Sekretärin gefunden Sturmwolken am Horizont

Vierzehn Jahre im Gefängnis, nun versucht Delpha, im Leben wieder einen Platz zu finden. Sie wird Sekretärin bei einem Privatdetektiv. Lisa Sandlins "Ein Job für Delpha" ist ein ruhiger Roman um Hoffnung und Verzweiflung.

Von Fritz Göttler

Der Himmel ist wieder frei über Delphas Kopf. "Delpha hatte sich Geduld verordnet. Um sich an die viele frische Luft zu gewöhnen, die Straßen, die immer weiter führten, Türen, die sich öffneten, öffneten, öffneten. Das konnte nicht alles auf einmal verdaut werden. Nur langsam. Sie musste sich daran gewöhnen, freien Himmel über dem Kopf zu haben. Sie würde sich daran gewöhnen, wie alle daran gewöhnt waren, frei zu sein, so dass es ihnen nicht einmal auffiel. Aber verordnen und tun waren zwei verschiedene Dinge."

Delpha Wade ist gerade aus Gatesville freigekommen, dem Frauengefängnis, "vorsätzliche Tötung", vierzehn Jahre. Ihr Denken und Fühlen und Handeln sind immer noch davon bestimmt. Als Minderjährige wurde sie geschlagen, mit einem Messer angegriffen, vergewaltigt, von zwei Männern, Vater und Sohn. Plötzlich hatte sie das Messer in ihrer Hand, sie hat den Sohn getötet. Der Vater kam davon. "The Do-Right" heißt der Roman im Original, das ist ein Slang-Ausdruck für den Knast.

Zum "Venice Pier" kam man um 1935 über die "Windward Avenue", die berühmt für ihre Neon-Arkaden war.

(Foto: Jim Heimann: Dark City. The Real Los Angeles Noir)

Dies ist ein ruhiger kleiner Integrations-, ein Reintegrationsroman. Zurück in eine Gesellschaft, von der man nicht wirklich weiß, ob da noch ein Platz für einen zu finden ist. Ein Außenseiterroman. Durch Zufall, ein bisschen Glück und einen Druck ausübenden Bewährungshelfer kriegt Delpha einen Job, bei einem Mann, der eben als Detektiv anfängt. Tom Phelan, Vietnamveteran, auch er hat sein Trauma, bei der Arbeit auf einer Bohrinsel hat er zwei Zentimeter seines Mittelfingers eingebüßt. Delpha wird Sekretärin. "Er konnte den Blick nicht von diesen Augen lösen. Keine Hoffnung, keine Verzweiflung. Nur eine Sturmwolke am fernen blauen Horizont." Es ist das Jahr 1973, in Beaumont, Texas.

Lisa Sandlin wurde geboren in dieser Stadt, sie wuchs auf unter den Bohrtürmen am Golf von Mexiko, inzwischen lehrt sie in Nebraska. Bislang hat sie Erzählungen geschrieben, "Ein Job für Delpha" ist ihr erster Roman. Man lernt darin, wie das geht mit einem Ermittler-Start-up, wie man eine Akte anlegt oder was alles auf eine Rechnung nach erledigter Arbeit draufkommen muss, an Spesen. Die ersten Fälle sind von enervierender Belanglosigkeit, manchmal komisch, manchmal eher böse. Ein verschwundener Junge , der sich offenkundig in finstere Geschäfte verstrickt hat. Ein Köter, der die ganze Nachbarschaft gegen sich aufbringt und angeblich Mordabsichten erregt. Ein Familienstreit, in der eine Beinprothese als Geisel benutzt wird. Schließlich auch: die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die dubios manipuliert und verschoben werden. Irgendwann kommt auch Delphas Vergangenheit zurück, der Vater, der seinen Sohn damals im Stich gelassen hat.

(Foto: )

Delpha kommt im kleinen Hotel von Calinda Blanchard unter, "die am allerletzten Morgen des neunzehnten Jahrhunderts geboren worden war". Zeit spielt eine wichtige Rolle in dem Roman, für seine Figuren, ihren Rhythmus. Die älteren Bewohner des Hotels, Mrs. Bibbo oder Mr. Nystrom, haben kein Verlangen mehr, ins Leben zurückzukehren. Mit Neugier verfolgen sie die wilden, verrückten Nachrichten vom Watergate-Skandal.

Die Sekretärin spielt immer wieder eine wichtige Rolle im Kriminalroman, am berühmtesten ist vielleicht Della Street, viele Jahre lang zuverlässig an der Seite des legendären Perry Mason, in den Romanen von Erle Stanley Gardner. Wie man alles richtig macht, in einem neuen Job und im Leben, zeigt Delpha ihrem neuen Chef, mit traumwandlerischer Sicherheit, und dann auch einem Jungen, den sie in einem Bus trifft, mit dem sie schläft und der sein Leben verbringen will mit ihr, und dann seiner Mutter, die gern möchte, dass er von ihr loskommt und in Harvard studiert. Die Südstaaten-Melancholie kommt, nicht nur in diesem Roman, aus einem unerschütterlichen Pragmatismus. Die Mutter schlägt Delpha einen Deal vor, sie ist bereit, ihr Gerechtigkeit zu verschaffen.

Ziemlich schnell hat Delpha noch einen zweiten Job, für ihre Wirtin Calinda sorgt sie jeden Abend für deren Tante Jessie, die hundert Jahre alt ist und bald sterben wird. Als Delpha merkt, dass die Stunde gekommen ist - "Das heisere Keuchen ging weiter. Es klang mühsam. Der Weg mochte kurz sein, aber er war steinig und es gab nur den einen Weg" -, ruft sie Calinda an, damit diese die Tante noch einmal lebend sehen kann. Calinda braucht ein wenig länger, bis sie kommt, sie hat ein wenig roten Lippenstift aufgetragen und Perlenstecker an den Ohren, sie wollte nicht nach Küche riechen, wo sie immer arbeitet, nach Schweinebraten mit Soße, wenn sie Tante Jessie noch einmal umarmt. Natürlich ist dabei wohl auch Vererbtes im Spiel, von Tiffany, aber dieses Sterben ist, dem Genre absolut konträr, von großer Würde und Gelassenheit. Calinda nimmt die Tante in den Arm, sie singt "Amazing Grace" und andere Lieder, und dann singt sie auch "From this valley, they say, you are leaving. I will miss your bright eyes and sweet smile ..."

Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 354 Seiten, 9,95 Euro.

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