Schauplatz Berlin Neue Höhen in Upper West-Berlin

Wer in den Neunzigern in West-Berlin eine Aussicht von oben suchte, musste in den Osten fahren. Seit aus der Gegend am Bahnhof Zoo die City West wurde, ändert sich das.

Von Lothar Müller

Irgendwann in den Jahren nach dem Mauerfall hatte West-Berlin die Lust am Überblick verloren. Nach wie vor drehte sich weithin leuchtend der Mercedes-Stern auf dem Europa-Center, aber die Aussichtsplattform machte dicht. Trotz halbherziger Wiederbelebungsversuche blieb es dabei. Währenddessen wuchs der Potsdamer Platz in die Höhe, im 1999 fertiggestellten Kollhoff-Hochhaus bringt der superschnelle Aufzug Berliner und Berlinbesucher in zwanzig Sekunden zur Open-Air-Aussichtsplattform. Noch etwas weiter im Osten steigen die Ballons zur Stadtbesichtigung von oben auf, und der Fernsehturm am Alexanderplatz lockt mit dem höchsten öffentlich zugänglichen Aussichtspunkt Deutschlands. Inzwischen heißt aber die Gegend um den Bahnhof Zoo nicht mehr Gegend um den Bahnhof Zoo. Sie heißt jetzt City West, ist wieder schwer im Kommen und hat nach der Aufmöbelung des Kurfürstendamms eine große Sehnsucht nach der Vertikalen. 2013 wurde das Hotel Waldorf-Astoria im 118 Meter hohen "Zoo-Fenster" geöffnet, und seit Kurzem hat direkt gegenüber, an der westlichen Seite des Breitscheidplatzes, der Rohbau des neuen Hochhauses "Upper West" seine volle Größe erreicht. Der Zwillingsturm wird ebenfalls 118 Meter hoch aufragen, schon sind die weißen Fassaden von unten bis über die Mitte nach oben gewachsen. Die Hotelkette Motel One wird Hauptmieter sein, mit 582 Zimmern, am 19. Mai wird Richtfest gefeiert. "Upper West", das klingt nicht zufällig nach New York, jetzt muss nur noch der Zoologische Garten in "Central Park" umbenannt werden, damit er zur Upper West Side passt. Für die macht sich jetzt auch das Ku'damm-Karree bereit, das Sorgenkind mit seinem an manchen Ecken düster-unheimlichen Innenleben, das nach der Wende durch viele Eigentümerhände ging. Seit Anfang des Jahres gibt es nun auch hier einen Investor, der das 23-geschossige Hochhaus im Zentrum der verschachtelten Anlage sanieren und mit einer neuen Fassade versehen wird. Das Bauplakat am "Upper-West"-Zwillingsturm verkündet das Ideal der "City West": "Dort wo nichts den weiten Blick stört, ist die Sicht grenzenlos."

Es gibt ein horizontales Gegenstück zu diesem weit oben angesiedelten Panoramablick: die Blickachse, in der aus der Sicht eines Passanten, der durch die Stadt läuft, ein Gebäude steht. Sie hat sich schon jetzt, Wochen vor dem Richtfest des "Upper West"-Hochhauses, für zwei seiner Nachbarn entscheidend verändernd: die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche und das Europa-Center. Wer vom KaDeWe aus auf dem Mittelstreifen des Tauentzien auf sie zugeht, dem erscheinen sie eigentümlich geschrumpft. Das Europa-Center, in den mittleren 1960er-Jahren als Modernitätssignal und Beschwörung der Zukunftsfähigkeit West-Berlins nach dem Mauerbau errichtet, wirkt wie ein schüchterner Vorläufer der "Upper West"-Dimensionen. Und der "hohle Zahn" der Gedächtniskirchen-Ruine, wie ein Überbleibsel des steinernen Berlin, über das aus dem gläsern aufragenden "Zoo-Fenster" die Panoramablicke hinweggleiten.