Sachbuch-Liste Empfehlung nach Punkten

Auf Platz neun der Liste mit Sachbuch-Empfehlungen von NDR und SZ steht das Buch eines rechtsradikalen Verlags, das Pamphlet "Finis Germania" des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Warum?

Von Lothar Müller

Am vergangenen Freitag erschien auf der Literaturseite der SZ die Liste "Sachbücher des Monats Juni" des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und der Süddeutschen Zeitung. Empfohlen werden darin Bücher der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete. Die Redaktion liegt bei Andreas Wang (NDR). Auf Platz 9 stand das Buch "Finis Germania" des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Es ist aus seinem Nachlass zusammengestellt worden und im Verlag Antaios in Schnellroda erschienen. Der Verlag ist Teil der organisatorischen Infrastruktur der extremen Rechten in Deutschland, sein Geschäftsführer Götz Kubitschek zugleich Mitbegründer des in Schnellroda ansässigen "Instituts für Staatspolitik", Redakteur der Zeitschrift Sezession und Redner auf Pegida-Veranstaltungen.

Weder für Publikum noch für die Juroren ist am Ende kenntlich, wer für welches Buch votiert hat

Der Historiker Sieferle hatte sich vor allem mit seiner großen Studie "Rückblick auf die Natur" (1997) als Umwelthistoriker und Kritiker des Ressourcenverbrauchs durch den globalen Kapitalismus profiliert. In den Jahren vor seinem Tod näherte er sich allerdings rechtsradikalen Positionen an. In "Finis Germania" fordert er "das indigene Volk" der Deutschen auf, sich gegen die Bedrohung durch die aktuellen Migrationsbewegungen zu behaupten und seine "spezifische Identität" zu verteidigen. Als Schwächung des Selbstbehauptungswillens der Deutschen denunziert Sieferle die Erinnerung an den Nationalsozialismus. Auschwitz sei "zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden". Sieferles Pamphlet hat nun auf die vom NDR redaktionell betreute und vom NDR und der SZ veröffentlichte Liste empfohlener Sachbücher für den Monat Juni gefunden.

Anders als bei Jurys, die in einer Sitzung zusammentreten, um einen Belletristik- oder einen Sachbuchpreis zu vergeben, senden für diese "Sachbücher des Monats" die Juroren Listen mit Punkten für einzelne Bücher ohne gemeinsame Aussprache ein. So wenig wie für das Publikum ist für die Juroren am Ende kenntlich, wer welchem Buch wie viele Punkte gegeben hat, ja, warum ein Buch überhaupt Eingang auf die Liste fand. Das Verfahren ist nicht unüblich, es ähnelt dem der SWR-Bestenliste oder der Hörbuch-Bestenliste des Hessischen Rundfunks und setzt voraus, dass die Juroren in ihrer Gesamtheit Urteile mittragen, die nicht ihre eigenen sind. Wer innerhalb der NDR/SZ-Jury für "Finis Germania" votiert hat, ist unklar.

Die Mitglieder der Jury entstammen zu großen Teilen überregionalen Rundfunk- und Zeitungsredaktionen: von René Aguigah (Deutschlandradio) über Jens Bisky (SZ), Rainer Blasius (FAZ), Daniel Haufer (Berliner Zeitung), Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Wolfgang Ritschl (ORF), Johannes Saltzwedel (Der Spiegel), Jacques Schuster (Die Welt) und Elisabeth von Thadden (Die Zeit) bis zu Uwe Justus Wenzel (NZZ). Auch der Politologe Herfried Münkler (Humboldt Universität) und freie Autoren wie Otto Kallscheuer und Ludger Lütkehaus gehören der Jury an.

Auf den ersten und zweiten Platz der Juni-Liste hat die Jury im Juni Ulrike Guérots "Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde" sowie Georg Seeßlens "Trump! POPulismus als Politik" gesetzt, auf Platz 3 Dieter Borchmeyers "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst." Ein "Atlas der Umweltmigration" und das jüngste Buch von Michael Lüders zum Syrien-Konflikt verstärken die Konzentration der Liste auf Bücher, die das Entstehen von und den Umgang mit Populismus behandeln, aber auch Debatten um aktuelle Migrationsbewegungen.

Kein Mitglied der Jury hat sich bisher öffentlich zum Votum für Sieferles Buch bekannt

Andreas Wang (NDR), Mitglied der Jury und ihr verantwortlicher Redakteur, erklärte der SZ: "Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Platzierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste. Sie ist durch die Akkumulation von Punkten eines Mitglieds der Jury zustande gekommen. Die öffentliche Diskussion hat selbstverständlich auch innerhalb der Jury zu einem heftigen Austausch geführt. Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung. In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Platzierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen. Im Übrigen werden wir das Verfahren der listenmäßigen Platzierung derart erneuern, dass keine Platzierung eines einzelnen Mitglieds der Jury möglich ist."

Auf die öffentliche Kritik an der Aufnahme des Sieferle-Buches in die Liste hat bisher kein Jury-Mitglied mit der öffentlichen Erläuterung seiner Gründe reagiert, für Sieferles Buch zu votieren. Jens Bisky, Sachbuch-Redakteur der SZ, der nicht für Sieferles Buch votiert hat, ist am Sonntag aus der Jury ausgetreten.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist bekannt, wer "Finis Germania" auf die Sachbuch-Empfehlungsliste setzen ließ: Es handelt sich um den Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel. Dieser hat am Montag seinen Rücktritt aus der Jury bekannt gegeben. In einer Erklärung gab Saltzwedel an, er habe "bewusst ein sehr provokantes Buch" zur Diskussion bringen wollen: "Sieferles Aufzeichnungen sind die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er." Die SZ stellt die Veröffentlichung der Liste "Sachbücher des Monats", die sie bislang gemeinsam mit dem NDR präsentiert hat, ein. Auch NDR Kultur setzt die Zusammenarbeit mit der Jury aus.