtem Rahmen für den Massengeschmack? Wie auch immer: Das in Wahrheit so naiv anmutende Buch scheint gleich vielerlei Tabus zu berühren - und führt damit die illustre Reihe vermeintlicher sexueller TV- und Literaturskandale fort. Ein Rückblick.

Bild: dapd

18. Juli 2012, 16:18 2012-07-18 16:18:03  © Süddeutsche.de/rus/feko/holz

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