Roman "Wiener Straße" Sven Regeners Ode an das alte Kreuzberg

Bilder des untergegangenen West-Berlin: Leander Haußmanns Verfilmung von Sven Regeners Romandebüt "Herr Lehmann".

(Foto: Delphi Filmverleih)

In "Wiener Straße" versammelt Regener erneut seine Romanfamilie aus "Herr Lehmann" und erzählt vom Lebensgefühl des untergegangenen Westberlin.

Von Gustav Seibt

Das "Café Einfall" öffnet eigentlich erst um 18 Uhr. Aber am Morgen muss es durchgewischt werden, und die Klos brauchen auch eine summarische Reinigung. Also steht die Tür offen. Draußen liegt die Wiener Straße, hinterm Görli, dem heute so beliebten Drogenbrennpunkt. Doch wir sind im November 1980, da warnt der Kontaktpolizist zwar schon vor Junkies - Drogen in der Kneipe, das wäre ein Grund, sie zu schließen, nehmt also besser Kaffeelöffel mit kleinem Loch, damit niemand auf falsche Gedanken kommt. Aber noch ist man weit entfernt vom mafiagesteuerten Großhandel, der heute die Szene beherrscht.

Eher bräuchte man einen Kaffee am Morgen, darum fragt alle paar Minuten jemand in die geöffnete Tür des "Einfall" hinein, ob schon offen ist. Nein, wir machen nur sauber. Geduldig muss dies immer wieder Frank Lehmann erklären, der Gute. Er wischt ganz gern, diese Tätigkeit ist stressarm und betrachtsam. Natürlich kennen wir Herrn Lehmann längst, aber das ist gar nicht so wichtig.

Der Wirt, dem Lehmann Lohn gibt, Herr Kächele aus dem Schwabenland, hat eine Nichte namens Chrissie, die den vielen Anfragen die Marktlücke ablauscht: Wie wäre es mit einer Morgenöffnung des "Einfall"? Könnte man gar Kuchen zum Kaffee anbieten, zwei Mark das Stück? Bräuchte man dafür nicht eine zusätzliche Tresenkraft, die dann "Geld wie Heu" machen könnte? Und wäre Chrissie nicht die berufene Person dafür? Dann könnte sie ihrem Onkel auch die Miete bezahlen, denn bei Erwin Kächele hat Chrissie ihr Zimmer.

So geschieht es in Sven Regeners jüngster Erzählung aus dem alten Kreuzberg, die noch einmal seine seit "Herr Lehmann" (2001) bekannte Romanfamilie versammelt: Lehmann, Karl Schmidt, Kächele, den Chauffeur und Ossi Marko, Künstler wie H. R. Ledigt oder P. Immel, Leute, die Berlins liebenswürdige Schwäche für Wortspiele im Namen tragen. Und diese Erweiterung des Geschäftsmodells des Einfalls ist schon der erheblichste Handlungsstrang von "Wiener Straße".

Auch die Schauplätze bleiben ganz bei sich: Links und rechts des "Einfalls" liegen einerseits die "ArschArt Galerie" und andererseits ein Intimfriseur, der aber auch eher in die Gastronomie tendiert. Die "ArschArt" hat Größeres vor, sie will sich bei einer vom Bezirk geförderten Kunstausstellung mit Installation und Performance beteiligen (nächster Handlungsstrang). Außerdem simuliert sie das Rollenmuster "Besetztes Haus" für einen ZDF-Journalisten, der mit SFB-Mitteln darüber eine Reportage dreht, die genau da schwebt, wo seinerzeit ganz Berlin und heute noch Sven Regeners Romane leben: an der Schwelle von Kunst und Leben.

Was Sie vor der Wahl noch lesen sollten

Elena Ferrante, Henryk M. Broder und das Matthäus-Evangelium. Wir haben Künstler und Intellektuelle um Buchtipps gebeten, die bei der Wahlentscheidung helfen. Protokolle von Ulrike Schuster mehr ...

Man muss ein paar Punks anheuern für die Deko vom selbstbestimmten Leben in der Ruine, andererseits ein paar Mitarbeiter der Galerie in Bauklamotten werfen, wegen des Aspekts "Instandbesetzung". Gut, dass der ZDF-Mann ein Österreicher ist wie der recht autoritäre Herr P. Immel, die haben bekanntlich viel Sinn für Aktionskunst. Der Dreh gelingt (dritter Handlungsstrang). Kurz nach ihrem Debüt haben es Regeners Romanfiguren 2003 sogar ins Kino geschafft.