Roman: Angerichtet Sie flüstern, sie schreien, sie dozieren

Da will man genauer wissen, wie sie sich von einer Sekunde auf die andere in Totschläger verwandeln - und in diesem sehr entscheidenden Punkt erweist sich Koch als raffinierter Analytiker. Er lässt die Eltern einfach reden, und gerade bei Serge und seine Frau Babette kommt da mit der Zeit ein abgründiges Vexierbild zum Vorschein. Man ist ein bisschen liberal, man ist bisschen links, man ist darin geübt, soziale Diskriminierung oder die Machtverhältnisse der Geschlechter in schwindelerregenden dialektischen Argumentationen zu entlarven: Aber das ist eben alles einstudiert und nicht durch Überzeugungen gedeckt, um die man einmal gekämpft, für die man notfalls auch einmal einzustehen hätte.

Die einstudierte Moral reicht nicht aus

Hier werden Haltungen vorgeführt wie die Accessoires eines bestimmten Lebensstils. Das mag gut gehen, so lange es nicht zu Konflikten kommt. Als aber die beiden Cousins bei ihrem nächtlichen Streifzug durch die Stadt spontan ein paar Euro abheben wollen und daran von einer stinkenden, betrunkenen Obdachlosen gehindert werden, reicht solchermaßen einstudierte Moral nicht mehr aus, um sie daran zu hindern, ihr Recht auf nächtlichen Spaß mit Gewalt durchzusetzen. Sie schlagen zu.

Ist das eine Erklärung oder sogar eine Entschuldigung? Spielt nicht auch eine Rolle, dass einer der beiden Lohman-Brüder schon immer Probleme mit Gewalt hatte und deswegen sogar in Behandlung war? Wo er solche Fragen stellt, die man auch in kirchlichen Akademien oder abendlichen Talkrunden schätzt, ist dieser Roman zwar perfekt konstruiert, aber nicht unbedingt originell. Er bietet dann reichlich Material, moralische Dilemmata durchzubuchstabieren und viele werden ihm dabei bereitwillig folgen, denn er präsentiert sie im Gewand eines Thrillers, der sich am Ende zu einer wahrhaften Katastrophe steigert, die alle Figuren als moralische Monster zurücklässt.

Ununterbrochen reden sie in diesem Roman, in inneren Monologen, zu zweit, zu dritt zu viert. Sie flüstern, sie schreien, sie dozieren, sie schmeicheln sich bei ihrem Gegenüber ein. Gesagt wird dabei freilich nichts. Wie sich dieses dröhnende Schweigen in Gewalt entlädt, hat Herman Koch meisterhaft beschrieben.

HERMAN KOCH: Angerichtet. Roman. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 309 Seiten, 19,95 Euro.