Roma-und-Sinti-Philharmoniker Musik gegen Klischees

Dirigent Riccardo Sahiti und die Roma-und-Sinti-Philharmoniker: Am Mittwoch führt das Orchester das "Requiem für Auschwitz" erstmals in Deutschland auf.

(Foto: Paul Mueller/wita/dapd)

Der "Frankfurter Philharmonische Verein der Sinti und Roma" möchte durch seine Konzerte gegen das Vorurteil ankämpfen, dass "Roma pauschal kriminell" seien. Bei ihren jetzigen Auftritten zeigen sie gemeinsam, dass die Roma-Kultur absolut nichts mit "lustigem Zigeunerleben" zu tun hat.

Von Ronny Blaschke

In den letzten Minuten vor dem Konzert fragt sich Riccardo Sahiti, ob er in einem Traum ist. Er steht im verzierten Dirigentenzimmer des Rudolfinums in Prag, einem der wichtigsten Konzerthäuser Europas. Der Mann blickt auf die gerahmten Fotos seiner Idole, auf Karajan, Kleiber, Bernstein, und legt die rechte Hand auf das Klavier. Riccardo Sahiti ist 51 Jahre alt, doch er ist nervös wie ein Junge vor der Schulprüfung. Er schließt die Augen, geht die ersten Noten der Partitur durch. Seine Frau greift ihm über die Schulter und streicht sein schwarzes, volles Haar glatt. Ein Klopfen, jemand öffnet die schwere Holztür, hinein dringt das laute Stimmengewirr der Gäste. Sahiti nestelt an seinem Frack, gibt seiner Frau einen Kuss auf die Wange. Er muss auf die Bühne.

Riccardo Sahiti wird mit langem Applaus begrüßt, der Saal ist ausverkauft. Er geht ans Pult, schaut den Musikern in die Augen, er lächelt, und alle lächeln zurück. Fast auf den Tag vor zehn Jahren hat Sahiti die Roma-und-Sinti-Philharmoniker gegründet. Es war ein kleines Projekt zu Beginn, wurde kaum ernst genommen, doch nun steht Sahiti vor sechzig Musikern, sie stammen aus Deutschland, Rumänien, Ungarn. Die Mitglieder des Orchesters gehören einer Minderheit an, einige wurden als Zigeuner beschimpft, andere gemobbt. Im Rudolfinum spielt das Orchester fürs Publikum, für sich - und gegen Klischees.

Riccardo Sahiti ist in der Nähe von Pristina im Kosovo aufgewachsen. Seine Eltern waren wohlhabend, schenkten ihm ein Klavier, schickten ihn auf die Musikschule nach Belgrad. Er probte bis zu 15 Stunden am Tag, erhielt 1988 ein Stipendium in Moskau, vier Jahre später flüchtete er vor dem Kosovo-Krieg nach Frankfurt. Er bewarb sich bei Orchestern um eine Anstellung. Immer wieder bekam er Absagen. Der Direktor einer Musikschule sagte ihm einmal: "Sie haben großes Talent, aber Sie passen nicht zu uns." Sahiti fragte, ob die Abweisung mit seiner Roma-Herkunft zu tun habe, eine Antwort erhielt er nicht. "Vielleicht wäre es mir mit einer deutschen oder amerikanischen Staatsbürgerschaft leichter ergangen."

Anfang des Jahrtausends schuf Riccardo Sahiti dann seine eigene Form des Protests. Er wusste, dass Sinti und Roma in großen Orchestern vertreten sind, in der Wiener Staatsoper, im MDR-Sinfonieorchester in Leipzig, im Nationalorchester Rumäniens. Er lud Musiker ein, die andere Musiker einluden. Vor den Proben ließ er sie in seiner Wohnung übernachten, zwischen Plattensammlung und Konzertplakaten, sie diskutierten bis in die Nacht. Tagsüber verteilten sie Flugblätter. Und dann, nach Monaten der Planung, gaben die Roma-und-Sinti-Philharmoniker im November 2002 in Frankfurt ihr erstes Konzert. Niemand bat um eine Gage. "Der Saal war voll, die Leute kamen tatsächlich wegen uns." Sahiti spricht mit brüchiger Stimme, er unterdrückt seine Tränen. Er musste sich lange mit Jobs durchschlagen, durch das Roma-Orchester fand er seine berufliche Erfüllung, wenn auch nicht seine finanzielle.

Viele Musiker verschweigen ihre Herkunft, aus Angst vor Vorurteilen

"So verlieren wir uns nicht aus den Augen", sagt der Geiger Johann Spiegelberg, Mitglied der ersten Stunde. Spiegelberg hat eine jüdische Mutter und einen Vater mit Roma-Wurzeln, seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. "Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht, ich muss auch an meinen Sohn denken." Spiegelberg ist in Rumänien aufgewachsen, am Schwarzen Meer, er hat eine hervorragende Ausbildung genossen. Seit zwei Jahrzehnten lebt und musiziert er in einer ostdeutschen Großstadt. Hin und wieder lassen ihn Menschen spüren, dass er woanders herkommt. Neulich fuhr er nach einem Konzert, noch im Frack, mit seinem Mercedes zur Tankstelle; zwei Jugendliche musterten ihn und riefen: "In Deutschland lässt es sich gut leben auf unsere Kosten." Spiegelberg ließ sich nicht provozieren.

"Mit diesem Orchester können wir zeigen, dass Roma nicht pauschal kriminell sind", sagt Johann Spiegelberg, auch wenn ihm das zuwider ist. Bekannte Sinti und Roma wie die Sängerin Marianne Rosenberg, der Jazzmusiker Django Reinhardt oder der Dirigent Riccardo Sahiti werden von Politikern als Leitfiguren herausgestellt. Doch viele Musiker verschweigen laut Spiegelberg trotzdem ihre Herkunft, aus Angst vor Vorurteilen. Aus Angst, noch mehr leisten zu müssen, in Vorspielen, Proben, Konzerten. Da geht es ihnen nicht anders als Arbeitern, Akademikern, Sportlern. In Prag hatten es die Organisatoren schwer, Kontrabässe für die Roma-Philharmoniker zu leihen. Die Verleih-Unternehmen fürchteten, sie würden die Instrumente nicht wieder sehen.